Österreich-Wahl Darf ich bitten?

Fraglich war nur das Ausmaß des Triumphs: Sebastian Kurz und seiner ÖVP stehen nach dem Wahlausgang in Österreich zig Optionen offen. Ein neues Bündnis mit der FPÖ dürfte dem Ex-Kanzler zu riskant sein - aber was ist mit den starken Grünen?
Ex- und sehr wahrscheinlich künftiger Kanzler Sebastian Kurz

Ex- und sehr wahrscheinlich künftiger Kanzler Sebastian Kurz

Foto: Matthias Schrader/ AP

Am Ende kam es noch dicker als von politischen Gegnern befürchtet: Sebastian Kurz siegt bei den Wahlen zum österreichischen Nationalrat an diesem Sonntag mit 17 Prozentpunkten Abstand auf die zweitplatzierten Sozialdemokraten von der SPÖ. Fraglich war zuletzt ja nur noch das Ausmaß des Triumphs: Die 38,4 Prozent, die der Ex-Kanzler samt seiner konservativen ÖVP nach dem letzten Stand der Stimmenauszählungen eingefahren hat, übertreffen die Vorhersagen so gut wie aller Meinungsforscher. Sie bedeuten einen weiteren Zuwachs von sieben Prozentpunkten im Vergleich zur Wahl 2017.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Auch die Verlierer der Neuwahlen stehen fest. Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die durch das im Mai publik gewordene Ibiza-Video ursächlich verantwortlich für das Scheitern der Koalition mit der ÖVP war, landet bei gut 17 Prozent - ein dramatisches Minus von fast neun Prozentpunkten.

Die jahrzehntelang dominierenden Sozialdemokraten wiederum können von den jüngsten Affären der beiden Ex-Regierungsparteien nicht profitieren, im Gegenteil: Die SPÖ stürzt von zuletzt 26,9 Prozent um weitere fünf Punkte ab auf einen historischen Tiefstand.

Der Wahlsieger Kurz, trotz seiner nur 33 Jahre ein ausgewiesen gewiefter Taktiker, wird nun seine Karten sortieren - und erst einmal in Ruhe abwarten, bis die Schockwellen verebben, die das Wahlergebnis bei Sozialdemokraten und Freiheitlichen auslösen dürfte. Unklar ist dabei nicht nur, ob die SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, aller innerparteilicher Kritik zum Trotz, am Ruder bleiben darf - oder ob sie von einem der mächtigen Parteigranden beerbt wird, die um Ämter und Einfluss fürchten.

Videoanalyse: Ein Sieger - und eine überraschende Option

SPIEGEL ONLINE

Fraglich ist auch, ob in der FPÖ ein Machtkampf zwischen dem Parteichef Norbert Hofer und seinem bissigen Kompagnon Herbert Kickl droht; und, vor allem, ob der seit seinem Auftritt in der Ibiza-Finca aus dem Rampenlicht gedrängte Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache noch mit eigenen Enthüllungen gegen Parteifreunde aufwarten wird. Zuzutrauen wäre es dem erkennbar gekränkten ehemaligen Vizekanzler, dem nach der FPÖ-Krisensitzung am kommenden Dienstag schlimmstenfalls der Parteiausschluss droht.

Gut möglich also, dass für die bis Mai mitregierende FPÖ die Dinge demnächst aus dem Lot und etwaige Ministerämter außer Reichweite geraten. Denn ÖVP-Chef Kurz liebt Risiken, die überschaubar sind und hasst Überraschungen. Vor allem solche, die er - wie das Ibiza-Video - nicht selbst zu verantworten hat.

Der Ex-Kanzler hat nun vor Beginn der Koalitionsverhandlungen rein rechnerisch vier bis fünf Optionen:

  • Für eine Neuauflage des Bündnisses mit der stark geschrumpften FPÖ unter Parteichef Hofer sprächen zwar weitgehende inhaltliche Übereinstimmungen - vor allem in Fragen der inneren Sicherheit. Dagegen spricht aus Sicht von Kurz die Gefahr, ein weiteres Mal mit in den Affärenstrudel der Freiheitlichen hineingezogen zu werden.
  • Für ein Bündnis mit den geschwächten Sozialdemokraten spricht, dass die bewährte, bei Wählern aber unpopuläre Große Koalition dem Land Stabilität garantieren könnte; auf der Minusseite steht geringe inhaltliche Deckungsgleichheit in Fragen der Zuwanderung, der Steuer- und Sozialpolitik. Darüber hinaus gilt das Verhältnis zwischen Kurz und Rendi-Wagner spätestens seit den letzten Wahlkampfscharmützeln als unterkühlt.
  • Für ein rechnerisch mögliches Bündnis, entweder mit den Grünen allein oder zusätzlich mit den liberalen Neos, spräche aus Kurz' Sicht die Möglichkeit, innovative Ansätze mit ökologischem wie wirtschaftsliberalem Anstrich zu testen; bei Fragen der inneren Sicherheit, der Zuwanderung und der Sozialpolitik wären hingegen erhebliche Gräben zu überbrücken, vor allem mit den Grünen. Auch die Vorliebe von Kurz für straff organisierte Kommunikation und Außendarstellung träfe bei den selbstbewussten Kleinparteien wohl auf Widerstand - vor allem bei den Grünen, die ihr Ergebnis fast vervierfachen konnten.
  • Als letzte Möglichkeit hatte ÖVP-Chef Kurz zuletzt eine von ihm geführte Minderheitsregierung ins Gespräch gebracht. Der Kampf um wechselnde Mehrheiten verspräche demokratische Durchblutung, aber keine Stabilität. Dass es dazu kommt, ist wenig wahrscheinlich - es sei denn, sämtliche Verhandlungen würden zuvor scheitern.

Parteien bei der Nationalratswahl 2019

Es drohen langwierige Koalitionsgespräche, deren diskrete Moderation dem Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen obliegt, dem ehemaligen Parteichef der Grünen. Ob der die Absicht hat, ein Bündnis der Ökopartei mit der ÖVP aktiv befördern zu helfen, ist unklar.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Wahl des Taktikers Sebastian Kurz am Ende auf jenen Partner fallen, der am meisten zu bieten hat - oder am günstigsten zu haben ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.