Österreichs Bundeskanzler Der schrecklich fesche Herr Kern

Christian Kern, seit vier Monaten Kanzler von Österreich, ist ein Macher, den die Menschen mögen. In der Koalition teilen nicht alle die Sympathien - und nähren Gerüchte über Neuwahlen.

DPA

Von , Wien


Kaum ein Artikel über Christian Kern kommt ohne Verweis auf seine Vorliebe für maßgeschneiderte Anzüge aus. Das hat zum einen damit zu tun, dass der österreichische Bundeskanzler, 50 Jahre alt, jünger wirkend, mit seinem Kleidungsstil heraussticht aus der Reihe der grauen Männer in eher gewöhnlich sitzenden Anzügen. Es hat aber auch damit zu tun, dass viele Österreicher großen Wert legen auf das Äußere ihrer Politiker. Wie "fesch" doch dieser oder jener sei, hört man regelmäßig. Wer "fesch" aussieht, ist im Vorteil. Gelegentlich ist das sogar wichtiger als der politische Inhalt.

Da passt es gut, dass die österreichische Presse Christian Kern gerne als Stilikone feiert. Kern ist seit Mai Bundeskanzler Österreichs, als Nachfolger seines sozialdemokratischen Parteifreunds Werner Faymann, der am Ende glücklos agierte und zurücktrat.

Kern, Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs, ist in einer Arbeitergegend von Wien groß geworden. Er hat in seiner Heimatstadt Kommunikationswissenschaften studiert und später eine Managerausbildung in St. Gallen absolviert. In der SPÖ galt er schon seit einigen Jahren als Kandidat für das Amt des Regierungschefs. Als jemand, der das Steuer herumreißen könnte, wenn es mal nötig werden würde. Gerne befeuerte er Gerüchte über seine Ambitionen, nur um sie sofort wieder zu bestreiten.

Damals war er Chef der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die er - auch mithilfe von staatlichen Zuschüssen - modernisierte und der er ein frischeres Image verpasste. Große Aufmerksamkeit wurde ihm zuteil, als er während des Flüchtlingszustroms 2015 unbürokratisch Hilfszüge organisierte und Kanzler Faymann kritisierte, zu dem er ansonsten einen guten Draht hatte. Politische Erfahrungen hatte Kern bis dahin in den Neunzigerjahren als Sprecher und Büroleiter des SPÖ-Fraktionschefs gesammelt.

Als Kern antrat, wurden große Hoffnungen in ihn gesetzt. Er sprach von einem "Neustart" der großen Koalition, scheute sogar vor dem Begriff "New Deal" nicht zurück, den es mit der christlich-konservativen ÖVP auszuhandeln gelte. Man werde den "Stillstand" und das "geistige Vakuum" der Republik angehen und die "schlechte Laune" vertreiben, die Wirtschaft ankurbeln und neue Arbeitsplätze schaffen. Die ÖVP, Juniorpartner in der Koalition, reagierte geradezu verliebt. "Ja, ich will!", rief ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner Kern nach dessen Antrittsrede entgegen.

Von der Verliebtheit ist vier Monate später nicht viel geblieben. Die Koalition wirkt zerstritten, von Eitelkeiten getrieben. Man merkt es auch daran, dass die Frage, wer denn der beliebteste Politiker im Land sei, die politischen Zirkel wieder stärker beschäftigt.

Konkurrenz vom beliebten Außenminister

Und im Umfeld von Kern registriert man argwöhnisch, dass diese Rolle derzeit Außenminister Sebastian Kurz innehat. Kurz ist erst 30 Jahre alt und Hoffnungsträger der ÖVP. Seine Partei wiederum ist weit davon entfernt, stärkste Kraft zu werden, weshalb Kurz zögert, allzu sehr nach vorne zu preschen und ÖVP-Chef Mitterlehner seinen Posten streitig zu machen. Wären jetzt Wahlen, dürfte die rechtspopulistische FPÖ Umfragen zufolge Nummer eins im Land werden.

Nationalratswahlen stehen planmäßig zwar erst 2018 an, doch schon jetzt kriselt es gewaltig. Koalitionspolitiker betonen umso heftiger, an den Spekulationen über einen vorgezogenen Wahltermin sei nichts dran.

Überhaupt müsse ja am 4. Dezember zunächst ein Bundespräsident gewählt werden, eine etwas unangenehme Geschichte, denn es ist die verschobene Wiederholung einer Stichwahl. Entweder wird der Grüne Alexander Van der Bellen nächstes Staatsoberhaupt oder der FPÖ-Mann Norbert Hofer, der, womit wir wieder bei Kern wären, bessere Anzüge trägt als Van der Bellen.

Würde Kern eine Koalition mit den Rechtspopulisten eingehen? Das ist die große Frage, und Kern weicht einer Antwort aus. Er belässt es bei Andeutungen. Die SPÖ, sagte er, werde "insbesondere der ÖVP und auch den anderen Parteien ihre Hand entgegenstrecken". In der Flüchtlingsfrage gelte es, Menschlichkeit mit Fragen der Sicherheit und Ordnung zu verbinden. Man werde "nicht mit Parteien zusammenarbeiten, die gegen Menschen und Minderheiten hetzen". Also nicht mit der FPÖ. Oder doch?

Inhaltlich gibt es zwischen SPÖ und FPÖ kaum Überschneidungen. In einem Internetchat fragt jemand: Herr Kern, warum können Homosexuelle in Österreich nicht heiraten? Kern antwortet: "Ein total absurder Zustand. Ich würde mir 2016 größere Entspanntheit wünschen."

Manche vergleichen Kern mit dem kanadischen Regierungschef Justin Trudeau, diesem coolen, jungen Premier, der eines seiner politischen Vorbilder ist. Kern ist ein netter Mensch, er hört den Leuten zu, gibt ihnen das Gefühl, sie ernst zu nehmen. Fragen beantwortet er oft ziemlich direkt.

Einem Journalisten sagte er kürzlich zum Thema EU-Mitgliedschaft der Türkei: "Man muss da der Realität ins Gesicht sehen. Die Beitrittsverhandlungen sind derzeit nicht mehr als eine Fiktion." Damit war der diplomatische Eklat perfekt: Kern und sein kleines Österreich preschen vor und wollen die Beitrittsgespräche mit der Türkei beenden - eine Haltung, die vermutlich so mancher EU-Staat teilt, aber außer Österreich niemand ausspricht. Kern musste beim EU-Gipfel in Bratislava zurückrudern. Auch eine Fähigkeit, die manche an ihm schätzen: Fehler eingestehen und korrigieren zu können. Man kann es auch als Sprunghaftigkeit deuten.

"Emporkömmling und Aufsteiger"

Die Wähler mögen ihn mehrheitlich. Die SPÖ, deren Parteichef Kern seit diesem Sommer ebenfalls ist, kann bei den Beliebtheitswerten nicht mithalten. Das bringt Kern gewissermaßen in die Bredouille, die richtige Linie zu finden: sozialdemokratisch, aber auch wieder nicht zu sozialdemokratisch.

Innerhalb der Partei wird Kern gelegentlich mit Begriffen wie "Emporkömmling" und "Aufsteiger" bedacht. Viele neiden ihm seinen Hang zum Perfektionismus, auch, dass er mehr Pragmatiker und weniger Ideologe ist. Zwar habe er Stallgeruch durch seine Herkunft, aber er sei eben kein in der Wolle gefärbter Roter.

Wie um zu beweisen, dass er es doch ist, lehnt Kern Ceta ab, das EU-Handelsabkommen mit Kanada. In einer Online-Befragung haben sich etwa 90 Prozent der SPÖ-Mitglieder darauf festgelegt - allerdings hatten sich nicht einmal acht Prozent aller Mitglieder daran beteiligt. Ebenso befürwortet Kern neuerdings eine "Maschinensteuer" und spricht von "Reaktivierung der Vermögensteuer" und "Arbeitszeitverkürzungen" - Dinge, die der Koalitionspartner ÖVP partout nicht will.

Inszenierung, das hat Kern verinnerlicht, ist Teil des politischen Geschäfts. Kürzlich joggte er zusammen mit dem britischen Außenminister und postete ein Foto auf Facebook.

Es genügte, um ihm die Aufmerksamkeit in Österreich zu sichern. Kern, sein Freizeitverhalten und der politische Seitenhieb auf Johnson waren Thema. Und sein Sportanzug, der deutlich schicker war als der von Johnson.

Schlamperei bei Präsidentenwahl
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nickleby 01.10.2016
1. Bundeskanzler Kern
Er ist ein Mann klarer Worte in Richtung Türkei, wo ja bekanntlich zur Zeit die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Er ist ein freundlicher, leistungsorientierter Mann, der, aus einfachen Verhältnissen kommend, sich durch Können, Fleiß und Zielstrebigkeit als erfolgreicher Mann für alle Positionen empfiehlt, also ' a man for all seasons' Darum ist es nicht nachzuvollziehen, wenn man so hämisch über ihn schriebt, wie der Autor es macht. Natürlich hat Herr Kern Recht, wenn er eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU für die nächsten Jahre ausschließt und auch Verhandlungen darüber einstellen möchte, und zwar bis zur grundlegenden positiven Änderung der politischen Verhältnisse in dem Land.
hansriedl 01.10.2016
2. Kanzler Kern-Rekodtempo-Kariereleiter
Kanzler Kern wurde im Rekord tempo die Karriere Leiter hoch gehievt. Mit Kern und Kurz könnten die Altparteien wirklich eine Renaissance erleben. Gutes Auftreten, klare Sprache, klare Ansagen, politischer Gestaltungswille und Leidenschaft......da muss ich mich nicht andauernd fremdschämen wie bei Gusenbauer oder Faymann. Wer hätte das gedacht. Wenn die zwei nur ein wenig klug sind arbeiten sie zusammen. Wenn sie sich wieder in kleinkariertem Polit Hickhack verrennen......dann ist Clown Strache wohl am Zug. Und dafür ist mir meine Heimat Österreich ehrlich gesagt zu schade. Was ihm fehlen dürfte, Stehvermögen wie Rückgrat. Vor allen kein Kriechen nach Brüssel wie, seine Vorgänger es taten. Keine Angst vor den schwarzen Mann aus Niederösterreich, der Versucht, Österreich aus der Dunkelkammer zu regieren. Damit meine ich den Onkel des Ex Finanzminiesters Bröll, der uns die HYPO alpe Adria samt 20 MRD Schulden bei einer Nacht u. Nebel Aktion um den Hals hängte.
Fragen&Neugier 01.10.2016
3. Was ist da nicht nachvollziehbar?
Über Werner Faymann wurde berichtet, wenn der in Merkels Büro gehe, habe er keine Meinung, wenn er rauskomme, dann habe er ihre. Werner Faymann hätte wohl die Politik von Kern selbst gemacht - aber es ging nicht, dazu wäre er zu unglaubwürdig geschrieben worden. Kern und Kurz sind Österreichs politisches Gesicht - es wird kaum eine Rolle spielen, wer unter den beiden Bundespräsident wird. Alexander Van der Bellen wird politisch zurückzubinden sein, falls er je was sagen wird, was nicht zu erwarten steht. Kernpunkt und Grund seiner Stimmen ist exakt ein Versprechen: NIE werde ich einen FPÖ-Kanzler angeloben. Norbert soll nun plötzlich "bessere Anzüge" als Van der Bellen haben? Während des Wahlkampfes war er noch "der Krüppel". Die Frage um CETA ist nicht primär eine von links oder rechts - es geht vor allem um die Frage, wer die erste Macht haben solle: die Wirtschaft, genauer die Konzerne, oder die Politik. Soll die Rechte wieder ordoliberal werden? Soll die Linke wieder den Primat der Politik vor der Wirschaft reklamieren? So glücklich mit der Kooperation, dem Dritten Weg, sind nicht alle. Die Rechten haben zum Teil das Vertrauen in die Selbstreinungskraft der Märkte verloren, bei der Linken hat man in Österreich nie ganz vergessen, dass es Fragen gibt, auf die die Wirtschaft keine Antworten hat, wo Kooperation nicht hilft. Sicher ist da die EU der Neocons ein Mentekel in der Flüchtlingsfrage. Fachkräfte und Renteneinzahler waren willkommen, nun haben die DAX-Konzerne in Deutschland noch keine hundert der gegen eine Million Ankömmlinge beschäftigt. Die, die in Arbeit gekommen sind, sind in KMU untergekommen. Sigmar Gabriel hängt noch der Kooperation mit den globalen Konzernen an, Christian Kern scheint andere wirtschaftliche Vorstellungen zu haben und Europa nicht den Konzernen allein überlassen zu wollen. Und - ob HC Strache gewählt wird oder nicht, seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen sind durch. Der völlig dergulierte Arbeitsmarkt in der EU bei bleibender Zuständigkeit der Nationalstaaten kann nicht aufgehen, die Kleinen Wohlhabenden merken es zuerst. Deutschland profitiert noch. Die deutschen Anti-Rechtsextremisten=Nazis vergessen, dass Jörg Haider ein EU-Fan und vielleicht auch ein Naziideologe war und wegen beidem aus der Partei geflogen ist. Haiders Partei war und ist das BZÖ und nicht die FPÖ, wenngleich er die FPÖ lange dominierte. Die Sozialdemokraten werden auf einen "starken Staat" zurückkommen, die Rechten auf eine ordoliberalere Haltung. Auf beiden Seiten wird in Österreich Schluss sein mit dem laissez faire für die Grosskonzerne und grenzenloser "Selbstregulierung der Märkte". Ob Kern, der junge Kurz sollte noch in der Aussenpolitik bleiben, oder Hofer oder Van der Bellen - egal, das kommt - falls die EU-Kommission nicht die Kavallerie schickt. Ganz vergessen auch in Deutschland, dass bei der Griechenlankrise, also noch vor der Flüchtlingskrise innert nur zwei Wochen Unterschriften für ein EU-Mitgliedschaftsreferendum gesammelt worden sind und formrichtig beim Parlament deponiert worden sind. Das kann, muss aber keine Abstimmung machen. Aber völlig gegen das Volk regieren kann kein Kanzler.
hansriedl 14.05.2017
4. Kanzler Kern
Fesch? Intelligent, gutes Auftreten, Rhetorikkurs, weis wie man mitreißende Rede halten kann. Lampenfieber und Nervosität bekämpfen und in Energie umwandeln, die Zuhörer erreichen und begeistern. Ist aber leider ein Weichei, deshalb nicht wählbar. Hr. Kurz ist dagegen ein Mann mit Handschlag Qualität, u. deshalb auch glaubhafter als Kern. Was unterscheidet Kurz von Macron?, beide wollen ihre unwählbaren Parteien retten, außerdem Reformen durchsetzen, die zu heiß wären für die alte Garde.
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