Offensive gegen Gaddafi Götterdämmerung in Tripolis

Die Niederlage Muammar al-Gaddafis steht offenbar bevor, die Rebellen hoffen auf die Eroberung seiner Hauptstadt Tripolis. Doch noch wehrt sich der Diktator. Experten warnen vor einer blutigen Entscheidungsschlacht - und vor der ungewissen Zeit nach einem Umsturz.

AFP

Aus Tunis berichtet


In Tunis wurde schon mal kräftig gefeiert: In der tunesischen Hauptstadt tanzten und feierten in der Nacht zum Sonntag Hunderte Männer vor der libyschen Botschaft. Sie sahen den Sieg der Rebellen gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi bereits als gesichert - und sich schon bald auf dem Weg nach Hause. Seit Beginn des Aufstandes gegen den libyschen Despoten im Februar sind Zigtausende Libyer vor dem Krieg ins Nachbarland geflohen. Nun hoffen sie, rasch in die alte Heimat und ein neues Libyen zurückkehren zu können.

Grund für die Vorfreude der Feiernden waren neue Kämpfe in Libyen, die am Samstag die Hauptstadt Tripolis erreichten. Von Samstagabend an lieferten Truppen der Aufständischen und Soldaten von Diktator Gaddafi sich in der Stadt heftige Gefechte. Westliche Reporter vor Ort berichteten, aus mindestens vier Stadtteilen seien Explosionen sowie Gefechtslärm von leichten und schweren Waffen zu hören.

Am Sonntag rückten die Aufständischen eigenen Angaben zufolge weiter in Richtung Tripolis vor, gleichzeitig wächst die Verwirrung: Steht Libyen wirklich die "Stunde Null" bevor, wie die Rebellen siegessicher verkünden? Gaddafi jedenfalls wandte sich am Sonntagabend in einer vom Staatsfernsehen ausgestrahlten Audiobotschaft an seine Anhänger - und zeigte sich siegesgewiss.

Trotz aller Unklarheit, wer wen wo bekämpft und wer zur Stunde die Oberhand hat: Daran, dass der Funke der Revolution nun endgültig auch auf die libysche Hauptstadt übergesprungen ist, besteht kaum ein Zweifel. "Tripolis hat sich erhoben, ganz klar", sagte Alistair Burt, britischer Staatssekretär im Außenministerium, Alistair Burt. Die Hauptstädter hätten wohl den Eindruck bekommen, dass die Anstrengungen der Rebellen außerhalb Tripolis Früchte getragen haben und es nun sicher ist, den Aufstand gegen das Regime Gaddafis zu proben, so Burt. Der Konflikt sei damit an einem "außerordentlich wichtigen Punkt angekommen".

Die Nachrichtenagentur AP berichtete am Sonntagnachmittag, in Tripolis hätten Tausende Menschen gegen Gaddafi demonstriert - und dabei auch der Gefahr durch auf Dächern postierten Scharfschützen getrotzt.

Gaddafis Sturz scheint unausweichlich, auch wenn er vielleicht nicht so unmittelbar bevorstehen mag, wie es die Rebellen und die heimwehkranken Exil-Libyer in Tunesien hoffen mögen. "Gaddafi ist immer noch stark, das kann noch zwei Wochen oder zwei Monate dauern", sagte der tunesische Journalist und Libyen-Experte Dschemi Kasmi SPIEGEL ONLINE. Der Oberst sei ein gewiefter Stratege und immer für eine Überraschung gut. "Er hat immer noch seine Luftwaffe und eine Menge Scud-Raketen. Da kann noch viel passieren." Der Sprecher des Nationalen Übergangsrats der Rebellen, Ahmed Dschibril, rechnete damit, dass es "mehrere Tage dauern dürfte, bis Gaddafi umzingelt ist".

Experten warnen, dass Gaddafi in seiner Hauptstadt große Unterstützung genießt und der Kampf noch lange nicht vorbei sein könnte. Das Stadium des Endkampfs sei noch lange nicht erreicht, sagte Phyllis Bennis vom Institut für Politikstudien in Washington dem Sender al-Dschasira. Gaddafis Machtbasis in der Stadt sei solide. "Tripolis ist eine andere Liga."

Eine Falle von Gaddafi?

Unter Gaddafi-Gegnern schien es am Sonntag sogar Zweifel zu geben, ob der Angriff auf Tripolis nicht verfrüht war. Al-Dschasira berichtete, ein Sprecher der Übergangsregierung in Bengasi habe laut darüber nachgedacht, ob die Rebellen etwa in eine Falle gelaufen seien. Es bestehe die Möglichkeit, dass Gaddafis Truppen sie in die Stadt gelockt haben könnten, um sie dort zu massakrieren.

Ein Twitter-Nutzer, der unter dem Namen "2011feb17" aus Tripolis zu berichten scheint, schreibt, der Aufstand der Gaddafi-Gegner in Tripolis habe zu früh begonnen. "Wir haben hier schwere Verluste und die Freiheitskämpfer aus Misrata und Sawija sind noch nicht hier. Das war meiner Ansicht nach ein großer Fehler."

Der Fall des Regimes mag noch einige Blutopfer kosten, unausweichlich ist er trotzdem, darin scheinen sich alle Experten einig. Die Frage ist nun, wie die 41 Jahre währende Herrschaft des Diktators enden wird: Wird Gaddafi bis zum eigenen Tod kämpfen? Wird er ins Exil fliehen? Oder kann der Gaddafi-Clan das Ende seiner Alleinherrschaft womöglich politisch überleben und auch im neuen Libyen eine Rolle spielen?

Gerüchte um Gaddafi-Flucht

Für Variante eins sprechen Gaddafis Audiobotschaft und die martialischen Äußerungen des Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam. Im Morgengrauen am Sonntag zeigte das libysche Staatsfernsehen eine angeblich am Vortag aufgezeichnete Rede Saifs. Darin wandte sich der Diktatorensohn an ein Gruppe von Jugendlichen und schwor erneut, lieber den Heldentod sterben zu wollen als aufzugeben: "Ihr werdet uns Libyer niemals sehen, wie wir uns ergeben und die weiße Fahne schwenken: Das ist unmöglich", rief er den jubelnden Jungappartschiks zu.

Im Gegensatz dazu schwirren seit Tagen Gerüchte, die Gaddafis planten, sich abzusetzen oder hätten das gar schon getan. Vergangene Woche hieß es in Tunis, Venezuelas Präsident Hugo Chávez habe einen Privatjet ins tunesische Dscherba geschickt, um seinen Despotenkollegen auszufliegen.

Am Sonntag nun berichtete die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf gut informierte Kreise in Tripolis, der Staatschef und seine Familie hielten sich unweit der Grenze zu Algerien in Südlibyen auf. Dort würden sie von Angehörigen des al-Orban-Stammes beschützt. Eine Bestätigung für diese Nachricht von Seiten der Rebellen gab es bislang nicht, doch Dschemi Kasmi in Tunis hält es für möglich, dass Gaddafi Zuflucht an der algerischen Grenze gesucht hat. "Algerien unterstützt Gaddafi immer noch, wenn er fliehen will, dann vermutlich dorthin." Dagegen spricht, dass der Machthaber am Abend versicherte, in Tripolis zu sein.

Ein früherer Vertrauter Gaddafis ist nach seiner Flucht aus Tripolis mittlerweile in Italien eingetroffen. Der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa bestätigte entsprechende Berichte über Abdel Salam Dschallud. Wo sich die frühere Nummer zwei Libyens aufhielt, sagte La Russa nicht. Den Aufständischen zufolge hat sich der frühere Ministerpräsident von Gaddafi losgesagt. Dschallud hatte den Oberst bei dessen Putsch 1969 maßgeblich unterstützt und galt zwei Jahrzehnte lang als sein engster Vertrauter.

"Wir alle sind bereit, Märtyrer zu werden"

Wie angespannt die Lage in Gaddafis Hauptstadt inzwischen ist, zeigt ein dramatischer Fernsehauftritt in der Nacht zum Sonntag: Da schwenkte die Nachrichtensprecherin des Staatsenders plötzlich einen Revolver und schwor den Gaddafis Kadavergehorsam (siehe YouTube-Video unten). "Mit dieser Waffe werde ich heute entweder töten oder sterben, aber ihr werdet den al-Libya-Kanal nicht einnehmen", so die Ansagerin vor laufender Kamera. Alle Mitarbeiter des staatlichen Fernsehens seien bewaffnet. Die wenigen, die keine Waffe trügen, würden sich als menschliche Schutzschilde vor ihre Kollegen werfen, so die junge Frau. "Wir alle sind bereit, Märtyrer zu werden."

YouTube-Video: Kadavergehorsam in Libyens Staatsfernsehen

Nachrichtensprecherin mit Revolver: „Wir alle sind bereit, Märtyrer zu werden“


Wo das Ende Gaddafis nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint, wächst die Sorge, ob der als Rebellenregierung agierende Übergangsrat in Bengasi in der Lage ist, die Geschäfte in Tripolis zu übernehmen. Westliche Beobachter bezweifeln die Handlungsfähigkeit der Rebellenführung, die untereinander teils bis aufs Blut verfeindet ist. Unter den Rebellen gebe es nicht wenige Extremisten, so ein deutscher Helfer vor Ort in Bengasi. "Man darf nicht vergessen, dass der Aufstand begann, als die Gaddafi-Truppen eine Gedenkveranstaltung für die Toten einer Anti-Karikaturen-Demonstration auflösen wollte", so der Beobachter. Eine dänische Zeitung hatte im September 2005 Mohammed-Zeichnungen publiziert, deren Veröffentlichung in der gesamten islamischen Welt zu blutigen Protesten mit mindestens 150 Toten führte.

Die Rebellion habe islamistische Tendenzen, warnt auch Libyen-Experte Kasmi. "Da gibt es Elemente, die al-Qaida nahe stehen, andere sehen sich als Islamisten, wieder andere stufen sich als liberal ein." Kasmi fürchtet, dass angesichts der großen Differenzen unter den Rebellen der Sturz Gaddafis keine Lösung bringen wird. "Dann wird es eine zweite Runde Auseinandersetzungen unter den Rebellen selbst geben, und auch sie wird blutig sein."

Großbritanniens Schattenaußenminister Douglas Alexander äußerte sich am Samstag ganz ähnlich. Tragischerweise rutschten Länder nach einem Krieg oft zurück in Konflikte, so Alexander. Der Westen trage große Verantwortung, das zu verhindern.

Tatsächlich sei die Frage entscheidend, wie der Westen sich einer künftigen neuen Regierung in Tripolis gegenüber verhalten würde, sagt Kasmi. "Ist Europa bereit, mit einer Übergangsregierung zu verhandeln, in der Befürworter des militanten Islams sitzen?"

Der Fall Gadaffis sei erst ein erster Schritt zur Besserung der Verhältnisse in Libyen, doch der Weg sei lang, sagt Kasmi. "Die Zukunft für Libyen sieht nicht sehr rosig aus."

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Seite 1
trubeldubel 21.08.2011
1. .
SPON, was ist los? Cheffe die Seite gewechselt? Ich bin erstaunt... Rudert man nun schon zurück von der ständigen Kriegshetze? Der endsieg nahht nun leider leider sich nicht so schnell? GSG9 vielleicht zum Killen ausgeschickt?
S.I.C 21.08.2011
2. Du meine Güte.
Zitat von sysopDer Sturz Muammar al-Gaddafis scheint unmittelbar bevorzustehen, die Rebellen hoffen auf die Eroberung seiner Hauptstadt Tripolis. Doch noch weiß sich der Diktator zu wehren. Experten warnen vor einer blutigen Entscheidungsschlacht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781483,00.html
Wie wohlwollend sich die sachliche Berichterstattung der BBC vom SPIEGEL abhebt. Dort wird ruhig, Unabhängig und vor allem UNPARTEIISCH. Berichtet. Worte wie "Apparatschiks, massakrieren, Endkampf" usw fallen dort nicht. Tja und was soll ich sagen, ausländische Berichterstatter, die ihre eigenen Leute dort unten haben, berichten was ganz anderes als der SPIEGEL, der es augenscheinlich nötig hat, (gefakte?) Twitterprofile als Quelle zu nutzen. Ich meine wenn ihr wollt, mach ich mir auch ein Profil und schicke euch brühwarme "Neuigkeiten" direkt aus der Kesselschlacht um Tripolis. Dort fällt seit Stunden nicht ein Schuss übrigens.
Ernst August 21.08.2011
3. Der Putz ist ab
Zitat von sysopDer Sturz Muammar al-Gaddafis scheint unmittelbar bevorzustehen, die Rebellen hoffen auf die Eroberung seiner Hauptstadt Tripolis. Doch noch weiß sich der Diktator zu wehren. Experten warnen vor einer blutigen Entscheidungsschlacht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781483,00.html
Der Putz ist ab.
Gandhi, 21.08.2011
4. Die Hoffnung stirbt zuletzt
Mir ist schleierhaft, warum die Rebellen hoffen, dem Diktator koennte jetzt daemmern, dass er keine Chance hat. Er denkt wohl eher so wie Hitler, naemlich dass 'sein' Libyen untergehen soll, wenn es sich nicht gegen die 'Terroristen und NATO' behaupten kann. Erstaunlich, dass die Rebellen sich nun fragen, ob sie nicht zu frueh Tripolis angegriffen haben. Die Frage habe ich gestern im anderen Forum schon aufgeworfen, als die ersten Meldungen ueber die "Entscheidungsschlacht" eintrafen. Eine so grosse Stadt wie Tripolis kann man nicht mit 600 Mann befreien, selbst wenn man aus der Stadt Unterstuetzung erhaelt.
moliebste 21.08.2011
5. Man lernt dazu
Aha, Ulrike Putz ist jetzt in Tunis und schon mal räumlich näher am Geschehen als noch aus Jerusalem. Auch inhaltlich kommt sie nunmehr der tatsächlichen Lage bedeutend näher als vorher. Was den kurzfristigen "Erfolg" der NATO anbelangt, hängt alles davon ab, ob die gegenwärtige Neuauflage einer "shock and awe" - Unternehmung funktioniert oder nicht. Hier ist alles drin, bis hin zu völliger Blamage der NATO. Und dass selbst ein "Sieg" hochproblematisch ist, das scheint auch langsam zu dämmern. Übrigens: Von Tunis wäre es nicht weit bis, sagen wir mal: Zawiya.
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