Offensive gegen Taliban Afghanische Armee feiert sich als Sieger

Hunderte Tote, kaum Gegenwehr, Blitzsieg: Stolz meldet die afghanische Armee einen Erfolg in der Operation "Umkehr". Alle Feinde sollen vertrieben worden sein - doch die Taliban dementieren. In Wahrheit ist es höchstens ein Sieg auf Zeit.

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Berlin – Das Statement der Nato an diesem Donnerstag liest sich eindeutig. "Afghanische und Truppen der Isaf haben die Region Arghandab gereinigt und eine sichere und stabile Situation in der Region hergestellt", teilte das Hauptquartier der internationalen Truppen Isaf am späten Donnerstagnachmittag mit. Konkret soll das heißen, dass die rund 500 Taliban-Kämpfer, die den Bezirk in Südafghanistan seit Montagabend in ihrer Hand hatten, vertrieben wurden und nun die Staatsgewalt wieder Einzug hält.

Afghanische Soldaten: Erklärungen eines Siegers
DPA

Afghanische Soldaten: Erklärungen eines Siegers

Der Aufwand für die Rückeroberung des als strategisch wichtigen Gebiets gelang durch eine massive militärische Überlegenheit. Das Verteidigungsministerium in Kabul teilte mit, mehr als 1000 afghanische Soldaten und rund 300 kanadische Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf seien aktiv gewesen. Außerdem hätten Flugzeuge der Isaf massiv Ziele bombardiert, in denen radikalislamische Kämpfer der Taliban vermutet worden seien. Zahlen über Opfer nannte das Ministerium nicht.

Die Mitteilungen der Nato, vor allem aber der afghanischen Armee lesen sich wie die Erklärungen eines Sieges – wobei die Truppen lediglich auf eine bewusste Provokation der Taliban reagierten und die Kämpfer mit ihrer militärischen Überlegenheit zum temporären Rückzug zwangen. Siege indes sehen anders aus. Das wissen auch die Generäle bei der Nato. Wieder einmal hat man mit großem Aufwand erfolgreich reagiert, doch die Gefahr der Taliban keineswegs gebannt.

Heftige Feuergefechte, massive Luftangriffe

Per Telefon direkt von der Front berichtete General Amenullah Pattyanie nur zu gern von den Taten seiner Soldaten. "Wir haben den ganzen Distrikt zurückerobert, mehr als 100 Taliban getötet und viele mehr verwundet", sagte er SPIEGEL ONLINE. Zwar gestand der General ein, dass noch "eine kleine Gruppe von Taliban" in Arghandab sei, doch die Armee lasse keinen von ihnen entkommen. Jedes Haus werde durchsucht, so der ranghohe Soldat.

Nachprüfbar waren vor allem die afghanischen Angaben nicht. Kaum einer der Bewohner der Ortschaften konnte von der Operation berichten, fast alle Menschen waren bis zu Beginn der Militäraktion geflohen. Allerdings meldeten lokale Journalisten von heftigen Feuergefechten und massiven Angriffen aus der Luft durch Nato-Hubschrauber. Das Vorgehen zeigt, wie wichtig der Erfolg durch Afghanen und die Nato war – es war ein Kampf gegen die Symbolaktionen der Taliban.

Völlig ruhig ist die Situation jedoch nicht. Der Bruder von Präsident Hamid Karzai berichtete SPIEGEL ONLINE am Telefon, dass die Taliban viele Minen in den Ortschaften und an der Straßen gelegt hätten. "Solange wir die Minen nicht alle entschärft haben, wollen wir die Familien nicht auffordern, zurückzukehren. Doch vielleicht können sie morgen wieder in ihre Dörfer zurück", sagte Wali Karzai, der dem lokalen Parlament in Südafghanistan vorsteht.

Taliban: "Niemand von uns wurde getötet"

Die Taliban selber dementierten die Angaben aus Kabul. "Wir sind immer noch in der Gegend und niemand von uns wurde getötet", sagte der Sprecher der Gruppierung per Telefon von einem unbekannten Ort. Laut seiner Darstellung hätten die Soldaten statt Kämpfern der Taliban nur Zivilisten erschossen – eine Version, die die Taliban in der Vergangenheit stets verbreiteten, um das Ansehen der Nato und der afghanischen Armee zu schmälern. Selbstbewusst kündigte der Sprecher zudem an, man wolle in den kommenden Tagen das ganze Gebiet einnehmen.

Die Offensive sei nur auf wenig Widerstand gestoßen, hieß es. Dies passt durchaus zu einer Taktik, welche die Taliban in den letzten zwei Jahren praktizieren. Nachdem sie eine Region eingenommen haben und dies als Sieg feiern, warten sie auf einen Gegenschlag der Afghanen und der Nato. Wenn die recht trägen Militärapparate jedoch nach ein bis zwei Tagen einsatzbereit sind, finden sie kaum noch Feinde vor, da diese bereits geflohen sind und neue Attacken vorbereiten. Für sie, so westliche Beobachter, zählt viel mehr die Symbolik des kurzzeitigen Erfolgs.

Der Erfolg der Operation "Umkehr", er wirkt wie ein Sieg auf Zeit. Westliche Beobachter rechnen für die nächsten Monate mit einer Steigerung der Aktivitäten durch die Taliban. "Die Ernte des Mohns ist nun vorbei, es sind wieder viele junge Männer zum Kampf bereit und die Geldbeutel sind gut gefüllt", erklärte kürzlich ein westlicher Diplomat. Das nächste Ziel hätten die Taliban dabei schon ausgemacht: Die Eroberung von Kandahar, ihrer alten Hochburg. Auch dort würden sie sich nicht lange halten können, doch allein die Bilder wären mehr als ein symbolischer Erfolg.



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Seite 1
15962 19.06.2008
1. sechs jahre ununterbrochene siege
Zitat von sysopHunderte Tote, kaum Gegenwehr, Blitzsieg: Stolz meldet die afghanische Armee einen Erfolg in der Operation "Umkehr". Alle Feinde sollen vertrieben worden sein - doch die Taliban dementieren. In Wahrheit ist es höchstens ein Sieg auf Zeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,560825,00.html
so bomben (befreien) sich die besatzer, und ihre afghanischen verbündeten seit sechs jahren von sieg zu sieg. dumm nur, das die afghanischen widerstandskämpfer keine zeitung lesen, oder fernsehen. das erinnert mich doch irgendwie an die nachrichten in einem 1000 jahrigen reich, auch hier taumelte die streitmacht in russland von sieg zu sieg (bis die russen persönlich in berlin vorsprachen, und einiges richtig stellten). auch damals wurden übrigens immer nur die gegner getötes, und kaum ein soldat. ebenso wurde kein einziges flugzeug abgeschossen, nein sie stürzten alle ab. mal sehen, was in spätestens weiteren sechs jahren ist.
mark anton, 19.06.2008
2. Karzais Armee ist eine Hilfstruppe der Nato, mehr nicht
Im Gegensatz zu den Taliban/Terror Fanatikern fehlt hier die Aufheizung durch Mullahs sowie die Bereitschaft fuer Selbstmordkanditaten mit Sprengguertel in den Krieg zu ziehen. Waehrend die Disziplin der Karzai Armee sehr zu wuenschen uebrig laesst, ca. 20% sind in der Regel unentschuldigt abwesend und der Ausbildungsstand begrenzt, ist der Nachschub an Mensch und Material bei den Allah Kriegern die groesstenteils Paschtunen aus Koranschulen sowie alte Mudschah Heddins sind, unbegrenzt, fuer einen der eleminiert wird, sind 3 bereit gegen die Infidel in den Kampf zu ziehen. Fazit, auch ein Pyrrhussieg hilft nicht gegen die unumstoessliche Tatsache, dass die Afghanen unter sich sein wollen, ihnen ist Terror der Islamisten, brutale Machtausuebung der Warlords sowie Drogenbarone lieber als Natotruppen. Abziehen aller Natotruppen, die Verluste begrenzen und den Afghanen alles Gute wuenschen - die einzig vernuenftige Massnahme. Von den Schulen die man der Jugend baute, ist ca. 1/3 wieder abgefackelt von Fanatikern, da man keine Maedchen in Schulen sehen will, die gehoeren unter Schleier verpackt, rechtlos den Sitten ausgeliefert, da kann Schule nur stoeren. Das Auswendigpauken des Korans in arabisch genuegt, lebenslang Obidienz/Unterwerfung von ihnen zu bekommen.
stoldo 19.06.2008
3. ....
die Nato Truppen sollten sich in ihre Basen zurückziehen und nur noch im Notfall eingreifen , man hat die Afgahnische Armee um präsent zu sein ... es war noch nie besonderst schlau den Truppen ,die an der Eroberung eines Landes/einer Stadt beteiligt waren , die Aufgabe zu geben dies zu verwalten bzw zu sichern. ich glaube nicht dass die Nato mit ihrem schweren Gerät diese Art des Kampfes gewinnen kann .. Würde mich mal interessieren wiviele Taliban gegen die Nato kämpfen weil Familienangehörige durch Raketen etc umkamen .
atzlan 19.06.2008
4. ??
Zitat von sysopHunderte Tote, kaum Gegenwehr, Blitzsieg: Stolz meldet die afghanische Armee einen Erfolg in der Operation "Umkehr". Alle Feinde sollen vertrieben worden sein - doch die Taliban dementieren. In Wahrheit ist es höchstens ein Sieg auf Zeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,560825,00.html
Wenn die afghanische Armee nun stolz ihre Erfolge feiert, warum will dann noch die Bundesregierung im Herbst das deutsche Truppenkontingent von 3500 auf bis zu 4800 Soldaten erhöhen? http://www.pr-inside.com/de/zeitung-bis-zu-4800-bundeswehrsoldaten-fuer-r638757.htm Wann soll dieser sinnlose Krieg endlich zu Ende sein?
atzlan 19.06.2008
5. !
Zitat von stoldodie Nato Truppen sollten sich in ihre Basen zurückziehen und nur noch im Notfall eingreifen , man hat die Afgahnische Armee um präsent zu sein ... es war noch nie besonderst schlau den Truppen ,die an der Eroberung eines Landes/einer Stadt beteiligt waren , die Aufgabe zu geben dies zu verwalten bzw zu sichern. ich glaube nicht dass die Nato mit ihrem schweren Gerät diese Art des Kampfes gewinnen kann .. Würde mich mal interessieren wiviele Taliban gegen die Nato kämpfen weil Familienangehörige durch Raketen etc umkamen .
Die Rüstungsindustrie hingegen glaubt sicher ganz fest daran...
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