Türkische Offensive in Nordsyrien Ab jetzt herrscht Krieg

SPIEGEL-Redakteurin Alexandra Rojkov wollte in Nordsyrien ein Gefangenenlager für IS-Anhänger besuchen. Dann griffen die Türken das Gebiet an. Hier berichtet sie, wie sie die ersten Tage der Offensive erlebt hat.

Emrah Gurel/DPA

Aus Kamischli (Nordsyrien) berichtet


Der Krieg beginnt so leise, dass wir ihn erst bemerken, als er da ist. Wir sehen die Kondensstreifen am Himmel und wundern uns: Stammen sie von einer Drohne? Von einem Flugzeug? Dann knallt es. Der Frieden ist vorbei. Ab jetzt herrscht Krieg.

Am Tag zuvor hatte das noch niemand wahrhaben wollen.

"Macht euch Trump wieder Arbeit?", witzelt die Grenzbeamtin, als wir am Dienstag nach Nordsyrien einreisen. Wir, das sind die Fotografin Alice Martins und ich. Eigentlich wollen wir hier Lager besuchen, in denen ehemalige IS-Mitglieder festgehalten werden. Kurz bevor unser Flugzeug auf der Landebahn im irakischen Erbil aufsetzt, kündigt US-Präsident Donald Trump an, amerikanische Truppen aus Nordsyrien abzuziehen. Damit droht eine Kettenreaktion: Die Türkei will seit Langem gegen die Kurdenmiliz YPG vorgehen, die die Region kontrolliert. Jetzt hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan dafür freie Bahn.

Wird die Türkei jetzt in Syrien einmarschieren? Die Frau, die unsere Pässe kontrolliert, als wir die Grenze des Irak in Richtung Syrien überqueren, glaubt nicht daran. Wir hoffen, dass sie recht hat.

Wir fahren nach Norden in die Stadt Ras al-Ayn. Dort, direkt an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei, demonstrieren Hunderte Menschen gegen einen möglichen Angriff. Die Stimmung ist friedlich: Vor den Häusern sitzen Frauen in der Abendsonne und trinken Tee, Kinder spielen auf der Straße. Dazwischen huschen Kämpfer in Tarnkleidung umher, sie bereiten sich auf eine türkische Offensive vor. Die Familien, die hier wohnen, lassen sich davon nicht stören. Sie sind überzeugt, dass Erdogan nur droht, aber nicht angreifen wird. 120 Kilometer westlich rüsten sich in diesem Moment bereits türkische Truppen.

Überall laufen Nachrichten, aber niemand schaut hin

Alle Zeichen stehen auf Krieg, und trotzdem scheint ihn niemand sehen zu wollen. Wir übernachten in Kamischli, einer Großstadt an der syrisch-türkischen Grenze. Am Abend sind die Straßen voller Menschen. In jedem Café zeigt der Fernseher die Nachrichten, doch die Besucher schauen nicht hin. Sie unterhalten sich und hoffen darauf, dass der Alltag weitergeht.

Als wir am Mittwoch erneut zur Grenze fahren, ist alles anders. Erdogan hat angekündigt, binnen 24 Stunden anzugreifen. Gestern war die Autobahn leer - nun kommen uns Dutzende Lastwagen, Autos und Busse entgegen. Viele Familien haben ihren gesamten Haushalt auf die Ladeflächen gepackt: Kleidung, Kühlschränke, Möbel. Am Straßenrand sitzen Frauen und Kleinkinder und warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Als endlich ein Bus eintrifft, bricht Panik aus, alle wollen auf einmal einsteigen. Der Fahrer verlangt das Fünffache des normalen Preises. Wer nicht bezahlen kann, geht zu Fuß los.

Ras al-Ayn, das am Vortag noch ein belebter Ort war, ist verwaist. Die Geschäfte haben geschlossen, die Straßen sind menschenleer. Aber hinter den Fenstern harren immer noch Hunderte Zivilisten aus. Sie wollen ihre Heimat nicht aufgeben. Was wird aus ihnen, wenn hier bald gekämpft wird?

Und dann sehen wir sie, die Streifen am Himmel. Sie kündigen die türkischen Kampfjets an. Kurz darauf hören wir den ersten Knall und das Geheul von Krankenwagen. Rauch steigt in der Ferne auf. Alle Autos rasen nun gen Süden, auch wir wollen nur raus aus Ras al-Ayn. Viele Menschen haben noch immer keine Mitfahrgelegenheit gefunden und flüchten zu Fuß über die Felder.

In der Nacht schlagen Mörsergranaten ein

Kamischli liegt außerhalb der Region, die die Türkei offiziell angreifen will. Die Menschen glauben, hier sicher zu sein. Die Stadt gehört zwar zu der quasi-autonomen Kurdenregion, doch ein Teil wird noch immer vom syrischen Regime gehalten. Erdogan, so denken viele, wird nicht riskieren, Anhänger des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu beschießen, und so einen zweiten Konflikt zu provozieren. Wir täuschen uns.

In der Nacht schlagen Mörsergranaten in der Stadt ein, wir hören die Explosionen. Die türkischen Soldaten wollen Ziele der YPG zu treffen, doch sie schießen daneben. Die Geschosse landen stattdessen in Wohnhäusern. Ein Paar wird schwer verletzt, als eine Granate in ihren Garten fällt. Ein Junge stirbt, als ein Geschoss vor seinem Wohnhaus einschlägt.

Mit jeder Stunde steigt die Angst in der Stadt. Gerüchte machen die Runde: In dem IS-Gefängnis, das wir ursprünglich besuchen wollten, sollen die kurdischen Wärter abgezogen worden sein. Es heißt, man brauche sie an der Front. Die Meldung stimmt nicht, doch es macht sich Panik breit. Der "Islamischer Staat" (IS) ist zerschlagen, aber nicht besiegt: Viele Kämpfer sind untergetaucht und warten nur auf eine Gelegenheit, wieder zuzuschlagen.

Im Video: IS-Angehörige sollen aus Lager in Nordsyrien geflohen sein

ERDEM SAHIN/ EPA-EFE/ REX

Nun fürchten sich die Menschen nicht nur vor den türkischen Truppen. Sondern auch davor, dass der IS wiederkehrt, der die Gegend so lange terrorisiert hat. Die Kurden, die mit dem Angriff der Türkei beschäftigt sind, könnten ihre Bevölkerung in diesem Fall nicht schützen.

Droht wirklich ein Überfall des IS? Wie entwickeln sich die Kämpfe an der Grenze? Die kurdischen Behörden schweigen. Das Viertel um unser Hotel leert sich.

Am Freitag explodiert ein Auto vor einem Restaurant, in dem wir tags zuvor noch gegessen haben. Mehrere Menschen sterben, der IS reklamiert den Anschlag für sich. Fünf Islamisten brechen aus einem Gefängnis aus, das wenige Kilometer von unserem Hotel entfernt liegt. Nachts hören wir Schüsse und Detonationen.

Wie weit wird die Türkei vorrücken? Kommt der IS zurück? Und wie sieht die Zukunft Nordsyriens aus? Niemand weiß es. Nur eines ist sicher: Der Krieg, der so leise begann, ist nun sehr laut.

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bigroyaleddi 13.10.2019
1. ... und so wird es weitergehen ...
... leider. Denn der Sultan vom Bosporus hat die gleichen Probleme wie der Donald zu Hause. Schön einen Krieg entfachen, dann halten die eigenen Leute still. Und beim Donald ist es das Gegenteil. Er nimmt seine Truppen zurück, was er versprochen hatte. Gleichzeitig erweist er sich aber als eine Type, welcher man niemals trauen kann. So macht er die letzten Reste von US-amerikanischen Reputation kaputt. Und wir hier in EU? Wir werden schon sehr bald ganz andere Flüchtslingswellen erleben müssen.
ma.g 13.10.2019
2. Unmenschlich, barbarisch wie die Türkei als Eroberer in Nordsyrien
sich verhält. Die Tötungen von Zivilisten sind ab jetzt an der Tagesordnung, sogar vor Kinder machen diese Barbaren kein halt. Die Menschen in Nordsyrien sind dem Aggressor Türkei ohne Luftabwehr, ohne Kampfflugzeuge, ohne Panzer und schwere Geschütze ausgeliefert. Welch eine Feigheit seitens der Türkei mit einer schwerbewaffneten Armee von ca 1 000 000 Mann eine kleine leichtbewaffnete Truppe von ca 60 000 Kämpfern der Kurden zu überfallen. Mit der Absicht diese Menschen zu massakrieren, die seit ca 8 Jahren gegen den IS gekämpft haben. Die UNO sowie die Regierungen der NATO Staaten schauen weg und lassen einen blutigen Diktator gewähren. Welch ein Unrecht im Jahr 2019.
vulcan 13.10.2019
3.
Zitat von bigroyaleddi... leider. Denn der Sultan vom Bosporus hat die gleichen Probleme wie der Donald zu Hause. Schön einen Krieg entfachen, dann halten die eigenen Leute still. Und beim Donald ist es das Gegenteil. Er nimmt seine Truppen zurück, was er versprochen hatte. Gleichzeitig erweist er sich aber als eine Type, welcher man niemals trauen kann. So macht er die letzten Reste von US-amerikanischen Reputation kaputt. Und wir hier in EU? Wir werden schon sehr bald ganz andere Flüchtslingswellen erleben müssen.
Woran machen Sie das fest, dass man Trump 'niemals trauen kann'? Hat er irgendwann mal versprochen, die Kurden mit US-Truppen zu schützen oder mit ihnen in den Krieg zu ziehen? Ich glaube nicht.
rosinenzuechterin 13.10.2019
4.
Zitat von bigroyaleddi... leider. Denn der Sultan vom Bosporus hat die gleichen Probleme wie der Donald zu Hause. Schön einen Krieg entfachen, dann halten die eigenen Leute still. Und beim Donald ist es das Gegenteil. Er nimmt seine Truppen zurück, was er versprochen hatte. Gleichzeitig erweist er sich aber als eine Type, welcher man niemals trauen kann. So macht er die letzten Reste von US-amerikanischen Reputation kaputt. Und wir hier in EU? Wir werden schon sehr bald ganz andere Flüchtslingswellen erleben müssen.
Der "Sultan von Bosporus" hält sich schon ganz schön lange im Sattel, auch ohne Krieg. Daran kann es also nicht liegen. Sein Gehabe hat ihm zu Hause schon den Tourismus kaputt gemacht, das wird mit einem Krieg noch schlimmer werden. Dafür wird man ihn bestimmt nicht wählen und mit Blick auf die inneramerikanischen Reaktionen auf den Vietnamkrieg darf eine Kriegsbegeisterung an der Wahlurne bezweifelt werden. Die türkische Führung ist hier blindem Kurdenhass erlegen, sonst nichts. Die amerikanische Führung löst anscheinend ein Versprechen ein, welches grundsätzlich zu begrüßen ist. Man kann nicht auf die USA eindreschen, weil sie Krieg führen und gleichzeitig auf die USA eindreschen, wenn sie sich aus einem Krieg heraushalten wollen. Für eine Seite müssen Sie sich entscheiden. Die EU tut sicher gut daran, sich hier herauszuhalten. Würden EU-Soldaten in Syrien auch noch mitmischen ... äh ... europäische Interessen verteidigen, würden die Fluchtursachen noch verstärkt. Lieber holen wir uns noch einige syrische Arbeitskräfte nach Deutschland, als das wir uns an Kriegsverbrechen beteiligen. Wir sollten nur zulassen, dass Kriegsflüchtlinge bei uns auch arbeiten dürfen und nicht in Containern versauern müssen. Dann ist es egal, wie viele Flüchtlinge zu uns kommen.
labumberle 13.10.2019
5. Wer tut was für die kurden?
für mich sind die Kurden helden. sie haben einen essentiellen Beitrag geleistet uns vom IS zu befreien. Sie haben in ihren autonomen Gebieten lieberale und basisdemokratische Strukturen erschaffen. Unglaublich das die westliche Welt zuschaut wie dort " unsere werte" zerstört werden. Ich kann nur hoffen das mehr Türken Kritik an dem vorgehen Erdogan äußern damit dieses volk ohne Land endlich friedlich und zivilisiert leben darf
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