Offensive in Pakistan Viele Tote bei Gefechten zwischen Militär und Taliban

Bei schweren Kämpfen zwischen Pakistans Armee und den Taliban sind in Süd-Waziristan mindestens 20 Rebellen und vier Soldaten getötet worden. Für die Menschen in der Region wird die Lage immer bedrohlicher - das Flüchtlingswerk der Uno warnt vor einer humanitären Krise.

dpa

Peschawar - "Bis zum letzten Blutstropfen" werde gekämpft, verkündeten die Taliban während der heftigen Gefechte in Süd-Waziristan. In der Nacht zu Dienstag sind bei einer Offensive des pakistanischen Militärs mindestens 20 Radikalislamisten und vier Soldaten getötet worden. Die Extremisten wehren sich seit Beginn der Militäraktion in der Region am Samstag erbittert gegen die pakistanischen Truppen.

Seit dem Wochenende wurden nach pakistanischen Angaben rund hundert mutmaßliche Taliban-Kämpfer getötet, die Zahlen sind jedoch wegen der abgeschotteten Einsatzgebiete nur schwer von unabhängiger Seite zu bestätigen. Ausländische Journalisten dürfen die Region nicht betreten.

Süd-Waziristan gilt als sicherer Rückzugsort für Taliban- und Qaida-Kämpfer, die auch für Anschläge auf die Nato-Truppen in Afghanistan verantwortlich gemacht werden. In der Region könnte sich auch Qaida-Führer Osama Bin Laden versteckt halten.

Unklar blieb am Dienstag zunächst, ob Pakistans Militär Kotkai eingenommen hat, die Heimatstadt des radikalislamistischen Führers Hakimullah Mehsud. "Es scheint, als wollen sie sie um jeden Preis verteidigen", sagte ein hochrangiger Armeeangehöriger der Nachrichtenagentur AFP. Die pakistanischen Streitkräfte hatten den Sturm auf die Stadt am Montag vorbereitet und in den Außenbezirken Stellung bezogen. Die Agentur Reuters berichtete in Berufung auf den pakistanischen Geheimdienst, Kotkai sei erobert worden. Dabei seien Waffen und Sprengsätze sichergestellt worden.

USA unterstützen die Offensive

US-Verteidigungsminister Robert Gates zeigte sich am Dienstag durch die pakistanische Offensive "ermutigt". Die in den vergangenen Tagen in Pakistan verübten Terroranschläge hätten gezeigt, dass mit dem Problem umgegangen werden müsse, sagte Gates an Bord seiner Maschine auf dem Weg nach Tokio. Vor allem die USA hatten das Land gedrängt, endlich entschieden gegen die Extremisten in der Grenzregion vorzugehen. "Daher unterstützen wir es sehr, was Pakistan tut." Es sei jedoch noch zu früh, die Offensive zu bewerten.

In Süd-Waziristan kämpfen etwa 28.000 Soldaten gegen schätzungsweise 10.000 Taliban. Experten zufolge treffen die Truppen bislang auf weniger Widerstand als erwartet. Allerdings wird mit schweren Gefechten gerechnet, wenn die Soldaten die bewaldeten Berggebiete erreichen.

Nach Angaben der Armee sind mehr als 100.000 Zivilisten vor den Kämpfen in Süd-Waziristan auf der Flucht. Sie seien in den angrenzenden Bezirken Tank und Dera Ismail Khan untergekommen. Etwa 80.000 Menschen seien bereits in Erwartung der seit dem Sommer angekündigten Offensive geflohen. Mit dem Beginn des Militäreinsatzes seien rund 22.000 weitere Zivilisten geflohen.

32.000 Flüchtlinge in einer Woche

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) spricht von 32.000 neuen Flüchtlingen in der vergangenen Woche und warnt vor einer humanitären Krise in der Region. "Im Moment sprechen wir noch nicht von einer Katastrophe, aber es gibt eine Notsituation, auf die wir reagieren müssen", sagte die Sprecherin der Organisation in Islamabad, Ariane Rummery, am Dienstag.

Den Angaben zufolge sind die meisten Flüchtlinge bei Gastfamilien in den Nachbardistrikten Dera Ismail Khan und Tank untergebracht. Sie würden vom UNHCR und anderen Hilfsorganisationen mit Lebensmitteln, Decken und Sanitärartikeln versorgt. Auffanglager gebe es bislang nicht. Das UNHCR sei jedoch darauf vorbereitet, bei steigender Anzahl der Flüchtlinge in Kooperation mit den Behörden Lager einzurichten. Insgesamt sei man auf bis zu 250.000 Menschen vorbereitet. Derzeit könne jedoch niemand eine genaue Prognose abgeben, wie viele Menschen sich noch zur Flucht entschließen werden, sagte Rummery weiter.

Die pakistanischen Behörden befürchten, dass die Zahl der Flüchtlinge trotz der über Teile Süd-Waziristans verhängten Ausgangssperre in den kommenden Tagen auf 200.000 steigen könnte. In Süd-Waziristan leben rund 600.000 Menschen.

kgp/dpa/AFP/Reuters



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Seite 1
eigentlicher_Schwan 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Wenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
mauskeu 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Ich könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Justus F. 04.05.2009
3.
Zitat von eigentlicher_SchwanWenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
Genau, nach Berlin. Dann ist unser Kampf sogar gerechtfertigt!
X-Man 04.05.2009
4.
Zitat von mauskeuIch könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Nettes Gedankenspiel, aber leider Unsinn. Seit dem Rückzug der afghanischen Taliban über die Grenze stand fest dass die FATA die neue Basis der Gotteskrieger sind. Von 2002-2005 entstanden weit über 190 Ausbildungslager in den Stammesgebieten, lokale Milizen verschmolzen durch Allianzen mit Taliban-Elementen, ausländische Gruppen allen voran Al Qaida nisteten sich ein, es entstand eine nicht homogene aber ideologisch eng verstrickte Bewegung deren mächtigster Flügel heute die Tehrik e-Taliban ist. Für die pakistanische Führung war also längst klar welche Gebiete die neue Heimat der Taliban sind, man musste ihnen keinen Spielplatz zur Verfügung stellen. Der Einzug in Swat hat vielmehr damit zutun dass es Kreise des ISI und des Militärs gibt die sich nicht von amerikanischer Seite in die Terror-Bekämpfung hineinquatschen lassen wollen. Sie hegen zum Teil große Sympathie für die Taliban, bieten ihnen mit dem Swat ein Gebiet was sich weit weg von den üblichen Terrornestern Waziristans befindet und somit den Radius der Drohnenangriffe erweitert. Zudem erhofft man sich natürlich dort eine kashmir-nahe islamistische Bastion gegen den allgegenwärtigen Erzfeind Indien.
lupenrein 04.05.2009
5.
Man darf sich über die Ziele der Taliban in Pakistan (und im Dominoeffekt anschliessend Afghanistan) keine Illusionen machen. Die Regierung Pakistans - und indirekt auch Afghanistans - ist in ernster Gefahr. Und auch über einen 'Sieg' über die Taliban , dies besonders als Ausländer (USA usw) darf man sich keine Illusionen machen. Der asymmetrische Kriegsführung der Taliban ist mit normalen militärischen Mitteln (Terrorismus) nur sehr schwer wirksam zu begegnen. Am Beispiel der somalischen Piraten sieht man , wie schwierig es ist, mit militärischen Mitteln in diesem Versteckspiel mitzuhalten. Auch die Taliban führen einen (allerdings ideologischen) 'Versteck-spiel-Krieg' a la David gegen Goliath. Und noch eine Übereinstimmung: beide lassen mit sich nicht über eine Einstellung ihrer terroristischen Kampf nicht verhandeln. Alles in allem eine fatale Situation.
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