Offensive in Waziristan "Pakistan hat keine Chance"

Pakistans Regierung will die Macht in Waziristan erobern und die Taliban verdrängen. Doch der Krieg im bergigen Grenzgebiet zu Afghanistan gerät zur brenzligen Operation. Schon warnen Experten Islamabad vor einer Niederlage - mit verheerenden Folgen auch für den Westen.

AP

Von , Islamabad


Islamabad - Der Mann in dem weißen, knielangen Hemd und der weißen Hose kaut nervös an seinen Fingernägeln. Sein Bart ist grau vor Staub, die Lederriemen seiner Sandalen sind gerissen, es war ein langer Weg. Jetzt hockt er an eine Lehmwand gelehnt in dem Städtchen Dera Ismail Khan, außerhalb des kriegerischen Waziristans, seiner Heimat. Gemeinsam mit sechs Familienmitgliedern hat er sein Haus verlassen, ist den größten Teil der Strecke zu Fuß gegangen, ein paar Kilometer hat sie jemand mit einem Kleintransporter mitgenommen. Einige Habseligkeiten, die er nicht zurücklassen wollte, hat er in ein Tuch gebunden. Sein Rücken schmerze vom tagelangen Tragen, sagt er.

Jetzt ist er endlich am Ziel, er wartet gemeinsam mit Hunderten von Flüchtlingen, die sich alle registrieren wollen. Die Uno hat Listen vorbereitet, in die sich die Menschen eintragen können. Sie sollen dann in verschiedene Lager eingeteilt werden. Dort sollen sie bleiben, bis der Krieg der pakistanischen Armee gegen die Taliban in Süd-Waziristan vorbei ist.

Mohammed heiße er, sagt der Mann, und als er an der Reihe ist, weiß er nicht, was er mit dem Kugelschreiber anfangen soll, den ihm ein Helfer in die Hand drückt. Der Uno-Mann begreift, nimmt ihm den Stift wieder ab, reicht ihm ein Stempelkissen, und Mohammed drückt seinen Daumen erst in die Farbe, dann auf das Papier. Er nennt einen Namen und seinen Wohnort und gibt an, mit wie vielen Verwandten er unterwegs ist. Der Daumenabdruck ist die Unterschrift der Analphabeten. Mohammed lächelt. Er hat es geschafft.

Pakistanische Nachrichtensender zeigen, wie Tausende Menschen aus dem Kriegsgebiet im Nordwesten Pakistans in Orten wie Dera Ismail Khan ankommen. Rund 200.000 Menschen - knapp die Hälfte der Bevölkerung dieser Region - haben ihre Häuser verlassen. Ihre Heimat, Waziristan, ist zu einem Schlachtfeld geworden, Armee gegen Taliban, Staat gegen Terroristen, Soldaten gegen Guerillakämpfer.

Hier herrschen die paschtunischen Stämme - nicht die Regierung

Was ist das für ein Gebiet, in dem so heftig gekämpft wird? Die unwirtliche Bergregion, unterteilt sich in einen Nord- und einen Südteil. Das Gebiet gehört zu keiner der vier Provinzen des Landes, sondern zu den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung, nach dem englischen "Federally Administered Tribal Areas" auch "Fata" genannt. Hier haben die paschtunischen Stämme das Sagen, im Norden vor allem die Wazirs, im Süden die Mehsuds. Beide Stämme bestehen wiederum aus mehreren Unterclans. Offiziell hat die Regierung in Islamabad hier einen Statthalter, doch schon seit Jahrhunderten lassen sich die Menschen ungern in ihre Angelegenheiten hineinregieren. Schon im kolonialen Indien hatten die Briten hier nichts zu sagen.

So wird diese Region gern als gesetzlos beschrieben. Dabei gibt es durchaus Gesetze, eben die der Stämme, beschlossen von Räten. Regeln, in denen Ehre eine wichtige Rolle spielt und die Religion ohnehin, Regeln mit teils blutigen Folgen.

Die Paschtunen sind stolze Menschen. Drüben in Afghanistan stellen sie mit einem Anteil von 40 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe, in Pakistan sind sie eine wenig geachtete Minderheit. Hier in Waziristan hatten sie lange Zeit ihre Ruhe. Am liebsten wäre ihnen ein unabhängiges Paschtunistan, und seitdem die Briten 1893 mit der Durand-Linie eine Grenze geschaffen haben, um ihre damalige Kolonie von Afghanistan abzugrenzen und ihr Reich vor räuberischen Banden zu schützen, fühlen sich die Paschtunen vom Westen verraten. Die Grenze geht mitten durch ihre Heimat. Östlich dieser Grenze liegt nun Waziristan.

Taliban strömen unkontrolliert über die Grenze

Die Berge ragen hier bis zu 2000 Meter in die Höhe, dazwischen schlängeln sich staubige Pfade und holprige Wege, aber es gibt hier auch geteerte Straßen, die besser sind als in manch anderem Teil Pakistans oder Afghanistans. Wer das finanziert hat, kann niemand sagen; manche behaupten, es seien die Araber gewesen. Offensichtlich haben die Stämme finanzkräftige Freunde, die ihnen helfen.

So rückständig, wie es in manchen Presseberichten heißt, ist diese Gegend nicht. Die wichtigen Kreuzungen kontrollieren Männer mit Turban, langen Bärten und geschulterten Gewehren, sie hocken auf den Ladeflächen ihrer Toyota-Pickups und erledigen die Polizeiarbeit. Die pakistanische Polizei ist nicht zu sehen.

Die Taliban rekrutieren sich größtenteils aus dem Volk der Paschtunen, was dessen äußerst schlechten Ruf erklärt. Waziristan ist, wie viele andere Regionen entlang der Grenze, zu einem Rückzugsgebiet für Taliban geworden, seitdem die Nato ihren Anti-Terror-Krieg im Dezember 2001 begonnen hat. Die Grenze ist kaum bewacht, über die Berge können sie unkontrolliert nach Waziristan kommen und sich auf ihren nächsten Einsatz vorbereiten.

Dass die Grenze so wenig bewacht wird, ist einer der Hauptkritikpunkte internationaler Beobachter. So könnten die Taliban jetzt, da die pakistanische Armee in den südlichen Teil Waziristans vordringt und die Extremisten in der Operation "Rah-e-Nijat" - zu Deutsch "Weg zur Erlösung" - bekämpft, mühelos nach Afghanistan ausweichen.

Die pakistanische Armee hat die Nato am Mittwoch erneut aufgefordert, die Grenze zu kontrollieren. Pakistanische Medien hatten berichtet, Nato-Einheiten hätten vermehrt Posten auf der afghanischen Seite der Grenze verlassen. Daher würden Aufständische nach Pakistan einsickern, um ihre Verbündeten dort zu unterstützen. Aber auch ohne die Nato-Kontrollen wolle man jetzt die Taliban in Waziristan "entwurzeln", sagt ein Armeesprecher.

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Seite 1
eigentlicher_Schwan 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Wenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
mauskeu 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Ich könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Justus F. 04.05.2009
3.
Zitat von eigentlicher_SchwanWenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
Genau, nach Berlin. Dann ist unser Kampf sogar gerechtfertigt!
X-Man 04.05.2009
4.
Zitat von mauskeuIch könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Nettes Gedankenspiel, aber leider Unsinn. Seit dem Rückzug der afghanischen Taliban über die Grenze stand fest dass die FATA die neue Basis der Gotteskrieger sind. Von 2002-2005 entstanden weit über 190 Ausbildungslager in den Stammesgebieten, lokale Milizen verschmolzen durch Allianzen mit Taliban-Elementen, ausländische Gruppen allen voran Al Qaida nisteten sich ein, es entstand eine nicht homogene aber ideologisch eng verstrickte Bewegung deren mächtigster Flügel heute die Tehrik e-Taliban ist. Für die pakistanische Führung war also längst klar welche Gebiete die neue Heimat der Taliban sind, man musste ihnen keinen Spielplatz zur Verfügung stellen. Der Einzug in Swat hat vielmehr damit zutun dass es Kreise des ISI und des Militärs gibt die sich nicht von amerikanischer Seite in die Terror-Bekämpfung hineinquatschen lassen wollen. Sie hegen zum Teil große Sympathie für die Taliban, bieten ihnen mit dem Swat ein Gebiet was sich weit weg von den üblichen Terrornestern Waziristans befindet und somit den Radius der Drohnenangriffe erweitert. Zudem erhofft man sich natürlich dort eine kashmir-nahe islamistische Bastion gegen den allgegenwärtigen Erzfeind Indien.
lupenrein 04.05.2009
5.
Man darf sich über die Ziele der Taliban in Pakistan (und im Dominoeffekt anschliessend Afghanistan) keine Illusionen machen. Die Regierung Pakistans - und indirekt auch Afghanistans - ist in ernster Gefahr. Und auch über einen 'Sieg' über die Taliban , dies besonders als Ausländer (USA usw) darf man sich keine Illusionen machen. Der asymmetrische Kriegsführung der Taliban ist mit normalen militärischen Mitteln (Terrorismus) nur sehr schwer wirksam zu begegnen. Am Beispiel der somalischen Piraten sieht man , wie schwierig es ist, mit militärischen Mitteln in diesem Versteckspiel mitzuhalten. Auch die Taliban führen einen (allerdings ideologischen) 'Versteck-spiel-Krieg' a la David gegen Goliath. Und noch eine Übereinstimmung: beide lassen mit sich nicht über eine Einstellung ihrer terroristischen Kampf nicht verhandeln. Alles in allem eine fatale Situation.
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