Putin-Gegner Lebedew Die Angst des Milliardärs

Jahrelang hat Alexander Lebedew die Opposition unterstützt und den Widerstand gegen Wladimir Putin gewagt. Jetzt zieht er sich aus Russland zurück - warum? Fürchtet der Oligarch Repressalien wie bei Michail Chodorkowski? Er vermutet den Geheimdienst hinter den Attacken auf seine Geschäfte.

Russischer Oligarch Lebedew: "Geheimdienste haben mein Geschäft in den Asphalt gewalzt"
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Russischer Oligarch Lebedew: "Geheimdienste haben mein Geschäft in den Asphalt gewalzt"

Von , Moskau


Der russische Milliardär Alexander Lebedew, 52, hat ein Faible für ausdrucksstarke Bilder. Hinter dem Schreibtisch seiner Moskauer Stadtresidenz hängt ein Ölgemälde. Ein Segelschiff kämpft sich darauf durch schwere See. Die Stürme aber, in die sich Lebedew nun manövriert hat, scheinen zu heftig für den Oligarchen geworden zu sein.

Lebedew finanziert die oppositionelle Zeitung "Nowaja Gaseta". Er hat sich auf die Seite des Bloggers und Oppositionsführers Alexej Nawalny geschlagen. Lebedew, Besitzer einer russischen Großbank, hat die Ausgabe von speziellen Kreditkarten angekündigt. Von deren Umsätzen soll ein Prozent Nawalnys Fonds zur Korruptionsbekämpfung, Rospil, zu Gute kommen. Lebedew, Besitzer von 15 Prozent der Anteile von Aeroflot, drückte sogar die Kandidatur Nawalnys für den Aufsichtsrat der Fluglinie durch.

Ende der vergangenen Woche dann aber versammelte Lebedew ausgewählte Journalisten in seinem Büro. "Die Geheimdienste haben mein Geschäft in den Asphalt gewalzt", sagte er. "Ich gebe auf." Es klang wie eine Kapitulationserklärung.

Lebedew sei nun der nächste "Chodorkowski-Kandidat" schrieb die Moskauer Boulevardzeitung "Moskowski komsomolez" danach. Der Ölmagnat Michail Chodorkowski war 2003 verhaftet worden, verlor seine Firma und wurde zu insgesamt 14 Jahren Haft verurteilt. Zum Verhängnis wurde Chodorkowski, dass er Oppositionsparteien finanziert und Präsident Wladimir Putin offen kritisiert hatte.

Wenn es um Politik geht, zügeln Russlands Reiche seitdem gewöhnlich ihre Zunge. Nur Alexander Lebedew leistete sich noch den Luxus einer eigenen Meinung. Er fördert investigativen Journalismus, schreibt in seinem Blog humoristische Kurzgeschichten über Wladimir Putin und finanziert die seit Jahren klamme Oppositionszeitung "Nowaja gaseta".

Seit mehr als einem Jahr bedrängen Ermittler den Oligarchen

Lebedew, einst für den sowjetischen Geheimdienst KGB in London stationiert, spricht tadelloses Englisch. Seine Eloquenz und Aufgeschlossenheit für Interviews haben ihn zu einem beliebten Gesprächspartner der in- und ausländischen Presse gemacht.

Dass diese Offenheit dem Geschäft wohl eher abträglich war, lässt sich an den jährlichen "Forbes"-Rankings der reichsten Russen ablesen. 2006 rangierte Lebedew dort noch mit einem Vermögen von 3,5 Milliarden Dollar unter den 200 reichsten Männern der Welt. 1,1 Milliarden Dollar reichten zuletzt dagegen nicht einmal mehr für einen Platz unter den ersten 1000 des Planeten.

Seit über einem Jahr bedrängen Ermittler den Oligarchen. Geheimdienstler haben seine Firmen untersucht, offenbar aber nicht nur seine Geschäfte unter die Lupe genommen, sondern auch sein Privatleben.

Im Internet kursiert ein Video, das einen Mann nackt beim Sex mit zwei jungen Frauen zeigt und der mit Brille und weißem Haar Lebedew sehr ähnlich sieht. Besonders brisant: Offenbar wurde der Schmuddelstreifen ausgerechnet in einem von Lebedews eigenen Hotels gedreht, dem Ukraina in Kiew. Die Kamera war offenbar in einem Fernseher versteckt.

Lebedews angekündigter Rückzug hat einen Aufschrei ausgelöst. Er reiht sich scheinbar ein in die jüngste Serie von Attacken auf Kreml-Kritiker. Gegen Nawalny wird wegen Unterschlagung ermittelt. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Anfang September will das Parlament über die Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Gennadij Gudkow entscheiden. Gudkow, wie Putin einst ein Oberst des KGB, hatte sich vom Abnicker zum Wortführer der Opposition gewandelt. Und vor dem Moskauer Chamowniki-Gericht wird den Aktivistinnen der Protest-Guerilla Pussy Riot der Prozess gemacht.

Bürgerrechtler und Oppositionspolitiker sprechen deshalb schon von einem "Krieg, den Putin der eigenen Gesellschaft erklärt" habe. Alexander Lebedews Schuldzuweisungen allerdings nehmen sich seltsam unentschlossen daneben aus. "Ich beschuldige nicht den Kreml", schreibt Lebedew in seinem Blog. Hinter den Attacken auf seine Geschäfte ständen zwar Männer aus der mächtigen Abteilung K des Geheimdienstes FSB. Diese handelten aber aus eigener Profitgier, nicht aber auf Anweisung von Wladimir Putin.

Komplexe Verschwörungstheorien

Lebedews Argumentation schlägt mitunter atemberaubende Haken. Mal warnt er gegenüber ausländischen Medien, das Land "sei am Rand politischer Repressionen". Dann wieder verkündet er auf seinem Blog, er sei "überzeugt, dass der Kreml keinerlei Verbindung" zu den Attacken auf seine Geschäfte habe.

Lebedew glaubt, dass Artikel seiner Journalisten von der "Nowaja gaseta" dunkle Geschäftemacher in den Reihen des FSB aufgeschreckt haben, die nun auf Rache sinnen.

Der "Moskowski komsomolez", ein Verschwörungstheorien nicht abgeneigtes Massenblatt, vermutet prompt eine komplexe Strategie hinter dem Manöver des Oligarchen. Lebedew unterstütze die Opposition auch, um das Risiko für seine Gegner zu erhöhen. Scheitert der beredte Oligarch in Russland oder gerät er sogar ins Gefängnis, wäre der Imageschaden für Russland im Ausland immens. Lebedew hoffe wohl, schreibt das Blatt, Putin werde aus Furcht vor Kritik aus dem Westen die Angreifer in die Schranken weisen.

Lebedew wirkt unterdessen nicht wie ein Geschlagener, sondern wie ein Pokerspieler, der seinen letzten Trumpf ausreizen will.

Den Rückzug aus der Geschäftswelt hatte er übrigens schon einmal verkündet: im Mai 2011.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
bloub 07.08.2012
1. hauptgrund
dürfte sein, das er angst um sein ergaunertes vermögen hat. ist bei anderen nicht anders, nur die machen nicht so einen wirbel.
regula2 07.08.2012
2. Aufforderung zum Weglaufen
Durch wenn und was will Russlands Herr und Meister die in-und ausländischen Investoren und Fachleute ersetzen, die jetzt in Scharen das Land verlassen ?
cassandros 07.08.2012
3. Rubel makes the world go around
Zitat von bloubdürfte sein, das er angst um sein ergaunertes vermögen hat. ist bei anderen nicht anders, nur die machen nicht so einen wirbel.
Ich kann den Mann verstehen: Da hat er sein Leben lang hart gearbeitet, sich nichts gegönnt, immer nur raboti, raboti, hat sich jede Milliarde mühsam vom Munde abgespart, und jetzt kommen dunkle Mächte und wollen ihm seine Ersparnisse abluchsen. Da geht nicht. Da geht es ja auch um die Altersvorsorgung des Mannes. Am Ende hat er dann nur noch ein paar Millionen in der Schweiz und muss den Rest seines Lebens im Exil am Genfer See verbringen. Wer will denn so leben?!
rayon2 07.08.2012
4. Kingpin
Merkwürdig, mir fällt es irgendwie schwer auch nur einen Funken Mitgefühl für einen Oligarchen aufzubringen. Und egal aus welch politischen Gründen Chodorkowski oder Timochenko hinter Gittern schmoren, dass sie da schmoren ist schon mal nicht falsch. Putin ist sicherlich ein Mistkerl, aber er hat es geschafft, sich zum Kingpin of the Kingpins zu krönen, und das hält die anderen Verbrecher erstmal in Schach. Jede andere Form einer Demokratie wäre in RU doch schon von der ersten Minute an völlig von Korruption zerfressen, so gibt es wenigstens etwas wie Kontur. Das ist zynisch, oh ja, aber wenn ich mir allein den Zustand unserer Demokratie anschaue... Und nach Mappus braucht man für solche Aussagen auch nicht mehr zensiert werden.
distel61 07.08.2012
5.
Zitat von rayon2Merkwürdig, mir fällt es irgendwie schwer auch nur einen Funken Mitgefühl für einen Oligarchen aufzubringen. Und egal aus welch politischen Gründen Chodorkowski oder Timochenko hinter Gittern schmoren, dass sie da schmoren ist schon mal nicht falsch. Putin ist sicherlich ein Mistkerl, aber er hat es geschafft, sich zum Kingpin of the Kingpins zu krönen, und das hält die anderen Verbrecher erstmal in Schach. Jede andere Form einer Demokratie wäre in RU doch schon von der ersten Minute an völlig von Korruption zerfressen, so gibt es wenigstens etwas wie Kontur. Das ist zynisch, oh ja, aber wenn ich mir allein den Zustand unserer Demokratie anschaue... Und nach Mappus braucht man für solche Aussagen auch nicht mehr zensiert werden.
Da sind Sie hier im Forum sicher nicht alleine, ich schließe mich dieser Aussage allerdings nicht an. Ist das denn so? Wieviel Macht hat Putin wirklich? Überschauen Sie das Machtgeflecht im und hinter dem Kremel? Mir fällt das schwer. Man kann hier und da gewisse Rückschlüsse ziehen, aber wer weiß ob das dann auch wirklich so ist!? Vielleicht hocken die wirklich mächtigen Gauner ja in Südfrankreich oder in Spanien. Oder es sitzen welche in den Provinzen, denen relativ egal ist, wer im fernen Moskau gerade an der Macht ist. Oder sie sitzen doch in Moskau, aber es bekommt sie niemand zu Gesicht. Ein Ausbund der Transparenz mit einem schön strukturierten Organigramm scheinen mir die Machtstrukturen in Russland und der Ex-SU jedenfalls nicht zu sein.
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