Olympia in Zeiten der Krise Not und Spiele

Griechenland ist fast pleite, da steigt in Athen ein letztes, sehr kostspieliges Fest. Für fast 70 Millionen Euro richtet das Land die Olympischen Spiele geistig Behinderter aus. Dabei ist die alltägliche Versorgung der Kranken mittlerweile auf ein Mindestmaß zusammengestrichen worden.

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Aus Athen berichten und Ferry Batzoglou


Es sind die Bilder, die wirken sollen: Winkende, lachende, glückliche Sportler in bunten Trainingsanzügen spazieren in das vollständig aus Marmor errichtete Panathinaikon-Stadion von Athen. Hier, wo 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit ausgetragen wurden, beginnen an diesem schwülen Samstagabend mit viel Tamtam und Stevie Wonder die 13. Special Olympics. Sie sind das wichtigste Sportereignis für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung.

Doch die Veranstaltung, sosehr sie auch anrühren mag, ist im krisengeplagten Griechenland inzwischen hochumstritten. Die Kosten fallen mit fast 70 Millionen Euro doppelt so hoch aus wie die der vorangegangenen Sportfeste in Dublin und Shanghai. Zudem muss der bankrotte Staat die finanzielle Gesamtlast der Special Olympics, zu denen circa 7500 Sportler, 3000 Journalisten und 40.000 Angehörige angereist sind, fast allein schultern. Die angesehene Athener Tageszeitung "Ethnos" kritisiert das Event daher bereits als "spezielle Verschwendung".

Selbst der Panhellenische Verband der Eltern von Behinderten ist empört: Sie könnten in der Veranstaltung bloß eine große Party erkennen, mit der sich mancher Politiker schmücken wolle, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. In Wirklichkeit werde die ohnehin schon desolate Betreuung von Behinderten in Griechenland immer weiter kaputtgespart: Ferienfreizeiten seien gestrichen, Betreuer gefeuert und Sonderschulen im Stich gelassen worden. "Und wir leisten uns jetzt noch so ein Spektakel, bei dem Gäste aus aller Welt auf Kosten der Steuerzahler bewirtet werden. Das ist absurd!"

"Eine Fiesta wie im antiken Rom"

Nach Angaben des Nationalverbands der Behinderten Griechenlands halbierten sich die staatlichen Fördermittel für private Betreuungseinrichtungen in nur zwei Jahren auf aktuell 14,8 Millionen. Bislang seien davon im laufenden Jahr aber gerade einmal 500.000 Euro ausgezahlt worden, so Generalsekretär Aris Pananos, 73. Die Special Olympics sind in seinen Augen "eine Fiesta, die an die Feiern im antiken Rom erinnert, völlig unangemessen und unzeitgemäß. Griechenland kann sich diesen Luxus nicht mehr leisten".

Die bunten Bilder voll überschwänglicher Sorglosigkeit treffen auf ein zutiefst verunsichertes Land, das vor der wohl heikelsten Woche seiner jüngeren Geschichte steht. Die Regierung von Ministerpräsident Georgios Papandreou muss in den kommenden Tagen ein rigoroses Sparpaket durch das Parlament peitschen. Zudem machen die Gewerkschaften mobil: Am Dienstag und Mittwoch soll in Griechenland gar nichts mehr gehen, die Athener Polizei rechnet mit gewalttätigen Ausschreitungen auf den Straßen.

Der Zentralbankchef Georgios Provopoulos fordert sogar ein Ende der Diskussion und verlangt konkrete und konsequente Schritte. Die Zeit laufe Griechenland davon, sagt er. Es müsse endlich Wirtschaftsreformen geben, die die Partner und Finanzmärkte beruhigten. Die geplanten Sparmaßnahmen seien alternativlos.

Top-Job für den Sohn der Special-Olympics-Präsidentin

Gleichzeitig wird bekannt, dass die Griechen künftig eine Solidaritätsteuer zahlen sollen, in einer Höhe von bis zu fünf Prozent des Einkommens. Außerdem verdient jeder, der ein kleines Auto besitzt, nach Auffassung des Staates pauschal 4000 Euro mehr, als er angibt - und muss künftig den unterstellten höheren Betrag entsprechend besteuern lassen. Die Wut der Menschen ist groß - nach Feiern ist ihnen gerade ganz und gar nicht zumute.

Die "Eiserne Lady" der Special Olympics Hellas, die Präsidentin auf Lebenszeit, Gianna Despotopoulou, weist dennoch jegliche Kritik an den opulent ausfallenden Spielen zurück. Der Tageszeitung "Eleftherotypia" sagte die konservative Politikerin: "Unser Land befindet sich in einer außerordentlich schwierigen ökonomischen Lage." Das sei überhaupt keine Frage.

Doch das internationale Sportfest, das ursprünglich sogar noch 20 Millionen Euro teurer hätte ausfallen sollen, sei für Griechenland sowohl eine einzigartige Möglichkeit der positiven Selbstdarstellung als auch eine Investition, bei der Geld in den heimischen Markt zurückfließe. Außerdem, so Despotopoulou, schafften die Special Olympics doch "Tausende Arbeitsplätze".

Zum Beispiel den ihres Sohnes Ilias. Den bisherigen Web-Designer berief Frau Mama mit nur 27 Jahren zum Leiter des Bereichs Technologie. Er verantwortet seither einen Etat von fast elf Millionen Euro. Dafür wird der junge Despotopoulos von der öffentlichen Hand auch gut bezahlt. Nach Recherchen des Blattes "Ethnos" verdient er etwa 93.000 Euro im Jahr. Netto.

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