Flüchtlingsschiff im Mittelmeer Spanien bietet "Open Arms" Hilfe an - Retter fordern Einfahrt in näheren Hafen

Der Kapitän des Flüchtlingsschiffs "Open Arms" bezeichnet die Lage an Bord als unerträglich. Spaniens Regierungschef Sánchez bietet Hilfe an. Doch die Seenotretter halten die fünftägige Fahrt nach Algeciras für unzumutbar.

"Open Arms" vor Lampedusa: "Spanien handelt immer in humanitären Notfällen"
AFP

"Open Arms" vor Lampedusa: "Spanien handelt immer in humanitären Notfällen"


Das von Italien abgewiesene Flüchtlingsrettungsschiff "Open Arms" darf in einen spanischen Hafen einlaufen. "Ich habe veranlasst, dass der Hafen von Algeciras für den Empfang der 'Open Arms' aktiviert werden soll", twitterte Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez am Sonntag. "Spanien handelt immer in humanitären Notfällen."

In einer ersten Reaktion lehnte die Hilfsorganisation Proactiva Open Arms das Angebot ab: "Wir akzeptieren keinen spanischen Hafen, weil wir in einer humanitären Notsituation sind", teilte eine Sprecherin mit. Die Migranten an Bord müssten umgehen an Land gebracht werden. Open-Arms-Gründer Oscar Camps bezeichnete es als unmöglich mit dem Schiff noch mehr als 950 Seemeilen von seinem jetzigen Standort vor Lampedusa bis nach Algeciras zu fahren. Die Fahrt dauere ungefähr fünf Tage.

Die Lage auf der "Open Arms" sei so schlimm, dass mehrere Migranten ins Meer gesprungen seien, schrieb Camps am Sonntag zu einem entsprechenden Video auf Twitter. "Wir haben seit Tagen davor gewarnt, die Verzweiflung hat Grenzen. Sie springen ins Wasser und Helfer versuchen, sie aufzuhalten."

In ihrer zweieinhalbwöchigen Irrfahrt hatte die "Open Arms" zeitweise fast 160 Migranten an Bord. Jedoch waren einige gesundheitlich so angeschlagen, dass sie in den vergangenen Tagen nach Malta und Italien gebracht wurden. Derzeit harren noch 107 Migranten - 105 Erwachsene und zwei begleitete Minderjährige - auf dem Schiff der spanischen NGO Proactiva Open Arms aus.

"Die unfassbare Reaktion der italienischen Behörden und insbesondere des Innenministers Matteo Salvini, alle Häfen zu schließen", habe Spanien zu diesem Schritt veranlasst, zitierte die Zeitung "El País" aus einer Mitteilung der Regierung.

Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini, der sich zuvor unerbittlich gezeigt hatte, erlaubte am Samstag 27 unbegleiteten Jugendlichen, in Lampedusa an Land zu kommen. "Gegen meinen Willen", wie der Politiker mitteilte - und auch nur, weil Ministerpräsident Giuseppe Conte ihn zu dem Schritt aufgefordert habe. Unter dem Applaus der Crew und der Migranten wurden die Minderjährigen am späten Nachmittag von der Küstenwache abgeholt.

Auch die "Ocean Viking" wartet auf einen sicheren Hafen

Kapitän Marc Reig hatte seit Tagen vor einer gefährlichen Eskalation der Situation an Bord gewarnt. "Jede Sekunde, die vergeht, rückt die Explosion dieser Bombe näher. Entweder jemand schneidet jetzt das rote Kabel durch und deaktiviert sie, oder die "Open Arms" wird explodieren", sagte er.

Die Menschen harren zum Teil seit zweieinhalb Wochen auf engstem Raum aus. Seit die "Open Arms" in unmittelbarer Nähe von Lampedusa liegt, ist der psychische Druck noch größer: Die Menschen haben Land in Sicht, das sie aber nicht betreten dürfen. Proactiva-Gründer Oscar Camps erzählte von Streit und ständigen Diskussionen unter den verzweifelten und resignierten Migranten. "Die Menschen verlieren die Geduld und sind sehr nervös", sagte eine spanische Fernsehreporterin an Bord.

Die italienische Küstenwache hat derweil nahe Lampedusa 57 Migranten auf einem Boot entdeckt und auf die Insel gebracht. Es handele sich wahrscheinlich um Tunesier, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Unter den Migranten waren eine schwangere Frau und ein Junge, der offenbar einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.

Südlich von Sizilien wartete auch das Rettungsschiff "Ocean Viking" mit 356 Migranten auf die Erlaubnis, in einen sicheren Hafen zu fahren. Die Organisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen (MSF) hatten die Menschen in mehreren Einsätzen in Sicherheit gebracht. MSF twitterte zuletzt: "Wir wissen, was diese im Meer geretteten Menschen durchgemacht haben. Wir kennen den Horror in Libyen, vor dem diese Menschen fliehen."

syd/dpa/AFP

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