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20. August 2019, 21:34 Uhr

Drama um Seenotrettung

Italienische Staatsanwaltschaft kündigt Beschlagnahme der "Open Arms" an

Die Lage auf der "Open Arms" soll "außer Kontrolle" gewesen sein. Nun holt Italien das Schiff der Seenotretter nach Wochen auf dem Meer zu sich. Die Menschen gingen in der Nacht an Land.

Nach dem verzweifelten Sprung mehrerer Migranten ins Meer hat das Rettungsschiff "Open Arms" Italien erreicht und soll beschlagnahmt werden. Das habe der Staatsanwalt von Agrigent, Luigi Patronaggio, nach einem Besuch auf dem Schiff angeordnet, berichteten italienische Nachrichtenagenturen. Bilder im italienischen Fernsehen zeigten am Dienstagabend, wie die ersten Geretteten die "Open Arms" verließen.

"Endlich, der Alptraum hat ein Ende, und die 83 Menschen an Bord bekommen sofortige Hilfe an Land", twitterte die hinter dem Schiff stehende Hilfsorganisation Proactiva.

Italiens Innenminister Matteo Salvini teilte die Entscheidung der Behörde in einem Facebookvideo mit. Er sagte auch, die Staatsanwaltschaft werde wegen Amtsmissbrauchs gegen unbekannt ermitteln - das könne nur er sein.

Menschen wollten nach Lampedusa schwimmen

Auf der "Open Arms" sei die Lage "außer Kontrolle", wie die spanische Hilfsorganisation mitteilte. Mehr als ein Dutzend Migranten sprangen am Dienstag ins Wasser und versuchten, die einige Hundert Meter entfernt liegende Insel Lampedusa schwimmend zu erreichen.

Proactiva twitterte, zunächst seien neun Menschen ins Meer gesprungen. Später folgten ihnen demnach mindestens fünf weitere nach. Die italienische Küstenwache barg sie aus den Fluten. Alle seien nach Lampedusa gebracht worden. "An Bord hat die Situation ihr Limit erreicht", hieß es.

An Land seien die Migranten umgehend von Ärzten betreut worden, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Bereits am Wochenende hatten sich mehrere Migranten ins Meer gestürzt, sie waren aber von Helfern zurück auf das Schiff gebracht worden.

Drei Wochen ohne sicheren Hafen

Das Schiff ist seit knapp drei Wochen auf dem Meer blockiert und liegt seit Tagen mit rund 80 Migranten vor der italienischen Insel Lampedusa. Obwohl sich mehrere EU-Staaten zur Aufnahme der Menschen bereiterklärt hatten, wollte Salvini, der der rechten Lega angehört, die Menschen nicht an Land lassen. "Die italienische Kohärenz und die Standhaftigkeit zahlen sich aus, wir sind nicht länger das Flüchtlingslager Europas", hatte er gesagt.

Die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles kritisierte diese Haltung. "Das, was Salvini im Zusammenhang mit Open Arms macht, ist eine Schande für die gesamte Menschheit", sagte sie.

Eigentlich hatte die spanische Regierung am Dienstag nach tagelangem Hin und Her angekündigt, ein Marineschiff nach Lampedusa zu schicken. Die "Audaz" solle die "Open Arms" von dort bis nach Palma de Mallorca begleiten. Allerdings dauert die Fahrt nach Spanien etwa drei Tage.

ptz/dpa

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