Operation "Muschtarak" in Afghanistan "Wir gehen ins Herz der Finsternis"

Die Offensive soll ein Fanal im Kampf um Afghanistan werden - sie ist die größte seit dem Sturz der Taliban 2001: 15.000 alliierte Soldaten haben den Kampf um die Rebellenhochburg Mardscha aufgenommen. Die Truppen rückten durch das größte Opium-Anbaugebiet des Landes vor, landeten mit Helikoptern in der Stadt.
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Operation "Muschtarak": Nato-Truppen auf dem Vormarsch

Foto: PATRICK BAZ/ AFP

Mardscha/Kabul - Im Süden Afghanistans hat die größte Offensive gegen die radikal-islamischen Taliban seit dem Sturz ihres Regimes Ende 2001 begonnen. 15.000 Soldaten rücken gegen die Aufständischen in der südafghanischen Provinz Helmand vor und stoßen dabei nach ersten Angaben bisher auf wenig Gegenwehr.

An der Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam") sind unter Führung der afghanischen Sicherheitskräfte Soldaten aus den USA, Großbritannien, Dänemark, Estland und Kanada beteiligt. Die Truppen seien zu Fuß, in Lastwagen und mit Hubschraubern in den Distrikt Mardscha einmarschiert, sagte US-Armeesprecher Abraham Sipe. Die Taliban würden bislang "minimalen Widerstand" leisten.

Die Soldaten kämpften sich zunächst durch einen äußeren Verteidigungsring und standen schnell am nördlichen Eingang der Stadt. In Mardscha mit seinen rund 80.000 Einwohnern werden bis zu tausend Taliban-Kämpfer vermutet. Bei den ersten Kämpfen seien fünf Taliban getötet und acht gefangen genommen worden, sagte der Sprecher der Provinzregierung, Daud Ahmadi.

Die Truppen rückten zunächst nur langsam durch das möglicherweise verminte Gelände mit den Schlafmohnfeldern vor. Gelegentlich waren Schusswechsel zwischen den US-Truppen und den Aufständischen zu hören. US-Marine-Infanteristen und afghanische Soldaten wurden mit Hubschraubern direkt in die Stadt geflogen. Ihr erstes Ziel ist die Einnahme des Stadtzentrums.

"Wir haben die Aufständischen auf dem falschen Fuß erwischt"

Das Ziel der Offensive ist, die Taliban aus ihrer Hochburg Mardscha zu vertreiben. Die Truppen würden mit "überwältigender Gewalt" gegen jene Aufständischen vorgehen, die das Angebot der Regierung nicht annehmen, sich zu reintegrieren und sich in den politischen Prozess einzugliedern, teilte die Isaf weiter mit. Die Soldaten würden sich besonders darauf konzentrieren, die Zivilbevölkerung zu schützen.

Nick Carter, Kommandeur der Nato-Streitkräfte in Südafghanistan, sprach von einem erfolgreichen Auftakt der Offensive. Die Soldaten seien mit der Unterstützung von 60 Helikoptern in das Stadtgebiet von Mardscha vorgedrungen, ohne Verluste zu erleiden. "Die Operation verlief ohne ein einziges Problem", sagte Carter. "Wir haben die Aufständischen auf dem falschen Fuß erwischt. Sie sind komplett orientierungslos." Matt Bazeley, kommandierender Offizier des britischen Pionierregiments in Afghanistan, drückte es mit Pathos aus: "Wir gehen ins Herz der Finsternis."

Vor Beginn der seit Tagen angekündigten Offensive waren zahlreiche Zivilisten aus Mardscha und der Umgebung in die Provinzhauptstadt Lashkar Gah geflohen. Mardscha ist derzeit unter vollständiger Kontrolle der Taliban und Afghanistans wichtigstes Handelszentrum für Rohopium. Der Drogenhandel ist eine der wichtigsten Geldquellen für die Taliban.

Präsident Hamid Karzai hat die Nato-Truppen zum Schutz der Zivilbevölkerung aufgerufen. Die Soldaten müssten "absolute Vorsicht" walten lassen und vermeiden, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen, teilte das Büro des Präsidenten am Samstag mit. Die Streitkräfte müssten Luftangriffe vermeiden, wenn Zivilisten dadurch gefährdet werden könnten. Karzai rief alle afghanischen Taliban-Kämpfer dazu auf, die Gelegenheit zu nutzen, um der Gewalt abzuschwören und sich in die Gesellschaft einzugliedern.

Die US-Einheiten rückten mit Hubschraubern und Panzerfahrzeugen vor, meldete CNN. Dem Fernsehsender zufolge befürchten gehen die vorrückenden Truppen "davon aus, dass ausländische Taliban-Kämpfer bis zum Tode kämpfen werden". Von lokalen Rebellen werde hingegen eher erwartet, dass sie sich absetzen und flüchten. "Wir werden die Feinde verfolgen und sie zur Verantwortung ziehen", zitierte CNN den afghanischen General Mohiyiden Ghori.

Karzai ruft Truppen zur Rücksichtnahme auf

US-Brigadegeneral Lawrence Nicholson sagte laut "Washington Post": "Wir werden Mardscha den Taliban wegnehmen." Das könne "zu einer grundlegenden Veränderung in Helmand führen", einer strategisch wichtigen Provinz im Süden, und damit möglicherweise in ganz Afghanistan. Der britische Brigadegeneral James Cowan sagte, die Operation werde den Anfang vom Ende des Aufstands bedeuten. An dem Militärschlag nehmen rund 1200 britische Soldaten teil, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums in London.

Stunden vor Beginn der Operation um zwei Uhr Ortszeit hätten eine unbemannte Drohne und "Apache"-Kampfhubschrauber Aufständische angegriffen, die Sprengfallen anlegten und Waffen zur Abwehr von Luftangriffen installierten. Elf Extremisten seien getötet worden, schrieb die "Washington Post". Bereits vor Beginn der Offensive hatte der Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi gedroht, die Aufständischen würden Mardscha verteidigen und hätten rund um die gleichnamige Distrikthauptstadt Sprengsätze platziert.

Dass es bisher offenbar noch nicht zu heftigeren Gefechten gekommen ist, entspricht allerdings durchaus der bisherigen Taktik der Taliban. Die Islamisten haben den westlichen Truppen bisher nur selten den Gefallen getan, sich auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen. Sie versuchen stattdessen, die alliierten Soldaten mit Angriffen aus dem Hinterhalt zu zermürben.

US-Präsident Barack Obama hat für dieses Jahr eine massive Eskalation des seit Ende 2001 andauernden Krieges angekündigt und rund 30.000 zusätzliche US-Truppen in Marsch gesetzt. In der Taliban- Hochburg verschanzen sich den Angaben zufolge etwa tausend Kämpfer. CNN zeigte Bilder, wie US-Truppen mit schwerem Gerät vorrückten.

Der Bezirk Mardscha in der südafghanischen Provinz Helmand ist vollständig in der Gewalt der radikal-islamischen Taliban. In dem Gebiet leben mehr als 120.000 Menschen, allein die Einwohnerzahl der gleichnamigen Bezirkshauptstadt Mardscha wird auf rund 80.000 geschätzt.

mbe/dpa/apn/Reuters