Operation Odyssey Dawn Nato streitet über Kommando bei Angriff auf Gaddafi-Truppen

Bei der zweiten Angriffswelle auf das Gaddafi-Regime haben die Alliierten auch Ziele in der libyschen Hauptstadt Tripolis ins Visier genommen. Unter anderem schlug eine Rakete in der Residenz des Diktators ein. Die Luftschläge sorgen inzwischen für Ärger in der Nato. Das Bündnis ist gespalten.

Getty Images

Tripolis - Am Abend war schweres Feuer in Tripolis zu hören. Luftabwehrkanonen der Regierungstruppen feuerten, am Boden gab es schwere Detonationen - von Bomben und Raketen der Alliierten.

Ein Gebäude in der Residenz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi wurde bei einem Angriff schwer beschädigt. Es liegt rund 50 Meter von dem Zelt entfernt, in dem der Diktator häufig seine Besucher empfängt. Einem Bericht des US-Fernsehsenders CNN zufolge handelte es sich möglicherweise um Einschläge von Marschflugkörpern auf dem Stützpunkt Bab al-Asisija in Tripolis. Wo sich Gaddafi zu dem Zeitpunkt aufgehalten habe, sei unbekannt. Unklar war, wer die Marschflugkörper abgeschossen hätte.

Nach US-Angaben wurde der Angriff nicht von den amerikanischen Streitkräften ausgeführt, berichtete der US-Fernsehsender ABC. Das britische Verteidigungsministerium hatte am späten Sonntagabend mitgeteilt, dass ein britisches U-Boot Marschflugkörper auf Stellungen der libyschen Flugabwehr abgefeuert hatte.

Zur gleichen Zeit präsentierte die Allianz der Willigen ihre Bilanz des Wochenendes im Luftkampf gegen die Gaddafi-Truppen: Vormarsch auf Bengasi gestoppt, wichtige Luftabwehrstellungen, Kommando- und Kommunikationseinrichtungen der Regierungstruppen zerstört. Alles wie geplant gelaufen, die üblichen Erfolgsmeldungen, wenn Krieg ist.

An vorderster Front steht bei dieser Militäraktion Frankreich, dessen Kampfjets am Samstag die ersten Angriffe flogen, und die USA, die Dutzende Marschflugkörper von ihren vor der libyschen Küste stationierten Kriegsschiffen abfeuerten und gleich mal das Kommando der "Operation Odyssey Dawn" übernahmen. Und das, obwohl Präsident Barack Obama ausdrücklich betont hatte, die USA wollten diesmal nicht die Federführung des Militäreinsatzes übernehmen. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte deshalb am Sonntag in Paris nochmals: "Wir haben dies nicht angeführt."

Aber wer hat denn das Kommando? Die britische Regierung, die um die besondere Brisanz eines US-Angriffs auf ein muslimisches Land weiß, versuchte dann auch, die USA schnell aus der Bredouille zu bekommen. Man hoffe auf eine rasche Beteiligung der Nato und arabischer Staaten. "Ich glaube, es ist sehr wichtig für die öffentliche Meinung in der arabischen Welt, zu zeigen, dass nicht nur der Westen handelt, sondern dass eine internationale Koalition handelt", sagte der britische Verteidigungsminister Liam Fox am Sonntag der BBC. Er hoffe, dass sich spätestens am Montag der erste arabische Staat an der Militäraktion beteiligen werde.

Die Chancen dafür stehen gut: Nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums hat Katar beschlossen, sich mit vier Flugzeugen an dem Militärschlag zu beteiligen. Ein Ministeriumssprecher sagte am Sonntag in Paris, dies sei ein "entscheidender Punkt" und zeige "die arabische Teilnahme an der Operation".

Nato tief gespalten

Umso schwieriger ist die Beteiligung der Nato, denn das Bündnis ist wegen des Einsatzes zerstritten wie selten. Von mehreren Bündnispartnern sei auf dem Nato-Rat in Brüssel am Sonntag Unmut über ein Vorpreschen von Franzosen, Briten und Amerikanern geäußert worden, hieß es in Diplomatenkreisen. Einige Länder fühlten sich nicht ausreichend über die Intervention informiert oder hielten sie für überhastet.

Bei mehreren Sondersitzungen konnten sich die ständigen Nato-Botschafter deshalb nicht auf ein Mandat zur Überwachung der vom Weltsicherheitsrat verordneten Flugverbotszone in Libyen einigen. Vor allem die Türkei blockierte dem Vernehmen nach die Nato-Beteiligung am Militäreinsatz. Frankreich gilt als Kern des Problems, weil die Regierung in Paris nicht die Führung an die Nato abtreten will. Grund: Das Bündnis habe einen schlechten Ruf in der arabischen Welt.

Am Abend erklärte US-Verteidigungsminister Robert Gates, er gehe davon aus, dass in den nächsten tage das Kommando entweder auf Großbritannien und Frankreich oder auf die Nato übergehe. Obama sei es wichtig, dass die USA nur eine begrenzte Rolle in der Operation spielten. Gates betonte, dass das Ziel der Luftschläge nicht sei, Gaddafi persönlich zu treffen. Das sei nicht durch die Uno-Resolution gedeckt.

Die Planungen der Nato konzentrierten sich auf drei Bereiche, hieß es aus dem Hauptquartier in Brüssel: Hilfe für die Durchsetzung der Flugverbotszone, Einsätze auf See zur Sicherung des Waffenembargos, sowie Unterstützung für humanitäre Hilfe. Die Beteiligung könne sich aber auch auf logistische oder geheimdienstliche Zuarbeit beschränken.

Mehrere Regierungen von Nato-Staaten hatten bereits signalisiert, dass sie sich nicht direkt an einer Militärintervention beteiligen werden, darunter Deutschland und Portugal. Dagegen schickten Norwegen, Dänemark und Italien Kampfjets in die Region. Albanien und Tschechien sagten ihre Unterstützung zu.

Kritik an Militäroperation

Der Präsident der Arabischen Liga, Amr Mussa, kritisierte das Vorgehen der internationalen Streitkräfte in Libyen. Die Luftangriffe dienten nicht dem vereinbarten Ziel, eine Flugverbotszone über dem Land durchzusetzen, sagte Mussa. "Wir wollen Schutz für die Zivilbevölkerung und keinen Beschuss weiterer Zivilisten."

Mit der gleichen Begründung kam auch aus Russland scharfe Kritik. China und Indien bedauerten den Waffengang. Alle drei Länder hatten sich neben Deutschland im Weltsicherheitsrat zur Resolution 1973 enthalten. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, die Verantwortung dafür, dass so viele Menschen in Libyen litten, liege allein beim Machthaber Gaddafi.

Gaddafi: Mittelmeerraum wird "zum Schlachtfeld"

Der meldete sich umgehend nach den ersten Luftangriffen zu Wort - in der ihm eigenen Art. Gaddafi kündigte einen "langen, ruhmreichen Krieg" gegen die "Kreuzritter" und "neuen Nazis" an. Eine Million Libyer würden dafür bewaffnet. Im Krieg gegen die "Kreuzritter" werde "das gesamte Mittelmeerraum zum Schlachtfeld", sagte er.

Parlamentspräsident Mohammed Swei verurteilte die Angriffe als "barbarische Aggression". Sie seien erfolgt, obwohl die libysche Regierung einen Waffenstillstand angekündigt habe. Laut Staatsfernsehen sollen in Tripolis sowie in den Städten Misurata, Suara, Sirte und Bengasi zivile Ziele bombardiert worden sein. Nach Angaben aus libyschen Regierungskreisen starben bei den Angriffen mindestens 48 Menschen, 150 weitere wurden verletzt.

Doch ungeachtet der öffentlich verkündeten Waffenruhe setzten die Truppen des libyschen Staatschefs ihre Angriffe auf Regimegegner fort. Schwere Kämpfe wurden vor allem aus der rund 200 Kilometer östlich von Tripolis gelegenen Stadt Misurata gemeldet.

Am Samstag waren Gaddafis Truppen nach einem Bericht der "New York Times" mit Panzern in die Stadt vorgerückt. Scharfschützen sollen in dem Gebäude Posten bezogen haben, in dem die Rebellen ihr Außenministerium eingerichtet hatten, nicht weit von ihrem Hauptquartier entfernt.

Am Sonntagmorgen setzten französische und US-Streitkräfte die Luftangriffe fort. Insgesamt 19 US-Kampfflugzeuge, darunter drei Tarnkappenbomber, nahmen an dem Einsatz teil, wie das US-Afrika-Kommando (Africom) in Stuttgart mitteilte. Von dort wird der Einsatz koordiniert. Wie AFP-Korrespondenten berichteten, wurden bei einem Luftangriff rund 35 Kilometer westlich von Bengasi Dutzende Fahrzeuge der Regierungstruppen, darunter zahlreiche Panzer, zerstört.

Der US-Fernsehsender CBS berichtete, drei US-Tarnkappenbomber hätten zudem einen wichtigen Militärflugplatz bombardiert, um einen Großteil der libyschen Luftwaffe zu zerstören.

Am Sonntagabend zog das US-Militär noch einmal Bilanz: Vor allem die Angriffe auf Stellungen von Boden-Luft-Raketen, die eine ernste Gefahr für Flugzeuge in mittleren und höheren Höhen dargestellt hätten, seien effektiv gewesen, sagte US-Vizeadmiral William Gortney. Die Truppen Gaddafis seien "isoliert und durcheinander". Das Wort könnte für Teile der Nato auch gelten.

rüd/ore/AFP/dpa/dapd/Reuters

insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Viciente 20.03.2011
1. ja ..
Zitat von sysopDie zweite Angriffswelle auf das Gaddafi-Regime hat begonnen. Am Sonntagabend waren in Tripolis schwere Detonationen und Luftabwehrfeuer zu hören. Die westlichen Alliierten melden Erfolg bei ihren Luftschlägen. Doch hinter den Kulissen sorgt der Angriff für Ärger. Die Nato ist gespalten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752113,00.html
.. eh klar, was denn sonst? hat jemand etwas anderes erwartet?
timewalk 20.03.2011
2. Prävention
Zitat von sysopDie zweite Angriffswelle auf das Gaddafi-Regime hat begonnen. Am Sonntagabend waren in Tripolis schwere Detonationen und Luftabwehrfeuer zu hören. Die westlichen Alliierten melden Erfolg bei ihren Luftschlägen. Doch hinter den Kulissen sorgt der Angriff für Ärger. Die Nato ist gespalten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752113,00.html
End Ziel Deutschlands Zukunft hängt stark in Zusammenhang mit dem Istzustand der nordafrikanischen Staaten. Europa muss die Weichen legen damit in Zukunft in Afrika Solarenergie gefördert werden kann. Wenn dies nicht geschieht folgt in den kommen Jahren ein Exodus an Klimaflüchtlingen!
Bundesbürgerin 20.03.2011
3. Nato
Irgendwie hatten "Merkelwelle" wohl doch recht.Das gibt noch ein mächtiges Debakel.
butter_milch 20.03.2011
4. ...
Ich halte die Amerikaner von einem militärischen Standpunkt aus gehsen als Laie für die Kompetentesten Kriegsführer, weswegen man ihnen wohl auch das Kommando überlassen sollte. Wenn ich mir europäisches Militär ansehe muss ich mich glatt fremdschämen.
Mathesar 20.03.2011
5. ...
Zitat von sysopDie zweite Angriffswelle auf das Gaddafi-Regime hat begonnen. Am Sonntagabend waren in Tripolis schwere Detonationen und Luftabwehrfeuer zu hören. Die westlichen Alliierten melden Erfolg bei ihren Luftschlägen. Doch hinter den Kulissen sorgt der Angriff für Ärger. Die Nato ist gespalten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752113,00.html
Immer diese "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" Aktionen. ich kanns nicht mehr hören. Jetzt drauf und dann Ruhe...fertig. Und Gaddafi am besten auch gleich weg.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.