Operation Schmiergeld Schmutziger Krieg mit Dollarbündeln

Während Kampfflieger Taliban-Höhlen bombardierten, US-Truppen das Land durchkämmten, lief hinter den Kulissen eine schmierige Operation. Systematisch kauften sich die Amerikaner Verbündete zusammen: Ein paar Hundert-Dollar-Noten für den einfachen Söldner, ein paar Hunderttausend für den Warlord.


Kabul - Die Autohändler an Kabuls staubiger Geschäftsstrasse Parwan Say können über mangelndes Geschäft nicht klagen. Dutzende blitzender Geländewagen rollten in den vergangenen Monaten von ihren Höfen. Die Käufer verhandelten nicht lange, meist zahlten sie Cash – bis zu 60 000 Dollar für einen Toyota Land Cruiser, CD-Spieler inklusive.

Die Dollarbündel sind das Überbleibsel eines schmierigen Krieges. Während Bomber ihre tödliche Last abwarfen, US-Soldaten und ihre Verbündeten Berge und Dörfer durchkämmten, versuchte der US-Geheimdienst CIA die Unterstützung am Boden zu sichern – mit Tausenden von Dollar-Noten. Systematisch kauften sich die Geheimdienstler Unterstützer zusammen, zahlten für Informationen, Transporte und Unterkünfte. Dutzende von Millionen Dollar, so schreibt die US-Zeitung Los Angeles Times, habe der Geheimdienst auf diese Weise ins Land gepumpt.

Gezahlt wurde schnell und immer in Cash: Eine hundert Dollar Note für einen schnellen Tipp von einem einfachen Söldner, ein paar zehntausend für das Geleit eines Dorfkommandanten und über 100 000 für die Unterstützung eines Warlords. Überreicht wurde das Geld in Bündeln, oft mit fortlaufender Nummerierung, oder gleich kistenweise. Einer der Kriegsfürsten will gar von den Amerikanern einen geldgefüllten Geländewagen erhalten haben. Wenn es half, verteilten die Schmiergeld-Brigaden elegante Satellitentelefone als Zugabe, heute ein beliebtes Statussymbol in den afghanischen Bergen.

Die Amerikaner pumpten soviel Cash in das Land, dass in den Wechsel-Basaren der Wert des Dollars gegenüber der pakistanischen Rupie stürzte, die Preise nach oben schossen. "Wir brauchen uns nichts vormachen“, sagte ein Geheimdienstler der LA Times, "wenn wir eines reichlich haben, dann ist es Geld.“

Doch Millionen US-Dollar und ein Kopfgeld in der biblischer Höhe von 25 Millionen Dollar vermochten es nicht, die Afghanen zum Verrat des schlimmsten aller Feinde zu bewegen: Osama bin Laden. Im Gegenteil: Geheimdienstler vermuten, dass etliche Stammesfürsten doppelt kassiert haben – erst von den Amerikanern, dann von den Taliban, denen sie die Flucht aus dem Kessel von Tora Bora und ähnlichen Fallen ermöglichten.

Heute debattieren die Amerikaner, ob es richtig war, soviel Geld über das Land auszustreuen für allenfalls zweifelhafte Verbündete. Kriegsfürsten wie Haji Mohammed Zaman, klagen US-Offizielle, hätten vom CIA bündelweise Dollar kassiert und dennoch al-Qaida-Kämpfer über die Grenze nach Pakistan eskortiert. Heute ist Zaman Sicherheitschef in Jalalabad. Andere vermeintliche CIA-Verbündete bekleiden ranghohe Ämter in der Übergangsregierung, leben in großzügigen Häusern und kommandieren über eigenen Flotten von Land Rovern.

Geheimdienstler verteidigen die Praxis als einzigen Weg, in Afghanistan Kriege zu gewinnen. Schon die Briten hatten erfahren, dass man in Afghanistan fast alles kaufen kann, wenn nur der Preis stimmt. Doch so schnell wie die Afghanen das Geld einsammeln, das zeigt die Geschichte, wenden sie sich auch neuen Verbündeten zu: Wenn das Bündnis mehr Gewinn verspricht.



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