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Stalin-Opfer: Bis das Fleisch vom Knochen fiel

Foto: NATALIA KOLESNIKOVA/ AFP

Opfer von Stalins Terror Bis das Fleisch vom Knochen fiel

Er wickelte sich bei minus 50 Grad einen nassen Lappen um den Fuß, rieb dann Salz in die Wunde - alles nur, um zu überleben: Nikolai Galkin überstand das Zwangslager unter Stalin, indem er sich selbst verstümmelte. Die russische Militärparade zum Jahrestag des Kriegsendes sieht er skeptisch.
Von Matthias Schepp und Wladimir Pyljow

Nikolai Galkin ist 86 und hat gerade einen Schlaganfall hinter sich. Zu Hause in seiner Zweizimmerwohnung in der 200 Kilometer nördlich von Moskau gelegenen Provinzhauptstadt Twer pflegt er seine krebskranke Frau. Kein Wort der Klage aber kommt über seine Lippen. Wie könnte es auch. Er hat Schlimmeres erlebt. Galkin ist einer der wenigen noch lebenden Opfer von Stalins Repression.

Er zieht seinen linken Schuh aus und zeigt seine verstümmelten Zehen. "Ihnen habe ich mein Leben zu verdanken", sagt er. Im Winter 1945/46 war Galkin in den äußersten Nordosten der Sowjetunion ins Lager auf die Halbinsel Tschukotka verbannt worden. Dort starben die meisten Häftlinge an Entkräftung und Krankheiten. "Es gab nur zweimal am Tag eine dünne Suppe", erzählt er. "Wir waren so dünn wie der Docht einer Kerosinlampe." Tagelang hatte es so heftig geschneit, dass die Strommasten aus Holz unter dem Schnee verschwunden waren und die Leitungen im Eis festfroren. "Wer eingeteilt wurde, um im Bergwerk nach seltenen Metallen zu graben, hatte kaum eine Chance zu überleben", erzählt Galkin. "Ich verstand, dass ich etwas tun musste."

Salzhering in die offene Wunde

Als die Temperaturen auf minus 50 Grad fielen, nahm Galkin einen Lappen, tunkte diesen in Wasser und wickelte ihn um seinen linken Fuß, ehe er seine Filzstiefel anzog. Seine Zehen erfroren. Als er sich an den Lagerarzt wandte, klebte das Fleisch am festgefroren Stoff und fiel von den Knochen ab, die vor Kälte und Fäulnis schwarz glänzten. In den nächsten Tagen rieb Galkin die Wunde mit einem Salzhering ein. Sie durfte nicht verheilen, bis die Kommission, die die Kräftigsten für das Bergwerk auswählte, ihre Arbeit beendet hatte. "Ich hatte Glück und wurde später als Lkw-Fahrer für Straßenbauarbeiten abkommandiert", sagt Galkin.

Ein Jahr zuvor hatte der junge Soldat, damals 20, diesen einen verhängnisvollen, beinahe tödlichen Fehler begangen. 1945 war seine Einheit von der Westfront in den Fernen Osten verlegt worden, um dort gegen die Japaner zu kämpfen. Als sie einen schmalen Fluss durchqueren mussten, fuhren sich die Panzer im Flussbett fest. Es dauerte Tage, sie wieder herauszuziehen. "Das war typisch für unsere gedankenlosen Kommandeure, diese Hohlköpfe", sagt er. "Sie hätten ein Vorauskommando aus einem Panzer vorschicken können, statt alle gleichzeitig ins Wasser zu jagen." Bei der nächsten Versammlung des Komsomol, des kommunistischen Jugendverbandes, kritisierte Galkin die missglückte Aktion. Deshalb wurde ihm wegen "Wehrkraftzersetzung" und "antisowjetischer Propaganda" der Prozess gemacht. Es lief die Kampagne "smersch", Tod den Spionen, der mindestens 350.000 Soldaten und Offiziere zum Opfer fielen.

Feind des Volkes

"Ich war sicher, erschossen zu werden", erinnert Galkin sich. Stattdessen wurde er verbannt, 1951 kam er frei. Er arbeitete sich als Ingenieur bis zum Leiter der Reparaturabteilung für das städtische Heizungsnetz hoch. Die Stadt Twer hieß damals Kalinin, benannt nach dem Revolutionär und Präsidenten der Sowjetunion in den dreißiger Jahren. Kalinins Denkmal steht heute immer noch im Herzen der Stadt so wie Zehntausende von Denkmälern kommunistischer Führungspersönlichkeiten. Zehntausende Straßen im Land sind noch immer nach Lenin benannt, sein Leichnam liegt in einem Mausoleum am Roten Platz, sichtbarstes Symbol, dass die kommunistische Vergangenheit noch immer Teil der Gegenwart ist. "Die Diskussion, ob Stalin-Plakate zur Siegesparade in Moskau aufgehängt werden, hat mich schwer beleidigt", sagt er. "Er hat unzählige Menschen umgebracht. An sie sollte erinnert werden", sagt er.

Gerne hätte Galkin studiert, für einen "Feind des Volkes" wie ihn aber gab es keinen Platz. "Selbst meinen Sohn haben sie in den siebziger Jahren noch benachteiligt", klagt er. Er durfte nicht in Forschungsinstituten arbeiten, die der Geheimhaltung unterlagen. So steht Galkins Familie exemplarisch für eine landesweite Tragödie: Auch Jahrzehnte nach Stalins Tod hält das Erbe des Diktators die russische Gesellschaft im Griff. Galkins Sohn hat seinem Vater die verbaute wissenschaftliche Karriere wütend vorgehalten. "Nur wegen dir bin ich nichts geworden", ereiferte sich der Sohn. Diese Wunde, geschlagen von der eigenen Familie, schmerzt den Greis heute mehr als damals die abgefrorenen Zehen. Von ihnen übrigens hat er seinem Sohn nie erzählt. "Es hat sich nicht ergeben", sagt er lapidar.

Das Schweigen der Galkins steht exemplarisch für das Schweigen in hunderttausenden repressierter Familien. Zu schrecklich waren die Erlebnisse, zu tief der Graben zwischen Opfern und Nachgeborenen. Wohl weil Galkin in der eigenen Familie über das Grauen von damals nicht reden kann, versucht er trotz seines hohen Alters, die russische Gesellschaft vor dem Vergessen zu bewahren. Galkin trägt einen grauen Anzug, die blauen Augen blitzen hellwach in seinem Gesicht. Sorgfältig heftet er sich zwölf Medaillen an die Anzugsjacke, Gedenkplaketten für die runden Jahrestage des Sieges im "Großen Vaterländischen Krieg", wie der Weltkrieg in Russland heißt.

Erschießungen so schnell, dass die Pistolen heißliefen

Galkin fährt mit einem Freund hinaus nach Mednoe, der Gedenkstelle für Opfer der Repression unter Stalin. Sie liegt 30 Kilometer nördlich von Twer. Ein Kiefernwald am Fluss. Die Führer des NKWD, des KGB-Vorläufers, hatten hier ihre Datschen. Zwischen den Bäumen stehen neun Meter hohe Holzkreuze. Sie erinnern an 6311 polnische Offiziere, die in den Kellern des NKWD in Twer erschossen wurden und dann hier verscharrt wurden. Ein großer Stein mahnt die Besucher an die Tausende von Sowjetbürgern, die hier hingerichtet und in Massengräbern beerdigt wurden.

Im Gebiet Twer wurden unter Stalin rund 40.000 Bürger repressiert, die meisten verbannt, 8500 erschossen. Das Erschießungskommando bestand aus acht Männern, einer hat sich später selbst umgebracht, auch die anderen sind lange tot. Die Männer exekutierten in einer solchen Geschwindigkeit, dass die sowjetischen Pistolen heißliefen und versagten. Die NKWD-Führung ersetzte sie mit Pistolen der Marke Walther, die im Ausland gekauft werden mussten. In Mednoe gibt es ein kleines Museum, das die Verbrechen von damals dokumentiert. Galkins Schicksal ist auf einer großen Tafel im zweiten Saal zu sehen: der Haftbefehl, das Entlassungspapier aus dem Lager. Mit der Direktorin des Museums erörtert er, wo er in den nächsten Tagen ein Aufnahmegerät herbekommen könnte, um mehr von seinen Erinnerungen aufzuzeichnen. Ein Jugendprojekt, das die Erinnerungsstätte in Mednoe zusammen mit der Bürgerrechtsorganisation "Memorial" durchführt, begeistert ihn.

"Memorial" hilft Lehrern, das Thema der stalinschen Repressionen im Geschichtsunterricht aufzugreifen. Die Schüler schreiben Aufsätze über die Geschichte ihrer Familien während der Repression. Zu Hause fragen die Kinder Mama, Papa und die Großeltern. So durchbrechen die Aktivisten von "Memorial" die Mauer des Schweigens, die den Gulag-Veteran Galkin bis heute von seinem Sohn trennt.