Opposition in Russland Letzte Adresse der Freiheit

Für russische Regimekritiker wie Garri Kasparow gibt es in Moskau nur einen Ort, wo sie frei sprechen können: das Unabhängige Pressezentrum der ehemaligen Journalistin Natalja Jakowlewa. Doch auch dieser Zufluchtsort der freien Meinung gerät nun in Gefahr.

Es ist schon wieder ein trauriger Anlass, aus dem die erste Garde der russischen Menschenrechtsaktivisten in Moskau vor die Presse tritt. Dieses Mal richten sich die Kameras auf das Gesicht von Lew Ponomarjow. Der Chef der Organisation Für Menschenrechte hat blau-grüne Blutergüsse unter beiden Augen, Unbekannte haben den 67-Jährigen vor einer Woche zusammengeschlagen. In einem Brief an den Präsidenten fordern Ponomarjow und seine Mitstreiter nun Aufklärung. "Wir haben bisher keinerlei Reaktion gesehen", klagt der Aktivist. Solche Worte kann er in Moskau nur an einem Ort sagen: im Unabhängigen Pressezentrum von Natalja Jakowlewa.

Das kleine Stückchen Freiheit liegt in einem Hinterhof im Stadtzentrum, eine Metalltreppe hinauf, am Ende eines engen Flurs. Hinter furnierten Tischen sitzen gut 20 Journalisten, viele Ausländer, wenige Russen; an der Wand über Ponomarjow und den anderen Rednern steht übergroß und himmelblau "Independent Press Center". Wer hier das Sagen hat, merkt man sofort: Natalja Jakowlewa, 68, graue Bobfrisur, marinefarbenes Ensemble, schiebt sich in jede Ecke und verpasst auch denjenigen eine Pressemitteilung, die abwinken, weil sie fälschlich glauben, das Schriftstück bereits zu besitzen. "No, it's another one", klärt Jakowlewa auf.

Die resolute Moskauerin leitet das Pressezentrum nicht nur, sie ist das Pressezentrum. Mit nur einer Sekretärin organisiert sie wöchentlich mehrere Pressekonferenzen, Podiumsdiskussionen und Seminare. Unter Jakowlewas Kunden sind fast alle russischen Menschenrechtsorganisationen, unzufriedene Bürger und auch prominente Regimekritiker. "Es gibt ein paar, die überhaupt nur noch hier sprechen dürfen", sagt Jakowlewa. Der ehemalige Schach-Champion und Kreml-Kritiker Garri Kasparow zum Beispiel oder der Literat Eduard Limonow. Die anderen kommen auch deshalb, weil sie sich die hohen Raummieten anderer Zentren gar nicht leisten könnten. Bei Natalja Jakowlewa treten Menschenrechtsaktivisten kostenlos auf.

Das Pressezentrum ist selbst eine russische Bürgerrechtsorganisation. Geld kommt von anderen NGOs und privaten Spendern, ein bisschen verdient Jakowlewa selbst, indem sie den Raum auch Firmen zur Verfügung stellt. Als die ehemalige Journalistin diese Arbeit 1993 begann, war das Pressezentrum noch Teil eines großen amerikanisch-russischen Informations- und Pressezentrums. Man bot Jakowlewa die Stelle an, weil sie in der russischen Nachrichtenagentur APN zuletzt für die USA zuständig gewesen war, nach Jahren als London-Korrespondentin. Seit 2003 betreibt sie das Zentrum allein.

An diesem Vormittag ist es, als ob Natalja Jakowlewa alte Freunde zu sich nach Hause eingeladen hätte. Sie kennt sie alle seit Jahren, die wichtige Köpfe der russischen Menschenrechtsorganisationen: Lew Ponomarjow, Oleg Orlow von Memorial, Jurij Dschibladse vom Zentrum für die Entwicklung der Demokratie und Menschenrechte und natürlich Ljudmila Alekseewa, die Veteranin aus der sowjetischen Dissidentenszene, die 81-jährige Präsidentin der Moskauer Helsinki Gruppe. Nach der Pressekonferenz hilft Jakowlewa der alten Dame in die Jacke. Einige andere verabschiedet sie mit Wangenkuss.

Eine Bombe war es nicht, aber eine Warnung

Der Kreis ist kleiner geworden in den vergangenen Jahren. Einige, die regelmäßig im Pressezentrum zu Gast waren, sind ermordet worden: Die Journalistin Anna Politkowskaja, der Politiker Farid Babaew, zuletzt, im Januar, der junge Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und die Journalistikstudentin Anastasja Baburowa. Sie wurden erschossen, kurz nachdem Markelow bei einer Pressekonferenz in Jakolewas Räumen rechtliche Schritte gegen die Begnadigung des russischen Offiziers und Tschetschenien-Kämpfers Jurij Budanow angekündigt hatte.

An jenem kalten Januartag saß Natalja Jakowlewa nach der Pressekonferenz wie immer an ihrem Schreibtisch in dem Büro, das sie sich mit drei Mitarbeiterinnen anderer Organisationen teilt. "Eine von uns hat im Internet gelesen, dass um die Ecke ein junger Mann erschossen wurde", erinnert sich Jakowlewa. Erst zwei Stunden später wurde ihr klar, dass es Markelow war. "Stanislaw war wirklich ein Freund", sagt sie. "Ich kannte ihn seit zehn Jahren. Am Anfang war er schüchtern, aber dann ein Erwachsener, ernsthafter, ein sehr guter Mann. Er war 34 Jahre alt, als er getötet wurde." Den letzten Satz sagt sie fast unhörbar leise.

"Hier wird gelogen", schrieben Unbekannte ein paar Wochen nach dem Mord auf Tür und Hauswand des Presse-Zentrums. Über dem Eingang hängten sie etwas auf, das auf den ersten Blick wie eine Lampe aussah. Eine Bombe war es nicht, aber ein mit weißem Pulver gefüllter Feuerlöscher. Eineinhalb Stunden hat es gedauert, das Ding zu entfernen. "Das war kein Witz, es war eine Drohung", sagt Jakowlewa. Seitdem stellt sie ihr Auto nicht mehr vor der Tür ab. Natalja Jakowlewa ist nicht der Typ Mensch, der zugibt, dass er Angst hat: "Aber manchmal fühle ich mich sehr unwohl."

An die kleinen Demonstrationen vor dem Zentrum hat sie sich schon fast gewöhnt. 20, 30 parolenspuckende Jugendliche kommen regelmäßig, wenn Regimekritiker auftreten. Wahrscheinlich Kreml-treue Naschi-Jugend. "Ich war überrascht, dass heute niemand da war", sagt Jakowlewa und lacht ein bitteres Lachen. In Wirklichkeit macht sie sich Sorgen. Das Haus ist ein Wohnhaus, die Leute könnten sich beschweren, und dann könnte es vorbei sein mit dem Pressezentrum.

Das ist Jakowlewas größte Sorge, dass es vorbei sein könnte. "Wir sind fast die einzige Plattform, wo die Leute sagen können, was sie denken. Das muss weitergehen, mit oder ohne mich."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.