Oppositioneller Milliardär Prochorow Ein Playboy spielt Kreml-Schach

Wird Moskaus Dandy zur Gefahr für Wladimir Putin? Ausgerechnet der Multimilliardär Michail Prochorow, bekannt durch exzentrische Hobbys und einen Sex-Skandal, will eine schlagkräftige Oppositionspartei formen. Kritiker vermuten hinter dem Manöver ein abgekartetes Spiel.
Milliardär Michail Prochorow: Wird Moskaus Dandy zur Gefahr für Russlands Staatspartei?

Milliardär Michail Prochorow: Wird Moskaus Dandy zur Gefahr für Russlands Staatspartei?

Foto: ? Sergei Karpukhin / Reuters/ REUTERS

Michail Prochorow, 46, mit einem geschätzten Vermögen von 18 Milliarden Dollar Russlands drittreichster Mann, mag Hobbys, die den Herzschlag höher treiben. Der "begehrteste Junggeselle" des Landes frönt Extremsportarten wie Heliskiing oder Kickboxen. Nun aber plant der Magnat eine Karriere in der russischen Politik, eine Beschäftigung, die russischen Oligarchen in der Vergangenheit Adrenalin-Schübe garantierte.

So half Boris Beresowski, ehemals reichster Russe, 1999 dabei, einen gewissen Wladimir Putin an die Hebel der Macht zu hieven. Nur ein Jahr später verlor der "Pate des Kreml" den Machtkampf mit demselben Putin und musste nach London fliehen. 2003 dann finanzierte der Öl-Magnat Michail Chodorkowski Oppositionsparteien und forderte Putin offen heraus. Zweimal, 2005 und 2010, wurde der Oligarch zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Er soll mindestens bis 2017 im Lager bleiben.

Erstmals seit Chodorkowskis Fall hat nun ein russischer Großunternehmer politische Ambitionen verkündet. Michail Prochorow, Chef der Onexim-Gruppe, will die wirtschaftsliberale Partei "Rechte Sache" als Vorsitzender zu den Duma-Wahlen im Dezember führen.

Die Partei, vor einigen Jahren aus den Überresten mehrerer gescheiterter Oppositionsparteien errichtet, sieht sich als Interessenvertretung russischer Wirtschaftsliberaler und Unternehmer. Seit Monaten sucht die Organisation nach einer potenten Führungsfigur. Prochorow könnte es nun dank seiner enormen Finanzkraft und bester politischer Beziehungen gelingen, "Rechte Sache" zu einer schlagkräftigen Partei zu formen. Hochrangige Parteifunktionäre wie Leonid Gosman wollen gar bereits eine "neue Etappe im Leben des Landes" erkennen und ein "Ende des Machtmonopols" der Putin-Partei "Einiges Russland".

Der Dandy und Playboy Moskaus

2007 wurde Prochorow auch im Westen auf einen Schlag berühmt, als ihn französische Polizisten im Nobelskiort Courchevel unter dem Verdacht der Zuhälterei verhafteten. Später wurden die Vorwürfe fallengelassen. Kann Prochorow, der gern sein Image als Moskauer Dandy und Playboy pflegt, zu einem ernsthaften Gegner der "Partei der Gauner und Diebe" werden, wie der russische Volksmund die Staatspartei zunehmend beschimpft?

Bislang galt der Oligarch dissidentischer Umtriebe unverdächtig. Im Auftrag von Regierungschef Putin lässt Prochorow derzeit ein Hybrid-Auto entwickeln. 150 Millionen Dollar will er in das "Yo-Mobil" stecken, mit dem der Kreml der Welt ein Hightech-Produkt "made in Russia" präsentieren will. Westliche Automanager spotten gleichwohl, Prochorows Investitionen reichten niemals für die Entwicklung eines neuen Autos, sondern "maximal für eine neue Hinterachse".

Zudem pflegt der Magnat enge Kontakte zu Wladislaw Surkow, dem stellvertretenden Chef der Präsidentenadministration. Surkow, ein brillanter Denker und zuständig für Russlands Innenpolitik, ist der Chefarchitekt von Russlands Parteiensystem. Daneben schreibt Surkow gern Bücher, die Prochorow - unter Pseudonym - in seiner Zeitschrift "Russischer Pionier" veröffentlicht.

Die angesehene Moskauer Tageszeitung "Wedomosti" berichtete unter Berufung auf namentlich nicht genannte Bekannte Prochorows, der Milliardär habe seine Kandidatur mit dem Kreml und der Regierung Putin bei Treffen persönlich abgestimmt.

Kritiker fürchten daher, in Wahrheit stecke der Kreml selbst hinter Prochorows Schachzug. "'Gerechte Sache' ist eine Partei von Verrätern, die sich unter dem Kreml flach legt", ätzt etwa die Bürgerrechtlerin Walerija Nowodworskaja. "Prochorow soll für den Kreml die Stimmen der Mittelklasse einsammeln", vermutet auch der Moskauer Politologe Alexej Muchin.

Die wichtigste Kreml-Regel für Oligarchen: Misch dich nicht ein!

Tatsächlich setzte Russlands Führung schon früher pseudo-oppositionelle Parteien ein. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 etwa kandidierte Andrei Bogdanow, Chef der "Demokratischen Partei Russlands" (DPR), gegen Dmitrij Medwedew. Als Präsident versprach er einen schnellen Beitritt Russlands zur verhassten Nato und den baldigen Gewinn des Fußball-Weltmeistertitels. Hatte einst noch der sowjetische Geheimdienst KGB Regie bei der Gründung der DPR geführt, tanzte der Scheindemokrat Bogdanow noch 2008 nach der Pfeife des Kremls.

Rund sechs Monate vor den Parlamentswahlen im Dezember muss sich Russlands Parteienlandschaft jetzt neu sortieren. Der Partei "Gerechtes Russland", dem einst unter Hilfestellung des Kreml gegründeten sozialdemokratischen Gegengewicht zur Putin-Partei, ist der einflussreiche Vorsitzende Sergej Mironow abhanden gekommen. Die Putin-Partei "Einiges Russland" wiederum will ihre Stellung wieder konsolidieren. Bei den letzten Regionalwahlen musste die Partei, die über 70 Prozent der Mandate im Parlament verfügt, zum Teil empfindliche Schlappen hinnehmen.

Putin hat deshalb Anfang Mai eine "Volksfront" aus der Taufe gehoben. Kandidaten von Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen sollen nach dem Willen des Premiers die Kandidatenlisten der ungeliebten "Partei der Macht" auffüllen und die wichtige Zweidrittel-Mehrheit bei den Dumawahlen sichern helfen.

"Ich bin ein Extremist", hat Milliardär Prochorow mal über sich selbst gesagt. Ernsthafte Sorgen müssen sich der Kreml und "Einiges Russland" aber dennoch nicht über den Newcomer machen. Der Milliardär fremdelt noch mit der neuen Rolle. Fragen nach Kritik an der Staatsmacht oder seinem Reformprogramm lässt der Oligarch bislang unbeantwortet und verweist auf seine Lage als Geschäftsmann. "Ich lebe nach den Gesetzen des Business", sagte Prochorow der Radiostation "Kommersant FM". Die wichtigste Regel des Kreml für Russlands Oligarchen lautet ohnehin: Misch dich nicht ein. Außer, wir bitten darum.

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