Würdigung für ungarischen Hitler-Verbündeten Orbán wagt den Tabubruch

In Ungarn startet der Wahlkampf - und Viktor Orbán fischt am extrem rechten Rand: Der Premier würdigte Miklós Horthy als "Ausnahmestaatsmann". Dabei war Hitlers Verbündeter für schwere Verbrechen mitverantwortlich.

Ungarischer Premier Viktor Orbán
REUTERS

Ungarischer Premier Viktor Orbán


Er war ein erklärter Antisemit und lange Zeit treuer Verbündeter Adolf Hitlers. Er unterzeichnete zahlreiche spezifisch antijüdische Gesetze. Und er war mitverantwortlich für die Deportation von rund 600.000 ungarischen Juden in deutsche Vernichtungslager: der Reichsverweser Miklós Horthy, Ungarns autoritäres Staatsoberhaupt der Zwischenkriegszeit. Ihn offen zu verherrlichen, wagte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bisher nicht. Doch dieser Tage nannte er Horthy einen "Ausnahmestaatsmann". Es war kein Ausrutscher: Trotz heftiger Kritik in Ungarn und im Ausland bekräftigte Orbán nun ausdrücklich, dass er an seiner positiven Einschätzung Horthys festhalte.

Der Premier machte die Bemerkung über Horthy Mitte vergangener Woche bei der feierlichen Übergabe eines renovierten historischen Gebäudes in Budapest. In einer Rede würdigte er die Verdienste Horthys und anderer ungarischer Politiker der Zwischenkriegszeit um den Wiederaufbau Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Frieden von Trianon (1920). Durch diesen hatte Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets an seine Nachbarländer verloren.

Trotz des "Schocks von Trianon" habe man "vom Boden aufstehen und ein erfolgreiches Land aufbauen" können, sagte Orbán. Dies sei einigen "Ausnahmestaatsmännern", darunter Miklós Horthy, zu verdanken, die der "Nation gedient und sie angeführt" hätten. Auch Ungarns "trauriges Engagement" im Zweiten Weltkrieg könne Horthys Beurteilung "nicht überschatten", so Orbán.

Adolf Hitler (rechts) im Jahr 1938 mit Miklos Horthy (2. v. l.)
AFP

Adolf Hitler (rechts) im Jahr 1938 mit Miklos Horthy (2. v. l.)

Dessen Mitverantwortung am Holocaust erwähnte Orbán nicht. Horthy hatte den Abtransport von ungarischen Juden außerhalb Budapests in deutsche Vernichtungslager gebilligt. Erst als ab Juli 1944 auch die Budapester Juden abtransportiert werden sollten, widersetzte er sich.

Der Verband der jüdischen Gemeinden Ungarns (Mazsihisz) und der Jüdische Weltkongress (WJC) kritisierten Orbáns Bemerkung über Horthy scharf als "Verherrlichung eines Hitler-Verbündeten". "Horthys Verantwortung am Tod von 600.000 ungarischen Juden steht für uns außer Frage", heißt es in einer Stellungnahme von Mazsihisz.

Außerdem sei Horthy für den Tod Zehntausender ungarischer Soldaten verantwortlich, da Ungarn auf seinen Befehl hin am Krieg gegen die Sowjetunion teilgenommen habe. Auf diese Kritik angesprochen sagte Orbán am vergangenen Freitag am Rande des EU-Gipfels: "Ich habe meine Rede auf das Genaueste formuliert und stehe zu jedem ihrer Worte." Auch Orbáns Kanzleiminister János Lázár würdigte Horthy als "großen Patrioten" und als "ehrbaren, durch und durch rechtschaffenen Militär".

Der Premier wagt ein gefährliches Spiel

Bisher waren es vor allem ungarische Rechtsextreme, die Horthy offen verherrlichten. In Orbáns Regierungspartei Fidesz hingegen blieb das Thema einigen wenigen unmaßgeblichen Politikern vorbehalten, zumeist auf lokaler Ebene. Insgesamt betreibt Fidesz weniger einen Horthy-Kult als vielmehr einen Kult um die Zwischenkriegszeit als glorreiche Epoche, in der die Ungarn beispielhaft zusammengehalten hätten, um die "Tragödie von Trianon" zu verkraften.

Dass Orbán den einstigen ungarischen Reichsverweser nun erstmals als Vorbild würdigt, erklärt der Historiker Krisztián Ungváry, der mehrere grundlegende Werke über die Horthy-Epoche verfasst hat, mit der Vorwahlkampagne für die Parlamentswahl im Frühjahr 2018. "Orbán will seine Wähler bedienen", so Ungváry. "Die Botschaft ist eindeutig: Wir sind brav, wertvoll und unschuldig. Wer diese Aussagen infrage stellt, ist entweder Jude, Agent des Auslands oder Kommunist."

Auch der Vorsitzende des Jüdischen Gemeindeverbandes, András Heisler, sagte dem SPIEGEL, es gehe Orbán darum, die Rechtsaußen-Wähler zu gewinnen. "Dennoch ist es ein sehr gefährliches Spiel, die Geschichte in dieser Weise zu relativieren und zu verharmlosen."

Der israelische Botschafter in Ungarn, Yossi Amrani, kritisierte Orbáns Äußerung lediglich in vorsichtigen, allgemeinen Worten - offenbar will Israel den für Mitte Juli geplanten Besuch des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanyahu in Budapest nicht gefährden. Ungarn ist international ein konsequenter Unterstützer Israels.

So mancher EVP-Politiker ist entsetzt über Orbán

Vertreter der Europäischen Volkspartei (EVP), deren Mitglied Orbáns Fidesz ist, wollten sich auf Anfrage des SPIEGEL nicht öffentlich zu Orbáns Horthy-Würdigung äußern. In der EVP gibt es seit Längerem Kontroversen über die Mitgliedschaft von Fidesz. Zwar wurde Orbán wegen seiner xenophoben, europafeindlichen "Stoppt-Brüssel!"-Kampagne im April öffentlich so deutlich wie bisher selten vom EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU) kritisiert. Ein Fidesz-Ausschluss steht aber nicht an.

Dabei zeigen sich manche EVP-Politiker, die namentlich nicht genannt werden wollen, in nicht öffentlichen Gesprächen entsetzt über Orbáns zunehmend rechtradikales Weltbild. Jenseits seiner mittlerweile alltäglichen migranten- und europafeindlichen Sprüche oder seines George-Soros-Bashings plädiert der ungarische Regierungschef auch für die Todesstrafe oder fällt durch homophobe Äußerungen auf.

Auch Horthys militärische Machtergreifung in Ungarn 1919/20 lobte er schon einmal - allerdings ohne den Namen des Reichsverwesers zu nennen: als einen der "Wendepunkte der ungarischen Geschichte, an denen es notwendig war, dass statt Zivilisten energische, klarsichtige, disziplinierte Militärs die Führung des Landes übernahmen".



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.