Orient-Experte Steinbach "Erste Bombe auf Irak würde Anti-Terror-Allianz zerstören"

Der Direktor des Deutschen Orient-Instituts, Udo Steinbach, warnt vor einem Angriff des Westens auf den Irak. Im SPIEGEL-ONLINE -Interview sagt Steinbach, die USA seien dabei, Feinde zu benennen, um sie unter dem Deckmäntelchen der Terrorbekämpfung fertig zu machen.


Steinbach: "Nicht mit abgehalfterten Politikern kungeln"
DDP

Steinbach: "Nicht mit abgehalfterten Politikern kungeln"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Steinbach, haben die Amerikaner Recht, dem Irak mit einem Angriff zu drohen?

Steinbach: Zu verkünden, das nächste Angriffsziel sei der Irak, ist völlig daneben. In der Wahrnehmung der arabischen Welt geben die Amerikaner den Israelis völlig freie Hand, die Palästinenser zu bekämpfen - und nehmen sich selbst die Freiheit, Saddam Hussein zu bekämpfen, ohne deutlich zu machen, in welchem Zusammenhang dies mit dem Kampf gegen den Terror steht. Beweise dafür, dass Saddam in die Terroranschläge vom 11. September involviert ist, gibt es bisher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Hätten die Amerikaner Saddam Hussein im Golfkrieg 1991 stürzen müssen?

Steinbach: Hätten die Amerikaner ein neues Regime etabliert, hätten sie in dieser Region sicher an Glaubwürdigkeit gewonnen. Eine neue machtpolitische Ordnung hätte einen umfassenden Friedensprozess in der ganzen Region ermöglichen können.

SPIEGEL ONLINE: Wieso also Saddam Hussein aus ordnungspolitischen Gründen nicht jetzt stürzen?

Steinbach: Jetzt gibt es keinen Grund mehr. Außerdem lässt sich der Sturz Husseins nicht ähnlich locker machen wie die Vertreibung der Taliban. Es müsste ein Feldzug von enormer Dimension werden. Die so genannten Collateral Damages wären unabsehbar. Außerdem: Je öfter die USA einseitig neue Feinde in der Region benennen - Iran, Irak, Somalia, Jemen - verstärkt sich der Eindruck, dass Amerika nicht auf die Bekämpfung des Terrors aus ist, sondern eine Politik verfolgt, die dem eigenen Interesse am Öl dient. Das bestärkt die Bevölkerung in der Ansicht, dass auch der Afghanistan-Feldzug amerikanische Interessenpolitik gewesen sein könnte. Es besteht ein tiefes Misstrauen in der Region zu allem, was mit dem 11. September zusammenhängt. Der Kreis derer, die zweifeln, dass die Attacken vom 11. September von einem Muslim angezettelt worden sind, ist nicht klein.

SPIEGEL ONLINE: Diese Verschwörungstheorien sind doch absurd.

Steinbach: Natürlich. Doch sie zeigen, dass eine Aversion gegen Amerika zu Grunde liegt, die dadurch gestärkt wird, dass die USA jetzt nach reinem Eigeninteresse Feinde benennen, um sie unter dem Deckmäntelchen der Terrorbekämpfung fertig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Was müssten die USA denn tun?

Saddam Hussein: Wer füllt das Machtvakuum nach seinem Sturz?
REUTERS

Saddam Hussein: Wer füllt das Machtvakuum nach seinem Sturz?

Steinbach: Die Amerikaner müssten den Terror kooperativ bekämpfen und nicht nach einer einseitigen amerikanischen Agenda. Iran zur "Achse des Bösen" zu zählen, ist die völlig falsche Politik. Iran hatte deutlich signalisiert, sich den Amerikanern annähern zu wollen. Im Jemen werden al-Qaida-Leute vermutet. Doch es ist die schlechteste Methode, CIA-Agenten in diverse Institutionen im Jemen zu schicken, um die Arbeit der Regierung dort zu kontrollieren. Und wenn sie Saddam Hussein weg haben wollen, ist es besser, die gesamte Region zu darüber zu konsultieren, wie das Regime wegzubringen ist, als dies durch eine einseitige amerikanische Militäraktion zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Die CIA versucht bereits eine Allianz mit Schiiten und Kurden im Irak zu schmieden.

Steinbach: Ob das eine gute Idee ist, ist mehr als fraglich. Insbesondere eine kurdische Opposition aufzubauen, taugt langfristig überhaupt nicht, eine Stabilisierung des Irak zu erreichen. Diese Aktion schürt Ängste, nicht nur im Irak selbst, sondern auch in der Türkei. Die Türken fürchten nichts mehr als die Entstehung eines neuen Staates. Wenn man eine stabile Ordnung nach Saddam Hussein anstrebt, muss man sich etwas anderes einfallen lassen als mit abgehalfterten Politikern zu kungeln.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hätte ein amerikanischer Angriff auf den Irak?

Steinbach: In dem Augenblick, in dem die erste Bombe auf Bagdad fällt, wird die Anti-Terror-Allianz zerbrechen. Die Saudis legen bereits einen immer schmerzlicher werdenden Spagat hin. Auf der einen Seite können sie nicht anders als Amerika die Treue zu halten, auf der anderen rücken sie von Amerika ab. Die Saudis überprüfen bereits, ob sie weiter amerikanische Stützpunkte in ihrem Land haben wollen. Die Öffentlichkeit in der arabischen Welt würde einen erhöhten Druck auf ihre Regierungen ausüben, mit dem Ergebnis, dass etwa das Regime in Jordanien in große Bedrängnis geraten könnte. Der Nachbar Türkei fürchtet, dass mit dem Fall Husseins ein kurdischer Staat entstehen könnte. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde die Türkei in die Auseinandersetzungen im Irak hineingezogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Und im Irak selbst?

Steinbach: Keiner weiß, wie das Machtvakuum nach Saddam gefüllt werden könnte. Die Auslandsopposition wäre dazu nicht in der Lage. Möglicherweise bräuchte man einen anderen Militär, um das Land zusammenzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss der Terror-Feldzug fortgesetzt werden?

Steinbach: Man muss beim palästinensisch-amerikanischen Verhältnis beginnen. Wenn es dort zu einem wirklichen Friedensprozess käme durch die politische Perspektive "Land für Frieden" mit der Gründung eines palästinensischen Staates, dann wäre das ein erheblicher Erfolg mit Blick auf islamistische Militanz. Zweitens: Der Uno muss es gelingen, den Irak wieder in die internationalen Gemeinschaft zurückzuholen.

SPIEGEL ONLINE: Der Irak verweigert der Uno nach wie vor, Inspektoren ins Land zu lassen, die prüfen sollen, ob das Land Massenvernichtungsmittel herstellt.

Steinbach: Der Irak verweigert sich, weil das Land bisher keine Zusage hat, dass es im Falle von Inspektionen die Sanktionen los sein wird. Die amerikanische Politik ließ es immer offen, an welchem Punkt man den Irak wieder in die internationale Gemeinschaft aufnehmen würde. Hussein wird eher einlenken, wenn er einen Lohn in Aussicht gestellt bekommt. Und man darf nicht vergessen, dass es die unsinnigen und unmenschlichen britischen und amerikanischen Bombardements vom Dezember 1998 gewesen sind, die Hussein dazu gebracht haben, auch den letzten Inspektor der Uno des Landes zu verweisen.

SPIEGEL ONLINE: Den USA wird vorgeworfen, sie verfolgten eine simplifizierende und isolationistische Politik. Trifft diese Haltung nicht auf ähnliche Denkstrukturen in der arabischen Welt? Hier die rechtgläubige islamische Welt, dort der gottlose, feindliche Westen.

Steinbach: Absolut. Das kann man nicht übersehen. Besonders die Verschwörungstheoretiker leiden an einem Realitätsverlust. Alles, was für die islamische Welt negativ ist, wird beim Westen abgeladen. Vor diesem Hintergrund brauchen wir dringend einen Dialog der Kulturen. Die kriminelle Kapazität des Terrorismus muss bekämpft werden, zugleich müssen wir aber sehen, dass er in tief greifenden Fehlentwicklungen wurzelt.

SPIEGEL ONLINE: Was soll ein Dialog der Kulturen bringen?

Steinbach: Dieser Dialog muss selbstkritischer Natur sein. Die islamische Welt muss sich eingestehen, dass es eine westliche Moderne gibt, dass man nicht ständig die Flucht in die Tradition suchen kann. Und der Westen muss zurückfinden zu einer Haltung des Respekts vor anderen Kulturen, als Voraussetzung dafür, dass wir viel stärker kooperativ verfahren als früher. Bisher war amerikanische und europäische Politik eine Politik der Dominanz, ausgerichtet an wirtschafts- und sicherheitspolitischen Interessen.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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