Disco-Massaker in Orlando Amerikas Albtraum

Ein Killer, 50 Tote: Der Angriff auf einen Nachtklub in Orlando schockiert die USA. Über eine Stadt im Ausnahmezustand und einen Angreifer, der mit seiner Tat das Land verändern könnte.

Aus Orlando berichten und


Es ist jetzt Abend, da kommen sie wieder, die Gefühle. Eine Frau steht vor dem "Hampton Inn" auf der Columbia Avenue in der Innenstadt von Orlando. Das Hotel ist an diesem Tag zur spontanen Sammelunterkunft für die Angehörigen geworden, die hier trauern aber auch gemeinsam hoffen, doch noch ein Lebenszeichen von denen zu bekommen, die sie vermissen. Die Frau weint. Ihr Sohn ist weg und sie blickt auf ihr Handy, als könne sie ihn da irgendwie rausholen. Er hat ihr noch eine SMS geschickt, nachts, irgendwann nach zwei Uhr. "Bin im Klub. Eine Schießerei. Ich liebe Dich", schrieb er. "Jetzt ist er einfach nicht mehr da", sagt die Mutter. Dann geht sie, gestützt von einer Freundin, die Straße entlang. Hauptsache weg.

Dieser 12. Juni wird bleiben. Er ist ein Albtraum. Für Orlando, für Florida, für das ganze Land. 50 Menschen sind gestorben. Sie sind von einem jungen Mann kaltblütig erschossen worden, als sie eigentlich nur tanzen wollten. Das Pulse, jener Nachtklub in der Innenstadt, der bei den Schwulen und Lesben Orlandos so angesagt ist, wurde zum Massengrab, als Omar Mateen mit einem Sturmgewehr hineinmarschierte drauf los feuerte. Weil er Schwule hasste? Weil er den "Islamischen Staat" bewunderte? Beides? Man weiß das alles noch nicht so genau, man weiß nur, dass die größte Massenschießerei in der Geschichte der USA das Land verändern könnte.

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Massaker in Orlando: Trauer und Stolz

Die Ängste werden größer, die Vorurteile, und damit auch der politische Streit. Und dann ist auch noch Wahlkampf, da ist noch weniger kontrollierbar, als ohnehin schon.

Washington ist längst im Ausnahmezustand, was natürlich auch an Donald Trump liegt, der den Präsidenten zum Rücktritt auffordert, weil dieser angeblich nichts gegen den islamistischen Terror unternehme. Aber nach Tragödien wie jener im Pulse sind immer zwei Amerikas zu sehen, das schlechte und das gute Amerika, jenes, das sich auseinandertreiben lässt, und jenes, das versucht, zusammenzubleiben. Jetzt erst recht.

Nur ein paar Blocks vom Pulse entfernt haben sich Hunderte Menschen versammelt, um zu helfen. Die Stadt hat dazu aufgerufen, Blut zu spenden für die Opfer, die noch in den Krankenhäusern liegen, und das "Southpointe Center" kann sich vor Andrang kaum retten. Es ist schwül, das Thermometer zeigt 35 Grad, jede Spende dauert 20 Minuten und Mahmoud wartet schon seit drei Stunden. "Egal", sagt der Ingenieur, der in der muslimischen Gemeinde Orlandos aktiv ist und seine vier Kinder mitgebracht hat: "Ich will, ich muss einfach etwas machen."

Die Solidarität in der Krise funktioniert

Viele denken in diesen Stunden so in Orlando. Wer nicht Blut spendet, spendet Proviant. Für die Wartenden. Wasser, Sandwiches, Kekse. Hauptsache irgendetwas. Vor dem "Southpointe Center" stehen nicht nur die Menschen vor der Praxis Schlange, auch die Autos stehen Schlange, um Getränke und Essen abzuladen. Ein Heer an Freiwilligen koordiniert die Lieferungen. Schwulenorganisationen. Kirchen. Eine Band. Das Hard Rock Café schickt gleich einen ganzen Truck mit Verpflegung. Ein Softwareunternehmen spendiert Pizza. Ein Mann bietet kostenlos Hotdogs an. Es gibt viel zu viel, aber es geht um das Zeichen, dass man zusammenhält. Die Solidarität in der Krise ist eine jener Dinge in den USA, die noch immer sehr gut funktionieren, Orlando zeigt das mal wieder.

Natürlich liegt über der Stadt auch eine bedrückende Stimmung. Der Tatort wirkt wie ein Kriegsschauplatz. Alles ist abgeriegelt. Hubschrauber kreisen am Himmel. Das FBI ist vor Ort. Die Spurensicherung schickt Roboter ins Pulse. Vor dem Krankenhaus, das nur wenige Blocks entfernt ist und in das am frühen Morgen die Verletzten eingeliefert wurden, haben sich die Medien versammelt. Hin und wieder kommen Angehörige heraus. An vielen Ecken der Stadt gibt es Gedenkgottesdienste oder einfach spontane Gebete auf der Straße. Und Tränen fließen.

Viele Tränen.

Zwei Fragen scheint man sich in Orlando besonders zu stellen. Wie konnte es so weit kommen? Und was ist da passiert mit dem 29-Jährigen Omar Mateen, der jetzt als Schlächter in die Geschichte eingehen wird? M., so viel scheint klar, muss an diesem Abend lange gewartet haben, bis er losschlug. Die Wohnung, die er bewohnte, liegt knapp zwei Autostunden entfernt von Orlando, in Fort Pierce, Apartment 107 in einem Wohnblock, der sich nur eine Meile von der Atlantikküste entfernt befindet. Die schnellste Route hinein in das Urlaubsparadies Orlando führt über den Florida Turnpike, von der Autobahn bis zum Nachtklub sind es nur noch ein paar Blocks. Gegen 2 Uhr parkt M. dort seinen Van.

Als er den Klub betritt, führt er eine Handfeuerwaffe und ein Sturmgewehr vom Typ AR 15 bei sich, legal: für beide Waffen besitzt er eine Lizenz, wie der Sheriff von Palm County bestätigt. M. hat die Waffen erst vor Kurzem gekauft, er hat dafür eine gute Erklärung: Seit September 2007 ist er bei der Sicherheitsfirma G4S beschäftigt, eine der größten weltweit. Zwar zeigen Fotos M. auch mit einer Uniform der New Yorker Polizei, aber das ist nur Folklore, tatsächlich hat er nie für eine offizielle Polizeibehörde gearbeitet. Auf anderen Bildern trägt M. einen schwarzen Anzug mit Krawatte und macht ein Selfie, adrett und nett sieht er dabei aus.

Omar Mateen, der echte Amerikaner

Seine Eltern sind Immigranten aus Afghanistan, aber M. ist kein Einwanderer, sondern ein echter Amerikaner: im November 1986 wird er in New York geboren und wächst in Florida auf, in Port St. Lucy, an der Atlantikküste zwischen Orlando und Palm Beach. Die Familie lebt ein amerikanisches Leben, aber zumindest den Vater, Mir Seddique, lässt sein Heimatland nie ganz los. Er mischt sich in den Wahlkampf am Hindukusch ein und gründet eine Gruppe namens "The Durand Jirga", die bizarre Fernsehsendungen auf YouTube postet. In einer der Sendungen kündigt M.'s Vater seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen in Kabul an.

Sein Sohn hingegen scheint in Gedanken weniger mit Afghanistan verbunden zu sein, sondern ein normales Leben in den USA zu führen. Er heiratet eine Frau aus Usbekistan, doch die Ehe wird 2008 geschieden. Ein Jahr später heiratet er erneut, diesmal eine junge Frau namens Sitora Y. Die beiden haben sich übers Internet kennengelernt, nach der Heirat zieht Y. zu ihm nach Fort Pierce in den Apartmentkomplex an der 17th Street. M. sei keine besonders religiöse Person gewesen, sagt seine Ex-Frau der "Washington Post". Seine freie Zeit habe er oft im Fitnessstudio verbracht.

Doch die Ehe läuft nicht gut. "Er war keine stabile Persönlichkeit", so Y. in der "Post". "Er kam nach Hause und hat mich einfach geschlagen, weil die Wäsche nicht gemacht war oder etwas Ähnliches." Y. flieht mithilfe ihrer Eltern aus dem Apartment in Fort Pierce. 2011, nach gerade zwei Jahren, wird die Ehe geschieden.

Hat Omar Mateen sich danach radikalisiert? 2013 jedenfalls wird das FBI das erste Mal auf ihn aufmerksam, "als er aufrührerische Bemerkungen zu einem Kollegen über angebliche Terrorverbindungen macht", wie der FBI-Agent Ronald Hopper auf einer Pressekonferenz sagt. Das FBI findet nichts Belastendes.

Ein Jahr später schaut sich das FBI M. erneut an, diesmal wegen möglicher Verbindungen zu einem Amerikaner aus Florida, der sich dem IS angeschlossen und in Syrien als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hatte. Laut dem FBI seien die Verbindungen zwischen M. und dem Selbstmordattentäter "minimal" gewesen, M. habe "damals keine Gefahr dargestellt".

"Es ist schwer, ich kann jetzt kaum noch"

Ist dem FBI ein tödlicher Fehler unterlaufen? Haben die Agenten Spuren zum "Islamischen Staat" übersehen? Sein Vater erzählt eine andere Geschichte: Omar Mateen habe vor einigen Monaten ein schwules Pärchen in Miami auf der Straße gesehen, das sich geküsst und angefasst habe. Sein Sohn sei daraufhin sehr wütend geworden und habe sich nur schwer beruhigt. Der Sohn, so sieht es der Vater, sei homophob gewesen, nicht aber ein religiöser Fanatiker. Die Familie sei "zutiefst schockiert".

Denkbar ist, dass M. sich kaum merklich radikalisierte, ein einsamer Wolf, der sich unter den Palmen von Florida aufwiegelte, bis er im Geiste Abu Bakr al-Bagdadis zuschlug. Aus dem Klub heraus rief M. bei der Polizei an und erklärte, er habe dem "Islamischen Staat" die Treue geschworen. Ebenso denkbar ist aber auch, dass er das Reizwort "IS" nur nutzte, um größtmögliche Aufmerksamkeit für seinen Blutrausch zu erzeugen. Es sind sehr viele Fragen noch offen, Genaueres wird wahrscheinlich erst die Auswertung der Computer zeigen, die die Ermittler in den Wohnungen von M. und seinen Eltern beschlagnahmten. Das kann dauern.

Vor dem "Hampton Inn" steht Angel Torres. Der Polizeigeistliche hat den gesamten Tag jene Menschen betreut, die im Pulse Freunde oder Verwandte verloren haben. Er hat Gespräche geführt, zugehört, aufgebaut. Nach diesem langen Tag wirkt er, als bräuchte er selbst einen Seelsorger. "Es ist schwer, ich kann jetzt kaum noch", sagt er. "Aber es geht in diesem Moment darum, das Herz der Leute zu erreichen. Damit sie emotional nicht ganz zumachen." Seine Stimme bricht. Er geht jetzt einfach die Straße entlang.

Hauptsache weg.

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