Obama attackiert Trump "Wo soll das enden?"

Nach dem Attentat von Orlando verschärft sich der Ton im US-Wahlkampf. Donald Trump will ein Einreiseverbot für Muslime. Jetzt reagiert Präsident Obama - und greift den Republikaner ungewohnt heftig an.


Der Anschlag in Orlando dominiert den amerikanischen Wahlkampf: Der 29 Jahre alte Omar Mateen hat am Sonntag in dem Nachtklub Pulse 49 Menschen getötet. Er wurde in New York geboren: ein US-Staatsbürger und Sohn afghanischer Einwanderer.

Donald Trump hatte nach dem Anschlag seine Forderung nach einem generellen Einreiseverbot für Muslime bekräftigt. Und er ging noch weiter, indem er ein pauschales Einreiseverbot für alle Menschen aus Staaten "mit einer erwiesenen Geschichte des Terrorismus" verlangte. Das Attentat von Orlando wäre nicht verübt worden, wenn die Eltern des Attentäters nicht seinerzeit ins Land gelassen worden wären, argumentierte er.

Nun reagierte US-Präsident Barack Obama auf diese Äußerungen - und bezeichnete sie als "leichtfertiges Gerede".

"Wo soll das enden?", sagte der sichtlich aufgebrachte Präsident. "Werden wir alle muslimischen Amerikaner anders behandeln? Werden wir damit anfangen, sie einer besonderen Beobachtung zu unterziehen? Werden wir beginnen, sie wegen ihres Glaubens zu diskriminieren?"

Obama richtete an die republikanische Parteiführung auch die Frage, ob sie tatsächlich mit den Forderungen des rechtspopulistischen Immobilienmoguls einverstanden sei. Er kritisierte, dass derartige Positionen "nicht unsere demokratischen Ideale reflektieren". Sie würden auch das Land unsicherer machen, indem sie der Propaganda der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Nahrung gäben, dass "der Westen Muslime hasst".

Die Auseinandersetzung zwischen Trump und Obama entzündet sich auch daran, dass der Präsident in seiner Beschreibung der extremistischen Gewalttäter die Bezeichnung "radikaler Islam" bewusst vermeidet. Der Republikaner wertet dies als Zeichen dafür, dass der Präsident die Bedrohung nicht entschlossen genug bekämpfe - und forderte ihn deshalb am Sonntag zum Rücktritt auf.

Obama bezeichnete die Debatte über seine Wortwahl nun als "politisches Ablenkungsmanöver". Er vermeide den Begriff "radikaler Islam", um Pauschalurteilen über den Islam vorzubeugen. Gruppierungen wie der IS und al-Qaida wollten ihre Gewaltaktionen zu einem "Krieg zwischen dem Islam und Amerika oder zwischen dem Islam und dem Westen" hochstilisieren.

Dass er den Begriff "radikaler Islam" vermeide, behindere seine Regierung keineswegs im Anti-Terror-Kampf, sagte Obama. Während seiner Amtszeit seien "Tausende Terroristen vom Schlachtfeld beseitigt" worden.

Clinton: "Bizarre Tiraden", "klare Lügen"

Die Äußerungen des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers stießen indes auch bei Vertretern seiner eigenen Partei auf Kritik. "Ich glaube nicht, dass ein Einreiseverbot für Muslime im Interesse unseres Landes ist", sagte ihr Sprecher Paul Ryan laut der "Washington Post". Dass er Obama in einem Interview in die Nähe von Terroristen rückte, sorgte ebenfalls für Protest aus den eigenen Reihen; zwei Senatoren nannten das "beleidigend".

Auch Trumps demokratische Konkurrentin um die US-Präsidentschaft, Hillary Clinton, attackierte Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pittsburgh scharf.

Trump habe "bizarre Tiraden" und "klare Lügen" geäußert, sagte Clinton. Mit seiner Ansprache habe Trump von der Tatsache ablenken wollen, dass er "nichts Substanzielles zu sagen" habe, sagte Clinton.

Mit Trumps Forderung nach einem Einreisestopp "würde kein einziges Leben" gerettet, sagte Clinton. Trump habe zudem fälschlicherweise behauptet, der Todesschütze von Orlando sei ein Immigrant. "Der Terrorist wurde aber nicht in Afghanistan geboren, wie Trump sagte, sondern in Queens, New York - genau wie Donald."

Trump selbst kam bei einer Wahlkampfveranstaltung im Bundesstaat North Carolina auf Obamas jüngste Rede zu sprechen. "Ich habe heute Präsident Obama zugesehen, und er war zorniger auf mich als auf den Schützen."

Videoanalyse: Wie Trump Hass auf Muslime schürt

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als/AP/dpa

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