Nach dem Massaker von Orlando Trotzdem Amerika

Die Tragödie von Orlando hat die dunkelsten Seiten Amerikas hervorgebracht - und die hellsten. Beide Extreme kämpfen nun um die Zukunft der Nation.

Trauernde in Orlando
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Trauernde in Orlando

Ein Kommentar von , Chicago


Für viele bleibt Amerika der Inbegriff aller Träume. Sie zieht es in die USA, weil das Land verheißt, was ihnen anderswo fehlt: beispiellose Freiheiten, Vielfalt, Chancengleichheit, Akzeptanz. Endlich können sie sein, wer sie wirklich sind, ohne sich vor jenen fürchten zu müssen, denen das missfällt.

Auch mich hat es so in die USA verschlagen, wo ich inzwischen bald die Hälfte meines Lebens verbracht habe. Aber neuerdings beginne ich an diesen Idealen immer öfter zu zweifeln: Sind sie nur Klischees?

Am lautesten pochen solche Zweifel im jetzigen Präsidentschaftswahlkampf - und erst recht nach dem Massaker von Orlando. Kein Zufall, dass sich beide Katastrophen nun auf eine so beklemmende, aber auch ermutigende Weise berühren: Sie offenbaren die dunkelsten wie die hellsten Seiten Amerikas.

Donald Trump steht für die dunkelsten Seiten: Rassismus, Fremdenhass, Diskriminierung, Narzissmus, Vulgarität, Anti-Intellektualismus. Sein Aufstieg überrascht nicht. Assistiert von den prinzipienlos-machthungrigen Republikanern, zerrt Trump nur hervor, was lange im Gruselkeller der Nation schlummerte. Fast 14 Millionen Amerikaner, ein Parteirekord, stimmten im Vorwahlkampf für ihn und damit für seinen neofaschistischen Fieberwahn.

Eine gefährliche Saat

Dann geschah Orlando - und multiplizierte das Unbehagen. Das Blutbad war ein Angriff auf all das, was auch mich nach Amerika gebracht hatte: Indem der Todesschütze bewusst Homosexuelle als Opfer aussuchte, attackierte er das US-Ideal von Offenheit und Toleranz - ähnlich wie Trump mit seinen Worten, aber mit der grausamen Präzision eines halbautomatischen Gewehrs.

Doch Worte können verletzen wie Schüsse. Wenn Trump Latinos, Einwanderer, Muslime, Behinderte, Kritiker und generell alle verunglimpft, die anders sind und anders denken, wenn er seine Riefenstahl-würdigen Massenkundgebungen in jubelnde Rage gegen diese peitscht, dann legt er eine gefährliche Saat. So hat sich die Zahl der gewaltsamen Übergriffe gegen Latinos in den USA seit Trumps Tiraden spürbar erhöht.

Videoanalyse: Wie Trump Hass auf Muslime schürt

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Auch wenn Trump natürlich nicht verantwortlich ist für Orlando und sich jetzt scheinheilig als LGBT-Freund gibt: Sein Motto war, ist und bleibt: Ausgrenzung. Auch die Beileidsbekundungen seiner konservativen Steigbügelhalter könnten zynischer nicht sein: Sind es doch die Republikaner, die nur zwei Tage später ein Gesetz blockieren, mit dem Terrorverdächtigen der Waffenkauf erschwert worden wäre.

Sind es doch die Republikaner, die Homosexuellen die vollen Menschenrechte verweigern, die Transgendern vorschreiben, auf welche Klos sie zu gehen haben, die Konferenzen besuchen, die die Exekution von Schwulen preisen, wie sie jetzt nur wenige Meilen von Walt Disney World zur Realität wurde.

Ausgrenzung, Diskriminierung, Verachtung, Hass - das Gegenteil dessen, was Amerika bedeutet. Da schockiert es keinen mehr, dass Trump nun auch die schlimmste Schießerei in der US-Geschichte für seine kleingeistige Propaganda instrumentalisiert, indem er seine Forderung nach einem Einreiseverbot für Muslime erneuert. Obwohl der mutmaßliche Attentäter in New York geboren wurde - woher auch Trump stammt - und US-Bürger war.

Existenzieller Kampf um die Zukunft der Nation

Wohlgemerkt: Dieser Mann ist keine Witzfigur wie Sarah Palin, die ähnlichen Unsinn von sich gab. Zwischen Trump und dem mächtigsten Staatsamt der Welt - sowie dem US-Atomknopf - steht nur eine Wahl.

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Wobei Trumps Brandrede nicht unwidersprochen bleibt. Nicht nur Präsident Barack Obama verurteilt sie in einem selten scharfen Auftritt. Auch viele Republikaner - dieselben, die Homosexualität verteufeln und Schusswaffen verklären - suchen das Weite. Die dunkelsten und hellsten Seiten Amerikas, verstrickt in einem Kampf um die Zukunft der Nation.

Dunkel und hell: Kurz nach Trumps jüngster Tirade nehme ich an einer der vielen Kundgebungen für Orlando teil. Es dauert nicht lange, bis mir das überwältigende Gefühl von Mitmenschlichkeit, Zugehörigkeit und Solidarität, das von der Menge ausgeht, Tränen in die Augen treibt. Es ist das gleiche Gefühl, das ich spürte, als ich als Teenager erstmals durch New York irrte.

Amerika bleibt der Inbegriff vieler Träume. Auch für mich.

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
togral 15.06.2016
1.
Nichts für ungut, aber dieser Kampf tobt schon seit der Gründung der USA. Einerseits von Freiheit und Gleichheit reden und andererseits die Sklaverei beibehalten. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Josef B 15.06.2016
2. Trump steht für ...
....das dunkle und hässliche Amerika, und Hillary Clinton für das Helle und Gute? Ich dernke, Trump steht für das ehrliche und robuste Amerika, Clinton für das Amerika der Heuchlerei und der Zusammenarbeit mit dem Islamisten aus Saudi-Arabien. Und es wäre fatal für Europa, wenn die Präsidentin wird, die ohne Werte ist und nur die arabischen Dollar sieht.
Lichtenbruch 15.06.2016
3. Tendenzen
Zitat von togralNichts für ungut, aber dieser Kampf tobt schon seit der Gründung der USA. Einerseits von Freiheit und Gleichheit reden und andererseits die Sklaverei beibehalten. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Ja, sie haben Recht. Das gab es schon immer. Schwarz gegen Weiß! Rechts gegen links! Ku-Ku-Klan gegen Martin Luther King. Gut gegen Böse! Doch trotz aller Differenzen haben es die Amerikaner bisher (oder sagen wir besser: Bis Obama) mehr oder weniger hinbekommen, sich als eine Nation zu verstehen. Vereint unter dem Banner mit Stars and Stripes. Aber jetzt haben wir einen Demagogen, der der weißen Bevölkerung, die ca. 60% der USA-Amerikaner ausmacht, erzählen will, sie seien die wahren Amerikaner. Alle anderen sind es dann wohl nicht! Ich hoffe, das die Amis trotz allem nicht so blöd sind Trump zu wählen. Der Unterschied zwischen "America first" und "Deutschland, Deutschland über alles" scheint mir nicht allzu groß zu sein.
frankandreas 15.06.2016
4. beantworten
ich kann Ihnen ihre anfangs gestellte Frage beantworten, sind sie nicht gerade wohlhabend, ist der amerikanische Traum ein Klischee paar exelance , im Gegenteil für viele Amerikaner hat sich der Traum zum Alptraum entwickelt. Es festzustellen, das Land ist menschlich nur deshalb noch nicht aus den Fugen geraten ist,weil sich sehr viele Amerikaner ehrenamtlich betätigen. Die Politik hat nichts für die schwachen übrig.
kinngrimm 15.06.2016
5. welcher Kampf?
Verschiedene Leute zu verschiedenen Gewaltorgien sagten danach immer wieder was man machen müsste. Gerade im Bereich des Zugangs zu Waffen sind große Teile Amerikas strikt engstirnig und unvernünftig. Sollte dort ein Kampf sein, dann hat die NRA ihn bislang unter Kontrolle. Was den Unsinn mit Terrorismus angeht, so ist dieser a) Hausgemacht und b) wird immer auf die selbe Weise geantwortet Verlust von Rechten für die Bürger und mehr Geld an die Rüstungsindustrie. Wer da die Zusammenhänge bislang immer noch nicht erkannt hat muss schon genau so hohl sein wie diejenigen die Trump wählen werden.
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