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13. Juni 2016, 12:45 Uhr

Orlando-Attentäter Mateen

Getrieben von Hass, infiziert vom IS

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Der Todesschütze von Orlando hat sich zum "Islamischen Staat" bekannt, handelte aber offenbar ungesteuert und auf eigene Faust. Doch seine Bluttat hilft dem IS trotzdem.

Omar Mateen rief selbst bei der Polizei an. Entweder unmittelbar vor seinem Massaker im Pulse-Nachtklub oder kurz nachdem er die ersten Schüsse abgegeben hatte; die Angaben dazu gehen auseinander. Gegenüber den Polizisten soll Mateen einen Treueeid auf Abu Bakr al-Baghdadi, den Anführer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) abgelegt haben.

Doch ist das Attentat mit 50 Toten und 53 Verletzten damit auch ein IS-Anschlag? Am Montagvormittag verkündete al-Bayan, der in Mossul ansässige Radiosender des IS, dass "einer der Soldaten des Kalifats in Amerika" das Attentat begangen habe.

Zuvor hatte die der Terrorgruppe nahestehende, sogenannte Nachrichtenagentur Aamaq in einem Satz mitgeteilt, das Attentat sei von einem IS-Kämpfer ausgeführt worden. Aamaq berief sich dabei auf eine unbekannte Quelle.

Al-Bayan hatte auch die beiden Attentäter von San Bernardino als "Soldaten des Kalifats" bezeichnet. Syed Farook und Tashfeen Malik hatten am 2. Dezember 2015 14 Menschen getötet. Vor der Tat soll sich Malik in einem Facebook-Eintrag zum IS bekannt haben - persönliche Kontakte zu Mitgliedern der Terrororganisation gab es jedoch nach jetzigem Ermittlungsstand nicht.

IS fordert Anschläge auf eigene Faust

Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Mateen in direktem Kontakt mit führenden IS-Mitgliedern im Nahen Osten stand. Zwar geriet der 29-Jährige 2014 ins Visier des FBI, weil er Verbindungen zu Moner Mohammad Abusalha gehabt haben soll, einem US-Bürger aus Florida, der sich vor zwei Jahren für die Terrororganisation Nusra-Front in Syrien in die Luft gesprengt hatte. Die Nusra-Front ist jedoch mit dem IS verfeindet.

Derzeit deutet viel daraufhin, dass sich Mateen selbst radikalisierte. Es gibt keine Hinweise, dass er sich in islamistischen Kreisen bewegte oder Teil eines größeren Netzwerks ist. Seine Tat ist aber offenbar zumindest vom IS inspiriert worden. Die Terrororganisation hat in den vergangenen Monaten ihre Sympathisanten in den USA und Europa mehrfach dazu aufgerufen, auf eigene Faust zu handeln.

Erst vor drei Wochen sagte der IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani in einer Audiobotschaft: "Wisst, dass wir eure Angriffe auf sogenannte 'Zivilisten' noch mehr lieben, weil sie effektiver sind. Weil sie mehr Schmerz und Schaden verursachen und weil sie abschrecken. Also, macht weiter, ihr Monotheisten überall. Es könnte sein, dass ihr eine große Belohnung oder sogar den Märtyrertod im Ramadan findet."

Der Anschlag von Orlando ereignete sich am siebten Tag des islamischen Fastenmonats Ramadan. Bereits im vergangenen Jahr hatte der IS den Monat zu einer Terroroffensive genutzt - unter anderem mit Anschlägen auf ein Strandhotel in Tunesien und schiitische Moscheen in Kuwait und im Jemen.

Der Schwulenhass der Islamisten

Das Attentat auf den besonders bei Schwulen und Lesben beliebten Klub in Orlando passt noch aus anderen Gründen ins Kalkül des IS. Da ist zum einen der fanatische Hass der Islamisten auf Homosexuelle: Der IS hat im Irak und in Syrien dutzendfach Männer von hohen Gebäuden in den Tod gestoßen, die angeblich schwul gewesen sein sollen.

Ein anderes Motiv: Bislang standen Homosexuellenverbände in den USA und Europa oft auf Seiten von Muslimen. Beide Minderheiten sind von konservativen Kräften lange mit Argwohn und Ablehnung betrachtet worden. Politiker vom rechten Rand der Republikaner etwa, haben sowohl für Muslime aus auch für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender wenig übrig. Das einte die muslimische Minderheit und Homosexuelle.

Das Massaker von Orlando könnte nun einen Keil zwischen Muslimen und der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft treiben. Genau das will der IS, das hat die Terrororganisation selbst in ihrem Propagandamagazin "Dabiq" geschrieben. Die Islamisten wollen die sogenannte Grauzone zerstören, also jenen großen Bereich, in dem Muslime und Nicht-Muslime im Westen friedlich zusammenleben.

Anschläge wie in Paris, Brüssel oder jetzt Orlando sollen den Hass auf Muslime im Westen schüren, sodass diese sich dort nicht länger wohlfühlen und stattdessen in das selbsternannte Kalifat des IS auswandern, so das Kalkül der Dschihadisten.

Mehr und mehr scheint dieser Plan aufzugehen: Schon vor dem Anschlag auf das Pulse hatte der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump einen generellen Einreisestopp für Muslime gefordert. Durch das Attentat vom Wochenende sieht er sich bestätigt: Beobachter rechnen damit, dass seine Siegchancen bei der Präsidentenwahl am 8. November wegen seines radikalen Anti-Islam-Kurses steigen. Einen besseren US-Präsidenten als Donald Trump kann sich der IS gar nicht wünschen.

Zusammengefasst: Der Attentäter von Orlando beruft sich auf den IS - hat aber offenbar keine konkreten Verbindungen zu der Terrorgruppe. Trotzdem nützt seine Bluttat dem "Islamischen Staat": Der Hass auf Homosexuelle ist bei den fanatischen Islamisten tief verwurzelt. Außerdem hoffen sie, dass der Angriff die Muslime in den USA weiter isoliert.

Videoanalyse: SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Veit Medick berichtet vom Tatort in Orlando

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