Islam und Homosexualität "Ich küsste ihn unaufhörlich auf seinen schneeweißen Mund"

Nach dem Attentat von Orlando behaupten sowohl Islamfeinde als auch radikale Muslime, Morde an Schwulen und Lesben ließen sich aus dem Koran ableiten. Das ist falsch. Früher konnten Homosexuelle in muslimischen Gesellschaften sogar freier leben als im Westen.
Homosexuellen-Aktivisten in Istanbul

Homosexuellen-Aktivisten in Istanbul

Foto: GURCAN OZTURK/ AFP

"Als er dann endlich kam, führte ich ihn an einen Ort, den Augen der Verräter und Neider entzogen.

Ich gab ihm kleine Mengen Weins zu trinken. Als er genug vom Trinken hatte, legte er sich auf die Seite, um zu ruhen.

Ich stand auf, um seine Kleider zu lösen und seine Schenkel zu streicheln.

Danach umarmten wir einander: ich küsste ihn unaufhörlich auf seinen schneeweißen Mund.

Als seine Verblendung vorüber war, stand er tiefbetrübt auf, mit heftigem Herzweh."

Gut 1200 Jahre ist es her, seit der muslimische Dichter Abu Nuwas diese Zeilen schrieb. Er war Poet am Hofe des legendären Kalifen Harun al-Raschid und dessen Sohn al-Amin in Bagdad. Der Kalif, als Oberhaupt aller Muslime, protegierte einen Poeten, der homoerotische Literatur verfasste.

Abu Nuwas und seine Werke sind nur ein prominentes Beispiel für Abertausende Verse klassischer arabischer und persischer Liebeslyrik auf schöne junge Männer. Jahrhundertelang sind die islamischen Gesellschaften von Andalusien bis Indien tolerant mit homosexuellen Menschen umgegangen. Die inzwischen alltägliche Homophobie in der islamischen Welt ist ein modernes Phänomen und erst unter dem Einfluss der europäischen Kolonialherren entstanden. Besonders die prüden viktorianischen Briten brachten die Homosexuellenfeindlichkeit in den Nahen und Mittleren Osten.

Nach dem Anschlag von Orlando versuchen sowohl Islamfeinde als auch radikale Muslime eine Kontinuität nachzuweisen, die vom Koran direkt zu den Morden an Schwulen und Lesben im Pulse-Nachtklub führt. Doch diese Kontinuität gibt es nicht.

Jünglinge warten laut Koran im Paradies

Der Koran lässt offen, ob Homosexualität verboten ist oder nicht, von einer Bestrafung für Homosexualität ist jedenfalls keine Rede. In den Paradiesbeschreibungen des Korans werden sogar Jünglinge beschrieben, die "verborgenen Perlen" ähnelten und auf die männlichen Wiederauferstandenen warteten.

Überliefert ist auch das Erlebnis eines sudanesischen Scheichs aus dem frühen 18. Jahrhundert. Er beobachtete einen türkischen Pilger, der am Grab des Propheten Mohammed in Medina bitterlich weinte. Als der Scheich den Pilger nach dem Grund dafür fragte, antwortete dieser: "Gestern Nacht hatte ich Geschlechtsverkehr mit zwei jungen Männern." Doch statt den jungen Pilger zu verurteilen, entgegnete der Scheich: "Dir sei vergeben. Nur, tue so etwas nicht noch einmal."

Homophobe Muslime stützen sich daher auf Hadithe, also die mündlichen Überlieferungen von Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed, die erst Jahrhunderte nach dem Tod des Religionsstifters niedergeschrieben wurden. "Wenn du jemanden siehst, der das tut, was das Volk Lots getan hat, dann töte denjenigen, der es tut, und denjenigen, dem es angetan wird", soll der Prophet gesagt haben. Als Volk Lots werden im Islam die Bewohner Sodoms bezeichnet, die laut alttestamentarischer Überlieferung gleichgeschlechtlichen Sex gehabt haben sollen. Im Arabischen werden Schwule deshalb als "Loti" bezeichnet.

Unter anderem mit Verweis auf diesen Hadith begründen Staaten wie Iran, Saudi-Arabien, der Jemen und die Vereinigten Arabischen Emirate, dass sie die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen verhängen.

Treffpunkt Hamam

Doch rund 1200 Jahre lang waren muslimische Herrscher weitaus weniger streng. Sie duldeten Homosexualität, solange sie im Verborgenen stattfand. Historiker vergleichen die Stellung von Schwulen in islamischen Gesellschaften über Jahrhunderte mit der Rolle der Frau. Ähnlich wie sich Frauen in der Öffentlichkeit zurückhalten und ihre Reize verhüllen sollten, mussten sich auch Homosexuelle verhalten. Was von der Öffentlichkeit verborgen hinter verschlossenen Türen stattfand, war eine andere Frage.

Ähnlich ist es bis heute: In allen arabischen Großstädten gibt es eine verborgene Schwulen- und Lesbenszene. Kontakte zu knüpfen ist nicht schwer, die Tarnung fällt relativ leicht. Es ist schließlich Alltag, dass auch heterosexuelle Männer sich händchenhaltend in der Öffentlichkeit zeigen. Sie verabreden sich über das Internet zu Treffen in den Hinterzimmern von Cafés oder Untergrunddiscos. Bis heute ist auch das Hamam, das öffentliche Badehaus ein beliebter Treffpunkt. Das war schon zu Zeiten von Abu Nuwas so. "Wie trefflich ist das Bad unter den Orten, die alles deutlich zeigen. Auch wenn die Leute einem mit Handtüchern einen Teil der Annehmlichkeiten vergällen", dichtete der Poet vor 1200 Jahren.

Bis heute gehen in der islamischen Welt die Meinungen darüber weit auseinander, was überhaupt als homosexueller Sex angesehen wird. Noch immer ist es für junge Männer in islamischen Gesellschaften sehr schwierig, vor der Ehe sexuelle Kontakte zu Frauen zu knüpfen. Laut einer Studie aus Marokko hat deshalb ein großer Teil der heranwachsenden Männer den ersten Geschlechtsverkehr mit einem anderen Jungen. Als homosexuell wird dabei nur der passive Partner angesehen.

Lesen Sie hier ein Interview mit dem schwulen Imam Mohamed Zahed.