Einsame Wölfe des IS Die Terroristen von nebenan

Die Attentäter von Orlando und Magnanville bekannten sich zum IS, handelten aber auf eigene Faust. Diese Instant-Terroristen spielen eine immer wichtigere Rolle in der Strategie der Dschihadisten.

Tatort in Magnanville
AFP

Tatort in Magnanville

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Omar Mateen wählte den Notruf, Larossi Abballa streamte ein Live-Video bei Facebook. Die beiden Männer haben in Orlando und Magnanville bei Paris Menschen getötet und sich erst während der Tat zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) bekannt.

Beide Attentäter hatten nach allem, was bislang bekannt ist, keine Verbindung zur Führungsebene des IS in Syrien und dem Irak. Mateen war in keine islamistischen Strukturen eingebunden, Abballa unterhielt Kontakte zu anderen französischen Islamisten und saß wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung auch schon im Gefängnis. Zur Tat, einem Mord an einem Polizisten und dessen Lebensgefährtin, schritt er aber allein.

Mateen und Abballa haben keine Terrorausbildung in Syrien oder im Irak durchlaufen, sie sind nicht durch Kriegserfahrungen radikalisiert und verroht worden. Sie haben ihr ganzes Leben in ihren westlichen Heimatländern USA und Frankreich verbracht.

Videoanalyse: "Der IS war nicht eingeweiht"

REUTERS; SPIEGEL ONLINE

Radikalisierung in der Heimat

Die Sicherheitsbehörden sprechen bei diesem Tätertypus von "selbstradikalisierten Personen" oder "einsamen Wölfen". Von ihnen gehe "eine hohe Bedrohung" aus, heißt es in einer vertraulichen Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden. "Gerade bei diesem Tätertypus fehlen den Sicherheitsbehörden die Erfolg versprechenden Ermittlungs- und Präventionsansätze ,Kommunikation' und 'Reisebewegungen'".

Diese Täter werden nämlich durch Propaganda im Netz und in Einzelfällen durch radikale Prediger in Moscheen in ihren Heimatländern radikalisiert und zu ihren Taten angestiftet. Die Anleitung zur Beschaffung ihrer Tatmittel finden sie ebenfalls im Internet. Mateen und Abballa nutzten freizugängliche Waffen: Abballa ermordete seine Opfer mit einem Messer, Mateen tötete mit automatischen Schusswaffen, die er legal in Florida gekauft hatte.

Selbstradikalisierte Islamisten handeln meist allein, so auch die Terroristen in den USA und Frankreich. Mateen soll seine Frau in die Anschlagspläne eingeweiht haben, die französische Polizei befragt derzeit drei Personen, die möglicherweise von Abballas Vorhaben wussten.

Andere Dschihadisten haben in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Personen aus ihrem engsten Umfeld Terroranschläge begangen. Syed Farook tötete im Dezember 2015 gemeinsam mit seiner Ehefrau Tashfeen Malik 14 Menschen an seiner ehemaligen Arbeitsstelle im kalifornischen San Bernardino.

Die Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew planten das Attentat auf den Boston-Marathon 2013, bei dem am 15. April 2013 drei Menschen getötet und mehr als 250 weitere verletzt wurden. Auch der Terroranschlag auf die Redaktionsräume der Satirezeitung "Charlie Hebdo", die Terrorserie vom 13. November 2015 in Paris und der Doppelanschlag von Brüssel am 22. März dieses Jahres wurden maßgeblich von Brüderpaaren geplant. In diesen Fällen waren die Geschwister aber jeweils Teil einer größeren Terrorzelle.

"Effektiver für uns und schmerzvoller für sie"

Häufig greifen die sogenannten einsamen Wölfe Ziele in ihrer nahen Umgebung an. Der Nachtklub Pulse in Orlando lag gut zwei Autostunden von Mateens Wohnort Port St. Lucie entfernt, er selbst soll den bei Schwulen und Lesben beliebten Treff mehrfach besucht haben. Abballa wohnte nur sechs Kilometer von dem Ehepaar entfernt, das er am Montagabend ermordete.

Dem IS sind diese Anschläge der einsamen Wölfe hochwillkommen. Sie sind im Vorfeld kaum zu verhindern, sie kosten die Terrororganisation nichts, und sie schüren Angst im Westen. Denn es sind eben keine Flüchtlinge oder Einwanderer, die diese Attentate begehen, sondern Männer, die im Westen geboren und aufgewachsen sind.

IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani rief in seiner jüngsten Audiobotschaft seine Anhänger im Westen ausdrücklich auf, nicht nach Syrien und in den Irak zu kommen, sondern stattdessen Anschläge in der Heimat zu verüben. "Die kleinste Tat, die ihr in ihren Ländern begeht, lieben wir mehr als die größte Tat hier. Es ist effektiver für uns und schmerzvoller für sie", sagte Adnani. IS-Anhänger in den USA und in Europa sollten ihre Länder "so lange terrorisieren, bis jeder Nachbar seinen Nachbarn fürchtet".

Der IS in Irak und in Syrien ist in die Planung und Durchführung dieser Anschläge nicht eingebunden, seine Propagandisten geben den Taten lediglich im Nachhinein durch Erklärungen und Bilder in sozialen Netzwerken das Label "IS-Anschlag".

Video: Überlebende schildern Massaker von Orlando

REUTERS

Zusammengefasst: Die Anschläge von Orlando und Magnanville wurden von Einzeltätern begangen, die sich während ihrer Attentate zum IS bekannten. Sicherheitsbehörden können die Angriffe dieser selbstradikalisierten Männer kaum verhindern. Genau deshalb sind sie für die Terrororganisation besonders effektiv.

insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
acitapple 15.06.2016
1.
Ich denke das ist die ultimative Horrorvision. Viele Einzelgänger, ohne besonderen Kontakt zur Führung. Bisher waren aber die meisten bereits vorher auffällig geworden. Die Frage ist nun, welche Schlüsse daraus gezogen werden.
house1 15.06.2016
2. billige Ausrede
wir können das nicht verhindern! Es muss nach Jahren einen ernsthaften Prozess der STABILISIERUNG in der Region vom Libanon bis Pakistan geben. Doch so lange die amerikanische Außenpolitik bei Nichtgefallen die Regime- Change-Karte spielt, wird uns hier in Europa bald alles, und ich meine alles gehörig um die Ohren fliegen. Wo ist die dt. Außenpolitik, die sich mal nicht willfährige dem schwarzen Peter Russland gegenüber zuspielen läßt?
Rheingold 15.06.2016
3. Schwuler Islamist
Wenn ein Schwuler, den seine islamistischen Freunde vom Hochhaus schmeissen würden, alles ist, was der IS aufzubieten hat, dann haben wir es hier wohl mit einer Bewegung vor dem Untergang zu tun.
Leser161 15.06.2016
4.
Zitat von acitappleIch denke das ist die ultimative Horrorvision. Viele Einzelgänger, ohne besonderen Kontakt zur Führung. Bisher waren aber die meisten bereits vorher auffällig geworden. Die Frage ist nun, welche Schlüsse daraus gezogen werden.
Die Vision des Westens ist schwach geworden. Durch ehrliche Arbeit kann man heutzutage eben nur nur noch sehr wenig erreichen. Selbst gutausgebildete Mittelschichtler knabbern heutzutage daran, lediglich den Status Quo zu erhalten. Deshalb suchen sich chancenlose Männer neue Visionen und finden sie beim radikalen Islam. Es muss auch für den einfachen Mann wieder möglich werden bescheidene Ziele zu erreichen. Dieses Ziel muss genauso wichtig sein wie Förderung der Grosswirtschaft.
urbanism 15.06.2016
5. krankes Ego
Diese Täter haben einfach ein krankes Ego. Solche Menschen sind meistens Verlierer und Außenseiter der Gesellschaft, die sich gerne irgendwelche totalitären Leitbilder suchen, in deren Auftrag sie dann angeblich töten, um einmal im Leben zu zeigen, wie stark und heldenhaft sie doch sind. Aber auch für diese Leitbilder sind ein nichts und niemand, nur erfahren sie das nicht mehr!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.