Medien nach Disco-Angriff in Orlando "Danke, NRA"

Der Angriff auf eine Schwulen- und Lesbenbar in Orlando sei eine neue Form von Terrorismus, heißt es in internationalen Medien. Auch die amerikanischen Waffengesetze sind Thema.

Medienaufgebot in Orlando
AP/ Orlando Sentinel

Medienaufgebot in Orlando


In Orlando hat ein Mann in der Nacht zu Sonntag Dutzende Menschen in einem Nachtklub als Geiseln genommen, 50 von ihnen starben. Es ist die bisher schlimmste Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte. Amerika reagiert schockiert. Auf den Titelblättern internationaler Medien ist von "erratischer Gewalt" und "Hass" die Rede.

So wie der Angriff auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" keine alleinige Attacke auf das Satiremagazin gewesen sei, sei auch das Massaker in Orlando kein Angriff nur auf die Schwulen- und Lesbengemeinschaft, schreibt ein Kommentator der "New York Times": "Beides waren Attacken auf die Freiheit an sich."

"Beide Angriffe zielten auf Gesellschaften, die bestmöglich verschiedene Weltansichten, Glaubensrichtungen und Wege der Liebe integrieren und feiern", heißt es in der Zeitung. Durch das Attentat in Orlando würden alle Amerikaner angegriffen - vor allem weil sie sich keiner Ideologie oder Religion unterwerfen würden. "Das kränkt und befeuert die Fanatiker dieser Welt."

The Washington Post

Neben der Gefahr, die von Terroristen ausgeht, diskutieren US-Medien nun aber auch wieder über das Thema Waffenbesitz: "Warum können wir nicht mit einer Neubewertung unserer Waffengesetze auf Terrorismus und Gewalt reagieren?", fragt die "Washington Post". Und: "Warum sind diejenigen, die großmäulig ankündigen, die Härtesten im Kampf gegen islamistischen Terror zu sein, so schüchtern, wenn es um mögliche Antworten zum Thema "Waffenkontrolle" geht?" Die einzig angemessene Antwort auf Orlando sei Solidarität und intelligente Entschlossenheit.

Auch die "Daily News" greift das Thema Waffengesetze auf - und hat auf ihrer Titelseite bereits einen Schuldigen für die Attacke ausgemacht: "Danke, NRA", heißt es dort. Weil die Waffenvereinigung National Rifle Association gegen ein Verbot von Sturmfeuergewehren gekämpft habe, seien solche Massaker erst möglich, heißt es. Deswegen könnten "Irre" wie Omar M. legal Gewehre erwerben.

The Guardian

Auch europäische Medien kommentieren das Blutbad in Orlando: Der britische "Guardian" erklärt den Waffenbesitz zur Gefahr für die US-Gesellschaft: "Die furchtbare Wahrheit ist, dass die amerikanische Gesellschaft stärker durch derartige Angriffe gefährdet ist, weil sie glaubt, dass Freiheit auch den leichten Zugang zu tödlichen Waffen erfordert", heißt es in dem Blatt. Zwar stimme es, dass nicht Waffen Menschen töten sondern Menschen. "Aber sie tun es nun einmal sehr viel schneller und effektiver als dies Menschen ohne Waffen machen könnten."

Als Indiz dafür wertet der "Guardian" diese Fakten: In den vergangenen zehn Jahren habe es in den USA 43 Schießereien in der Öffentlichkeit gegeben, bei denen jeweils mehr als vier Menschen getötet worden seien. "Das Problem besteht darin, dass die USA - ein Land, das die Freiheit über fast alles andere erhebt - ihre wirkliche Freiheit beim Streben nach einer illusorischen beschädigen."

El País

Die linksliberale spanische Zeitung "El País" schreibt, das Blutbad von Orlando zeige "eine neue Form des Terrorismus". Besonders verwundbare Gruppen seien das bevorzugte Ziel der radikalen Islamisten. Dazu gehörten Besucher von Festsälen und Restaurants, Fahrgäste der U-Bahn und Reisende auf den Flughäfen. "Im Kampf gegen diesen Terror darf die Wachsamkeit unter keinen Umständen nachlassen", schreibt die Zeitung.

Deswegen sei das Drama auch ein Moment der Wahrheit für Barack Obama, schreibt die französische Tageszeitung "Le Figaro": Der US-Präsident werde seine Strategie und seine Ziele im Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS) überdenken müssen. "In den USA werden sich der islamistische Terrorismus und die Waffenkontrolle als Themen aufdrängen." Für einen demokratischen Präsidenten, der darauf bedacht sei, den Amerikanern ein "Vermächtnis" zu hinterlassen, "ist dies ein Moment der Wahrheit".

Le Figaro

Die Schweizer Zeitung "NZZ" vermutet, dass die Attacke auf den Schwulen- und Lesbenclub auch Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahlen haben wird: Vor allem der republikanische Kandidat Donald Trump werde profitieren. "Besonders mit Blick auf die Präsidentenwahl im November dürfte dieser Sonntag zur Zäsur werden, die Amerika in ein 'Davor' und ein 'Danach' teilt", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung". Schon nach dem Anschlag in der kalifornischen Ortschaft San Bernardino im Dezember hatte Trump ein pauschales Einreiseverbot für alle Muslime gefordert. "Wie sinnlos ein solches wäre, zeigt der jetzige Fall, denn der Attentäter war amerikanischer Staatsbürger", kommentiert das Blatt.

Trump hatte am Sonntag bereits auf den Anschlag in Orlando reagiert: Auf Twitter verlangte er mehr Härte und Wachsamkeit. "Es mag verführerisch sein, zu glauben, es gäbe einfache Lösungen auf komplexe Probleme wie das radikalisierter Bürger", heißt es bei der "NZZ". Differenzierte Antworten seien jedoch nötig. "Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Amerikaner dazu bereit sind."

Videos von Augenzeugen in Orlando:

vek/dpa

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