Ost-West-Konflikt Frankreich warnt Russland vor Griff nach der Krim
Paris/Berlin/Moskau/Tiflis - Nachdem Moskau die Unabhängigkeit der abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien und Abchasien erklärt habe, könne es "andere Ziele" geben, sagte der französische Außenminister Bernard Kouchner im Radiosender Europe 1. Er nannte dabei "insbesondere die Krim, die Ukraine und Moldawien".
"Das ist sehr gefährlich", sagte Kouchner. "Die Konflikte im Kaukasus sind äußerst hart." Dort hätten sich Völker über Jahrhunderte bekämpft. Er hoffe nicht, dass es zu weiteren Konfrontationen komme. "Es muss die politische Lösung vorgezogen werden."
Russlands Präsident Dmitrij Medwedew hatte am Dienstag erklärt, dass Moskau die Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien anerkenne. Damit bewege sich Russland "außerhalb des internationalen Rechts", sagte Kouchner. "Wir können Verstöße gegen das gesamte Völkerrecht und die Vereinbarungen zur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie Uno-Resolutionen nicht akzeptieren." Die 27 Staatschefs der EU würden bei ihrem Gipfeltreffen am kommenden Montag deshalb "natürlich reagieren", sagte Kouchner weiter.
In der Ukraine teilt man Kouchners Sorge: Staatspräsident Wiktor Juschtschenko verurteilte am Mittwoch in Kiew die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens. Er betonte erneut, er wolle über die Gebühren für die Stationierung der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim verhandeln. Die Krim gehört zum ukrainischen Staatsgebiet, das Gros der Bevölkerung dort spricht aber russisch und orientiert sich gen Moskau.
Russlands Vorgehen im Kaukasus sorgt auch bei deutschen Politikern für Entrüstung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) spricht von einem der schwersten Konflikte seit dem Ende des Kalten Krieges. In der Auseinandersetzung seien "zu viele mit dem Streichholz unterwegs, statt den Feuerlöscher zu bedienen", sagte der SPD-Vizechef am Dienstagabend. Er wolle gemeinsam mit anderen Amtskollegen dazu beitragen, dass man wieder zur Vernunft zurückkehre.
In einem Gastkommentar für die "Bild"-Zeitung kritisiert Steinmeier, auf allen Seiten spielten derzeit einige leichtfertig mit dem Feuer. "Die Spirale der Provokationen muss aufhören, und zwar sofort! Sonst kann die Lage schneller außer Kontrolle geraten als wir glauben." Steinmeier warnte: "Wenn wir nicht aufpassen, gerät die gesamte Sicherheitsarchitektur in Europa ins Wanken - mit unabsehbaren Folgen für uns alle."
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Entscheidung des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew, die Unabhängigkeit der abtrünnigen georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien anzuerkennen, am Dienstag als Verletzung des Völkerrechts und "absolut nicht akzeptabel" kritisiert. Auch die USA, die Nato und zahlreiche europäische Staaten haben die Anerkennung der abtrünnigen georgischen Regionen durch Russland scharf verurteilt.
Der russische Präsident Dmitrij Medwedew rechtfertigte seine Entscheidung in einem Telefonat mit Angela Merkel. Er bekräftigte in dem Gespräch am Mittwochmorgen seine Haltung, dass Russland alle Vereinbarungen für eine Friedenslösung im Südkaukasus befolgt habe. In eine Beitrag für die "Financial Times" schrieb Medwedew, der Westen habe durch sein Vorgehen im Kosovo mit zu dem Konflikt beigetragen.
Saakaschwili: "Sie werden auch andere Länder angreifen"
Ungeachtet der Warnungen Russlands hätten westliche Staaten allzu eilig die unrechtmäßige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo von Serbien anerkannt. "Wir haben stets darauf hingewiesen, dass es danach unmöglich sein würde, den Abchasen und Osseten (und Dutzenden anderen Gruppen in der Welt) zu sagen, dass das, was für die Kosovo-Albaner gut war, für sie nicht gut genug sein soll." Russland habe den Angriff georgischer Truppen in Südossetien zurückschlagen müssen, um Leben zu retten, schrieb Medwedew. "Wir wollten diesen Krieg nicht."
Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili fordert dagegen Konsequenzen der EU. Russland verändere eigenmächtig und mit Gewalt die Grenzen Europas, sagte Saakaschwili der "Bild"-Zeitung. Er lobte Angela Merkel wegen ihrer entschlossenen Haltung: Die Kanzlerin habe "harte Worte" gefunden - "sie versteht, wie die Russen sind. Sie hat schließlich unter ihnen gelebt. Sie weiß, dass Lügen für sie ein normales Mittel der Kommunikation ist, und dass sie sehr brutal sein können." Saakaschwili warf Russland erneut vor, den Krieg im Kaukasus begonnen und schwere Kriegsverbrechen verübt zu haben.
Vom EU-Gipfel zur Kaukasus-Krise Anfang September in Brüssel erwarte er ein "klares Bekenntnis" zu seinem Land, sagte der georgische Präsident. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Saakaschwili, es liege nun "an uns allen, die russische Aggression zurückzudrängen. Wenn sie damit durchkommen, werden sie weitermachen ... sie werden auch andere benachbarte Länder angreifen."
Tschurkin: "Alle frühere Resolutionen zerschmettert"
Russlands Uno-Botschafter Witali Tschurkin wandte sich gegen die Befürchtung eines neuen Kalten Kriegs als Ergebnis der Georgien-Krise. Er halte dies für unwahrscheinlich, auch wenn jetzt "eine ziemlich schwierige Phase in unseren Diskussionen" zu erwarten sei, sagte Tschurkin am Uno-Sitz in New York.
Auf die Frage, wie sich die russische Anerkennung der Unabhängigkeit von Abchasien und Südossetien mit den Uno-Resolutionen zur territorialen Integrität von Georgien vertrage, antwortete Tschurkin, das Vorgehen der georgischen Streitkräfte in Südossetien "hat alle früheren Resolutionen zerschmettert und eine völlig neue Realität geschaffen". Der stellvertretende französische Uno-Botschafter Jean-Pierre Lacroix erwiderte, dass Resolutionen des Weltsicherheitsrats nicht mit Gewalt aus der Welt geschafft werden könnten.
Genscher: "Die Lage ist wirklich ernst"
Auch der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) sieht die "Lage wirklich ernst". In der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger" sagte er am Dienstagabend, die Entwicklung bekomme eine Eigendynamik. "Entwicklungen, die eine Eigendynamik haben, geraten schnell außer Kontrolle." Der ehemalige georgische Präsident Eduard Schewardnadse nannte die russische Anerkennung der abtrünnigen Provinzen in der Sendung "frech" und "töricht". Er plädierte für eine beschleunigte Aufnahme Georgiens in die Nato: "Unsere Mitgliedschaft in der Nato ist eine Sicherheitsgarantie für unser Land."
Mit der Lage im Krisengebiet Georgien befasst sich an diesem Mittwoch auch das Bundeskabinett. Bei der Sitzung geht es vor allem um die Beteiligung deutscher Streitkräfte an der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Georgien hat die bisherige OSZE-Mission als unzureichend bezeichnet und die Entsendung von EU-Beobachtern und letztendlich einer Friedenstruppe gefordert.
Die OSZE hatte am Montag ihre erweiterte Beobachtermission in Georgien begonnen. Vor dem Krieg waren acht OSZE-Beobachter in dem Land, am Montag wurden 20 weitere entsandt.
Konflikt im Kaukasus - Georgien, Südossetien, Abchasien
asc/AP/AFP/dpa/ddp/Reuters