Stellungskrieg in der Ostukraine Die Eskalation

Ukrainische Soldaten und prorussische Separatisten liefern sich in der Ostukraine heftige Gefechte. In Awdijiwka harren Menschen bei Kälte ohne Strom und Heizung aus. Lässt der Kreml die Kämpfe bewusst eskalieren?

AFP

Von , Moskau


Kurz nachdem US-Präsident Donald Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin das erste Mal miteinander telefonierten, begannen in der Ostukraine schwere Gefechte an der Waffenstillstandslinie. Bei der Industriestadt Awdijiwka, die unmittelbar an der Frontlinie auf ukrainischer Seite liegt, liefern sich ukrainische Soldaten und prorussische Separatisten heftige Kämpfe. Wieder einmal machen sich beide Seiten für die Eskalation verantwortlich.

Es sind die schwersten Gefechte seit Wochen in der Ostukraine, eigentlich gilt ein Waffenstillstand. Doch beide Seiten scheinen sich daran nicht gebunden zu fühlen. An mehreren Orten, etwa in der Hafenstadt Mariupol sowie im Westen von Luhansk und Horliwka, wurde seit dem orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar wieder geschossen.

Bei den Kämpfen in und um Awdijiwka werden nach Augenzeugenberichten schwere Artillerie und Mehrfachraketenwerfer eingesetzt. Mehrere Menschen sind offenbar getötet worden, zahlreiche weitere verletzt. Die EU spricht von einer "beträchtlichen Zahl von Opfern". Die Angaben schwanken jedoch stark, je nach Quelle. Unter den Opfern sollen auch Zivilisten sein, am Mittwoch soll nach ukrainischen Angaben eine Frau getötet worden sein.

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Wem nützt die Eskalation? Wie ist die Lage der Zivilbevölkerung? Die wichtigsten Antworten:

  • Wie ist die Lage in Awdijiwka?

Die Gefechte dauern an. "Der Beschuss geht weiter. Eben explodierte eine Grad-Rakete in der Altstadt von Awdijiwka", schrieb Musa Magomedow, Leiter der örtlichen Kokerei, SPIEGEL ONLINE am Mittwochmittag. Die Nacht zu Mittwoch sei ruhiger als jene zuvor gewesen, meldete der Gouverneur des Donezker Gebietes, Pawel Schebrowski. Das russische Staatsfernsehen und ukrainische Medien zeigten Bilder zerstörter Häuser und Krater von Raketen. Das ukrainische Verteidigungsministerium berichtete von zwei Angriffen der Gegenseite, diese seien aber abgewehrt worden. Auch der Ort Makijiwka, unter Kontrolle der prorussischen Separatisten, steht nach Berichten unter Beschuss.

  • Wie geht es der Zivilbevölkerung?

22.000 Menschen leben in Awdijiwka. Weder Strom noch Heizung funktionieren momentan - und das bei Minusgraden. Nachts fallen die Temperaturen auf bis zu minus 20 Grad. Gas- und Stromleitungen wurden in der Region nach Angaben der ukrainischen Armee zerstört. Damit die Stromleitungen in Awdijiwka repariert werden können, müssen zunächst mal Minen geräumt werden. Es wurden elf Zelte in der Stadt mit Generatoren aufgestellt, in denen sich die Menschen aufwärmen können, Zugang zu Strom und in Feldküchen Essen bekommen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko verhängte bereits den Notstand über das Gebiet, es gibt Pläne, die Bevölkerung zu evakuieren. Am Mittwoch wurden zunächst 175 Menschen, darunter 88 Kinder, mit Bussen aus der Stadt gebracht. Zudem wurden schwerkranke Patienten aus dem Krankenhaus und Bewohner eines Altenheimes evakuiert.

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Kämpfe in der Ukraine: Ein Krieg und viele Hintermänner

Auf der anderen Seite der Frontlinie, in Donezk, funktioniert die Wasserversorgung nicht mehr durchgängig, die Stromleitung der dortigen Filterstation wurde beschädigt.

  • Warum ist gerade Awdijiwka so umkämpft?

Die Stadt ist strategisch wichtig für beide Seiten. In dem Industriegebiet der Stadt befindet sich eine Kokerei, es ist eine der größten Kokserzeuger Europas, sie gehört dem ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow. Die Kokerei ist der größte Arbeitgeber der Stadt. "Das Werk ist in Betrieb", schreibt der Leiter Magomedow SPIEGEL ONLINE, "aber nur zu 20 Prozent ausgelastet". Zudem ist Awdijiwka einer der Verkehrsknotenpunkte in der Donezker Region.

Die Stadt wurde in den vergangenen Monaten immer wieder mit Granaten angegriffen - sie ist Teil des Stellungskriegs. Ukrainische Soldaten und Separatisten versuchen kleinere Geländegewinne zu erzielen und nehmen dafür den Tod vieler Kämpfer in Kauf. Zuletzt meldete die ukrainische Armee, sie habe eine strategisch wichtige Erhebung im Gebiet von Awdijiwka zurückerobert.

  • Wer profitiert von den heftigen Gefechten?

Der Konflikt in der Ostukraine war in den Medien lange überlagert vom Krieg in Syrien - angesichts der Eskalation in Awdijiwka ist er nun zurück in den weltweiten Nachrichten. Beide Konfliktparteien könnten daran ein Interesse haben:

Der Kreml: Ukrainische Experten werfen Moskau vor, so die Reaktion und Dialogbereitschaft des neuen US-Präsidenten Donald Trump testen zu wollen. Russland wolle demonstrieren, dass es auch in diesem Krieg die Fäden in der Hand halte. Frieden würde es mit dem Kreml aber nur gegen Gegenleistung geben - möglicherweise auch die Aufhebung von Sanktionen, was einen großen Gewinn für Putin bedeuten würde. Zu dieser These würde die Aussage von Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow am Mittwoch passen. Er betonte, die Eskalation an der Frontlinie sei "nur ein weiterer Grund für eine rasche Wiederaufnahme des Dialogs und der Zusammenarbeit zwischen Russland und den USA".

Die ukrainische Führung: Nach Ansicht von Kreml-nahen Experten befürchtet die ukrainische Führung, bei Deals zwischen Trump und Putin künftig keine Rolle mehr zu spielen - und womöglich irgendwann ihre territoriale Integrität zu verlieren. Die Ukraine wurde bis jetzt politisch und militärisch durch die Obama-Administration gestützt. Sie könnte Trump nun demonstrieren wollen, dass es der Kreml und die ihm loyalen Separatisten sind, die sich nicht an die Minsker Friedensvereinbarungen halten - dass Kiew also weiter die Unterstützung von Washington bräuchte.

Verlierer sind die Menschen in Awdijiwka und Umgebung, die auf ein schnelles Ende der Kämpfe hoffen.

Mitarbeit: Maxim Sergienko, Tatiana Sutkovaya



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felix_tabris 01.02.2017
1. Verlierer ist die Ukraine
Bereits 10.000 Tote - und ein Ende ist nicht in Sicht. Wie immer man den damaligen "Regime Change" bewerten mag - es hatte keine Perspektive. Der Versuch, die Ukraine in die EU und in die NATO zu gestatten / zu ziehen, war absehbar (außer für die Eurokraten) eine politische - ökonomische Überforderung. Jetzt - nach zwei Jahren lebhafter Veränderung in Europa (Flüchtlinge und Brexit) sowie Trump in den U-SA - ist klar, dass in dieser Hinsicht nichts passieren wird. Am besten für die Menschen in der Ukraine ist ein offizieller Status einer neutralen Nation zwischen die EU und Russland mit anerkannten alten Grenzen (ohne Krim). Dafür wirtschaftliche und finanzielle Solidarität seitens der EU, wie es bereits jetzt schon läuft. Wenn dieses nicht geschieht, dann wird es ziemlich hart. Es wird ein sich steigender Stellungskrieg geben, der einerseits mit "grünen Männchen" aufgestockt wird andererseits mit NATO-Waffen sowie Militär-und Finanzhilfe unterstützt wird. Dies geschieht allein schon mal durch Polen und Österreich aus historischen Gründen, selbst (wie zu erwarten ist) die Sanktionen bei nächsten Treffen aufgehoben werden.
pdbarrelmaker 01.02.2017
2. Die Ukraine muss sofort mit der Kriegstreiberei aufhören
Die Ukraine mit Ihrem Globalistischen Präsidenten Poroschenko, der ja nichts anders ist als ein eingesetzter Vertreter des neo liberalen Finanz Oligarchie will anscheinende einen Krieg mit Russland anzetteln den das Establishment herbeisehnt.Der wird aber nicht kommen Poroschenko ist nichts anderes als ein Kriegsverbrecher und Kriegstreiber. Die Ukraine Verstößt ganz klar gegen das Friedensabkommen.
midnightswim 01.02.2017
3. Es muss aufhören
Putin getreue Kämpfer haben einen souveränen Staat angegriffen. Und was passiert? Alle leider darunter. Die Ukrainer, die russischen Bürger, die Wirtschaft. Und das alles nur für Großmachtsphantasien. Ich möchte gern Russland zum Freund haben. Ist das zu viel verlangt?
Hermes75 01.02.2017
4. Nicht überraschend
Mit Trumps Wahlsieg war klar, dass der Krieg in der Ukraine wieder eskalieren wird. Putin muss nun keinen ernsthaften Widerstand mehr fürchten. Trump wird ihm freie Hand in seiner "Nachbarschaft" zugesichert haben.
brooklyner 01.02.2017
5.
Zitat von pdbarrelmakerDie Ukraine mit Ihrem Globalistischen Präsidenten Poroschenko, der ja nichts anders ist als ein eingesetzter Vertreter des neo liberalen Finanz Oligarchie will anscheinende einen Krieg mit Russland anzetteln den das Establishment herbeisehnt.Der wird aber nicht kommen Poroschenko ist nichts anderes als ein Kriegsverbrecher und Kriegstreiber. Die Ukraine Verstößt ganz klar gegen das Friedensabkommen.
Na den Krieg hat Russland längst angezettelt, indem sie die Ukraine überfallen und die Krim annektiert hat. Ach, um Ihnen noch ein Bisschen mehr Schaum in die Mundwinkel zu treiben: Die Passagiermaschine haben übrigens russische Separatisten abgeschossen.
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