Interview mit OSZE-Unterhändler Etherington "Wir waren jeden Tag bei den Gefangenen"

Westliche Geiseln, festgesetzt in der eingeschlossenen Separatisten-Hochburg Slowjansk: In den vergangenen sieben Tagen wagte sich OSZE-Unterhändler Mark Etherington mit seinen Kollegen wieder und wieder in die Gefahrenzone - und erreichte am Ende die Freilassung der Geiseln.
Zwischenstopp in Kiew auf dem Weg nach Berlin: Die freigekommenen OSZE-Geiseln mit Übergangspräsident Jazenjuk (2.v.l.)

Zwischenstopp in Kiew auf dem Weg nach Berlin: Die freigekommenen OSZE-Geiseln mit Übergangspräsident Jazenjuk (2.v.l.)

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Mark Etherington ist Vize-Chef der diplomatischen Überwachunsgmission der OSZE in der Ukraine. In den vergangenen sieben Tagen führte er die Verhandlungen mit den prorussischen Separatisten in Slowjansk über die Freilassung der festgesetzen OSZE-Geiseln.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann befinden Sie sich im Krisengebiet?

Etherington: Wir sind vor rund drei Wochen in der Ukraine angekommen. Nach der Festsetzung der Geiseln am 25. April waren die Verhandlungen meine primäre Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Verhandlungen mit Wjatscheslaw Ponomarjow geführt, dem selbsternannten Bürgermeister von Slowjansk?

Etherington: Ja, Herr Ponomarjow ist einer der Anführer der Separatisten, und wir haben vor allem mit ihm verhandelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich diese Verhandlungen vorstellen?

Etherington: Wir haben die Verhandlungen am 27. April aufgenommen. Dadurch, dass wir bereits vorher in der Gegend waren, hatten wir Zeit, uns an die Umstände zu gewöhnen - und waren auch schon mit Herrn Ponomarjow bekannt. Dieser Kontakt war hilfreich, denn der Aufenthalt hier in der Gegend ist gefährlich. Wir waren nach Beginn der Verhandlungen jeden Tag in Slowjansk. Wir sind dazu morgens in Donezk losgefahren. Für die Strecke nach Slowjansk braucht man unter normalen Umständen rund anderthalb Stunden mit dem Auto, aber man muss die Verhandlungen an den verschiedenen Checkpoints miteinkalkulieren, die es inzwischen auf der Strecke gibt. Die vervielfachen sich, bewegen sich, und die Leute an diesen Checkpoints sind sehr nervös.

In Slowjansk selber haben wir jeden Tag mehrere Stunden verhandelt. Anfangs ging es nur darum, die Geiseln überhaupt sehen zu dürfen. Als wir das erreicht hatten, verbrachten wir jeden Tag Zeit mit ihnen. Brachten ihnen Lebensmittel, etwas zu lesen, Wäsche, später auch Briefe von ihren Familien.

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SPIEGEL ONLINE: Wie trat Ponomarjow als Verhandlungspartner auf?

Etherington: Herr Ponomarjow hat eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie die Zukunft seiner Stadt aussieht. Und die der Region. Diese Vorstellung hat er uns dargelegt. Wir hatten eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie die Zukunft der jetzt freigelassenen Geiseln aussehen soll, auch die der anderen Geiseln. Es befinden sich ja immer noch etliche Menschen in Gefangenschaft dort, die meisten von ihnen Ukrainer. Das haben wir mit ihm besprochen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Idee, was mit der Festsetzung der Geiseln erreicht werden sollte? War das eine geplante oder eine spontane Aktion?

Etherington: Die meisten Fakten deuten darauf hin, dass das einfach Zufall war. Oder Pech. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Viele dieser Checkpoints, die man dort passiert, sind sehr labil, die Milizen dort sehr angespannt. Wir haben zumindest keine Anzeichen dafür gefunden, dass dahinter ein größerer Plan steckte.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Geiseln zu irgendeinem Zeitpunkt in Lebensgefahr?

Etherington: Von bewaffneten Männern festgesetzt zu werden, birgt immer eine Gefahr. Nachdem wir die Geiseln regelmäßig besuchten, baute sich die Spannung aber deutlich ab. Wir haben jeden einzelnen von ihnen gesehen. Bis auf einen Gefangenen, der von den anderen getrennt festgehalten wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wer war der Gefangene?

Etherington: Ein hochrangiger ukrainischer Offizier Namens Turanskiy. Anfangs haben wir ihn nicht zu Gesicht bekommen. Aber wir haben während der Verhandlungen erreicht, dass uns Ponomarjow zumindest Auskunft über seinen Zustand gibt. Davon, dass die Angaben stimmen, konnte ich mich bei der Freilassung der anderen Geiseln überzeugen. Wir haben ihn heute gesehen, er war wohlauf.

SPIEGEL ONLINE: Ist es richtig, dass die Gefangenen in einem Keller festgehalten wurden?

Etherington: Soweit ich weiß, wurden die Geiseln anfangs in einem Keller festgehalten. Während der jüngsten Kämpfe wurden sie zu ihrem Schutz ebenfalls in einem Keller untergebracht, ansonsten in einem Raum im vierten Stock des ehemaligen Rathauses von Slowjansk.

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen Moment, an dem die Verhandlungen auf der Kippe standen?

Etherington: Aus meiner Sicht nicht. Wir haben stetigen Fortschritt erzielt, an manchen Tagen mehr als an anderen. Aber am Ende haben wir Ponomarjow zu der Einsicht gebracht, dass er keinen Vorteil davon hat, die Geiseln noch länger festzuhalten. Das ist es, was zählt.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die Forderungen Ponomarjows?

Etherington: Anfangs gab es die Forderung, die Geiseln gegen andere Gefangene auszutauschen. Derlei Entscheidungen aber konnten wir gar nicht treffen. Dann forderte Ponomarjow, dass die Gefangenen dafür werben sollten, dass diese Region der Ukraine politisch anerkannt wird. Am Ende wurden die Geiseln aber ohne Bedingungen freigelassen.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit hat die Intervention Russlands bei den Verhandlungen eine Rolle gespielt?

Etherington: Für uns ist das eine Teamleistung, es haben ja viele Stimmen mitgewirkt. Aber die russische Stimme war auf jeden Fall hilfreich.

Das Interview führte Michail Hengstenberg
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