Attentat in Ottawa "Kanadas offene Gesellschaft ist in Gefahr"

Was macht der Anschlag im Regierungsviertel mit Kanada? Der Deutsch-Kanadier Raoul Gebert hat als Vertrauter des Oppositionsführers die Attacke in Ottawa aus nächster Nähe miterlebt. Und warnt jetzt vor überzogenen Reaktionen.
Polizisten, kanadisches Parlament am Tag danach: "Alle in Deckung!"

Polizisten, kanadisches Parlament am Tag danach: "Alle in Deckung!"

Foto: CHRIS WATTIE/ REUTERS

Er war nur durch eine Tür vom Attentäter getrennt, hörte die Schüsse, roch den Pulverdampf: Raoul Gebert ist der engste Mitarbeiter des kanadischen Oppositionsführers Thomas Mulcair von der sozialdemokratischen New Democratic Party (NDP), sein "Chief of Staff".

Neun Stunden musste der gebürtige Deutsche mit der doppelten Staatsbürgerschaft im Parlament in Ottawa ausharren, bevor er evakuiert wurde. Am Tag danach, sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE, sei alles Handeln hoch symbolisch gewesen: "Wir wollen zeigen, dass eine solche Tat Kanadas Demokratie nicht beschädigen kann." Gebert verteidigt die offene, tolerante Gesellschaft - und kritisiert den kanadischen Militäreinsatz gegen die Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS).

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Angriff aufs Parlament erlebt?

Raoul Gebert: Ich saß in der Fraktionssitzung, seit gut 45 Minuten. Plötzlich brach draußen vor der Tür großer Lärm aus, metallische Geräusche. Ich dachte erst, da wäre ein Mülleimer umgefallen. Ein Sicherheitsbeamter kam rein, stemmte sich von innen gegen die Tür, rief: 'Alle in Deckung!' Da wusste ich, das sind Schüsse. Über einen Tunnel hat man uns schließlich in ein anderes Gebäude gebracht. Und da blieben wir dann erst mal.

SPIEGEL ONLINE: Das Parlament war bis in den Abend hinein abgeriegelt, Sie waren neun Stunden gefangen. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Gebert: Die Abgeordneten haben Interviews per Telefon gegeben. Alle 20 bis 30 Minuten gab es hörbar Aufregung vor den Türen und wir mussten uns auf den Boden legen. Das war ziemlich furchteinflößend und ging etwa zwei Stunden so. Dann wurde es ruhiger. Erst da durften wir mal raus aufs Klo oder zum Rauchen in einen Innenhof. Gegen 19 Uhr bin ich gemeinsam mit Thomas Mulcair evakuiert worden, er hielt kurz darauf eine TV-Ansprache.

Gebert (l.), Parteichef Mulcair: "Vorsicht vor voreiligen Schlüssen!"

Gebert (l.), Parteichef Mulcair: "Vorsicht vor voreiligen Schlüssen!"

Foto: © Chris Wattie / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Ein Soldat ist ermordet worden, das sonst so ruhige Kanada steht unter Schock. Was spüren Sie? Trauer? Wut?

Gebert: Eine Mischung aus Trauer und Unglaube. Im Flur habe ich die Einschusslöcher in der Wand gesehen. Gleichzeitig ist das aber eine Situation, die gewissermaßen auch anspornt: Wir wollen zeigen, dass eine solche Tat Kanadas Demokratie nicht beschädigen kann. Deshalb ist das Parlament am Donnerstagmorgen um Punkt 10 Uhr wieder zusammengetreten. Es gab eine Sondersitzung, in der sich Regierung und Opposition sehr kameradschaftlich gezeigt haben. Das war alles hoch symbolisch.

SPIEGEL ONLINE: Es ist der zweite Anschlag innerhalb einer Woche in Kanada. Warum trifft es Ihr Land?

Gebert: Vorsicht vor voreiligen Schlüssen! Wir müssen die Untersuchungen abwarten. Bisher scheinen das doch eher Einzeltäter zu sein, verwirrte Menschen. Wir sollten aufpassen, dass wir in unseren Gegenmaßnahmen nicht zu weit gehen. Kanadas offene Gesellschaft ist in Gefahr. Ein solcher Anschlag darf nicht dadurch nachträglich Erfolg haben, dass diese großartige kanadische Toleranz - die ich ja selbst als Einwanderer erleben darf - beeinträchtigt wird.

SPIEGEL ONLINE: Premierminister Stephen Harper hat nach dem Attentat angekündigt, Kanada werde den Kampf gegen internationale Terrororganisationen noch einmal verstärken. Finden Sie es richtig, dass sich Kanada militärisch am Kampf gegen die Dschihadisten im Irak beteiligt?

Gebert: Dem "Islamischen Staat" muss auf jeden Fall Paroli geboten werden. Aber meine Partei ist nicht der Ansicht, dass die Entsendung von Kampfjets die richtige Wahl ist. Es gibt andere Möglichkeiten - etwa Waffentransporte, humanitäre Hilfe oder militärische Beratung. Was mir das Handeln unserer Regierung suspekt macht, ist die Irak-Historie. Wir spielen hier gerade den gleichen Film zum zweiten Mal im selben Land ab: Mit militärischer Gewalt im Irak eingreifen, ohne eine Exit-Strategie zu haben. George W. Bush hat Kanada 2003 glücklicherweise nicht mit hineinziehen können. Da müssen wir diesmal aufpassen.