Attentäter von Ottawa Ein Leben voller Rausch und Gewalt

Wer war der Angreifer von Ottawa? Kein Unbekannter für die Behörden, das ist sicher: Drogen, Überfälle - oft stand Michael Z.-B. vor Gericht. Zuletzt wurde der Geheimdienst hellhörig, erkannte die Gefahr aber nicht.

REUTERS

Ottawa - Noch immer sitzen Schreck und Entsetzen tief in Kanada. Doch inzwischen werden auch Fragen laut. Vor allem: Was trieb Michael Z.-B. zu seinem Angriff auf das kanadische Parlament, bei dem am Mittwoch ein Soldat getötet wurde?

Berichte in den kanadischen Medien zeichnen das Bild eines jungen Mannes, der wegen kleinerer Vergehen immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz geraten war. Vor Kurzem jedoch fiel Michael Z.-B. auch den kanadischen Geheimdiensten auf: Er begann sich für den Islam zu interessieren und dachte darüber nach, in den Nahen Osten zu reisen, konkret nach Libyen.

Geboren wurde Michael Z.-B. 1982 in Québec. Er lebte in Ostkanada, in Montreal und in Ottawa. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er 17 war. Die Mutter, Suzanne B., arbeitet bei der kanadischen Einwanderungsbehörde. Der Vater - in manchen Berichten wird er als der Stiefvater bezeichnet - ist Bulgasem Z., ein ursprünglich aus Libyen stammender Unternehmer, der jahrelang das Café Tripoli in Montreal betrieb.

Als junger Mann stand Michael Z.-B. rund ein Dutzend Mal vor Gericht. Der örtliche Fernsehsender CTV aus Montreal hat aus öffentlich zugänglichen Gerichtsurteilen eine Liste seiner Vergehen zusammengetragen: Raubüberfall, illegaler Waffenbesitz und immer wieder Drogenbesitz.

Der Attentäter konsumierte hochgefährliche Drogen

Michael Z.-B. konsumierte Marihuana, aber auch Phencyclidin (PCP). Neben Rauschzuständen kann diese Droge Halluzinationen hervorrufen, bis hin zu Verfolgungswahn ähnlich eines schizophrenen Schubs. Ursprünglich war PCP als Betäubungsmittel entwickelt worden, wurde wegen der extremen Nebenwirkungen aber wieder vom Markt genommen. Viele Süchtige sind bereits gestorben - im Wahn verstümmelten sich manche Konsumenten selbst. Andere sprangen von Brücken oder Dächern.

Michael Z.-B. war zuletzt offenbar Ende 2011 aufgefallen - wegen Raubüberfalls und schwerer Bedrohung. Vor seinem Prozess wurde er nach einer psychologischen Untersuchung als verhandlungsfähig eingestuft.

Im Leben von Michael Z.-B. scheint es 2011 eine Wende gegeben zu haben. Im Trubel des Arabischen Frühlings ging sein Vater Bulgasem Z. offenbar kurzzeitig zurück in seine Heimat Libyen: Die US-Zeitung "Washington Times" zitierte damals einen gleichnamigen Mann, ebenfalls libyschstämmig und aus Montreal. Dieser hatte sich den libyschen Aufständischen angeschlossen, bevor er von anderen Rebellen einen Monat lang festgehalten wurde und wieder nach Kanada zurückkehrte.

Michael Z.-B. scheint sich seit diesem Jahr zunehmend für den Islam interessiert zu haben. Er konvertierte und ging regelmäßig in die Moschee. Dort lernte er Dave Bathurst kennen, einen kanadischen Konvertiten, berichtet die kanadische Zeitung "The Globe and Mail". Ihm erzählte Michael Z.-B., er sei selbst kurz in Libyen gewesen. Ob er 2011 zusammen mit seinem Vater dort war, ist nicht bekannt.

"Er sagte, der Teufel sei hinter ihm her"

Bathurst berichtet, Michael Z.-B. habe keinen Hang zum Extremismus gehabt. Trotzdem habe ihn immer wieder mit seinen Ausbrüchen verstört. "Einmal standen wir in der Küche und unterhielten uns. Auf einmal sagte er, der Teufel sei hinter ihm her", sagt Bathurst. "Er sprach immer wieder über Teufel und Dämonen in der Welt." Die Moschee habe Michael Z.-B. daher gebeten, nicht mehr wiederzukommen. Sein "erratisches Verhalten", so Bathurst, habe viele der Muslime dort irritiert.

Als Bathurst Michael Z.-B. vor sechs Wochen das letzte Mal gesehen hatte, erzählte dieser ihm, er wolle nach Libyen reisen, Arabisch lernen und mehr über den Islam erfahren. "Ich habe ihn gebeten, nachzudenken, ob er wirklich aus diesem Grund in den Nahen Osten gehen wolle", erzählt Bathurst. Er wusste, dass sein Freund Hasibullah Yusufzai kannte, einen 25-jährigen Kanadier, der sich in Syrien Dschihadisten angeschlossen haben soll.

Die kanadischen Geheimdienste gehen davon aus, dass Michael Z.-B. ausreisen wollte, um für radikale Gruppen zu kämpfen. Zuletzt besaß der 32-Jährige keinen gültigen Reisepass mehr. Die Behörden hatten ihn als "Hochrisiko-Reisenden" eingestuft und wollten verhindern, dass er Kanada verlassen konnte.

Für den Anschlag in Ottawa gab es bei den Sicherheitsdiensten offenbar zuvor keine konkreten Hinweise. Sie gehen inzwischen davon aus, dass Michael Z.-B. allein gehandelt hat. Er brauchte dazu nichts weiter als ein Jagdgewehr. Erst am Montag hatte ein anderer als "Hochrisiko-Reisender" eingestufter Kanadier zwei Soldaten überfahren. Auch er war offenbar ein Einzeltäter.

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kommentator222 23.10.2014
1. Ich will diese Idee hier nochmal aufgreifen
obwohl sie nicht direkt zum Thema Kanada passt. Aber der Islam ist ein internationales Phänomen. Mich würde interessieren, wie die deutsche Gesellschaft entscheiden würde, wenn es eine repräsentative Befragung gäbe: "Wollen wir mit dem Islam zusammen leben?" Und vorweg natürlich die Frage: "Dürfen wir uns das öffentlich, repräsentativ fragen?"
Energieelite 23.10.2014
2. Das Leben eines Menschen sollte mehr wert sein als Ihre Anonymität
Terror ist ein Internationales Problem ,und dann muss dieses Problem auch International angegangen werden ! Das bedeutet für Deutschland seine überzogene angst vor Nachrichtendienste abzustreifen . Sie können nicht auf ihre Anonymität bestehen während dessen anders wo dafür Menschen Sterben müssen ! In diesem Fall hätte man schon was machen können , Kanada wurde von den Kanadiern selber als Angriffsziel definiert , und das nur wenige stunden zuvor , man kannte diese Person , man wusste das er gefährlich ist , warum wurde er dann nicht observiert ? Das machen im allgemeinen Nachrichtendienste , man muss sie nur lassen . Nun haben wir einen Toten den es hätte nicht geben müssen . Das Leben eines Menschen sollte mehr wert sein als ihre Anonymität !
Aufschrei 23.10.2014
3. Klassiker
Eine klassische Amokläufer- bzw. Terroristenlaufbahn würde ich sagen.
fiftysomething 23.10.2014
4. Zuwenig Liebe gekriegt
und hat nun seine Eltern und die ganze Welt gezwungen, ihn endlich wahrzunehmen. Warum die Hintergründe nie so hinterfragt werden. ... ein Rätsel. Warum radikalisiert sich jemand? Das fällt doch nicht vom Himmel. Wer jahrelang nicht ernst genommen und beachtet wird, erzwingt Aufmerksamkeit durch Suchtverhalten und Gewalt gegen sich und andere..... Die religiösen Verführer nutzen das negative Potential dann für ihre Zwecke....
zynik 23.10.2014
5.
Zitat von EnergieeliteTerror ist ein Internationales Problem ,und dann muss dieses Problem auch International angegangen werden ! Das bedeutet für Deutschland seine überzogene angst vor Nachrichtendienste abzustreifen . Sie können nicht auf ihre Anonymität bestehen während dessen anders wo dafür Menschen Sterben müssen ! In diesem Fall hätte man schon was machen können , Kanada wurde von den Kanadiern selber als Angriffsziel definiert , und das nur wenige stunden zuvor , man kannte diese Person , man wusste das er gefährlich ist , warum wurde er dann nicht observiert ? Das machen im allgemeinen Nachrichtendienste , man muss sie nur lassen . Nun haben wir einen Toten den es hätte nicht geben müssen . Das Leben eines Menschen sollte mehr wert sein als ihre Anonymität !
War wieder mal nur eine Frage der Zeit, bis die Angstmacher das Ereignis für ihre Zwecke instrumentalisieren: Was hier luftig als "Anonymität" beschrieben wird, meint eigentlich demokratische Selbstbestimmung. Wenn man bereit ist, diese zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit durch totale Überwachung aufzugeben, haben die Terroristen tatsächlich gewonnen.
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