Otto Warmbier Chronologie einer tödlichen Nordkorea-Reise

Als Tourist reiste Otto Warmbier 2015 nach Nordkorea und landete dort im Gefängnis, dann gab es einen Prozess mit einem vermutlich erzwungenen Geständnis: die Chronologie des Falles.

Otto Warmbier während des Schauprozesses in Nordkorea
REUTERS/Kyodo

Otto Warmbier während des Schauprozesses in Nordkorea

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Ende April 2017 sagt Fred Warmbier einen Satz, der die tragische Affäre um seinen Sohn zusammenfasst: "Wir wissen nicht, ob Otto noch existiert". Seit mehr als einem Jahr haben die Eltern zu diesem Zeitpunkt nichts mehr von ihrem Sohn gehört. Sie wissen nur: Er ist irgendwo in Nordkorea in Gefangenschaft, verurteilt zu 15 Jahren Zwangsarbeit.

Nicht einmal zwei Monate später - und wenige Tage nach seiner überraschenden Freilassung und Rückkehr in seine US-Heimat - stirbt Otto Warmbier in einem Krankenhaus. Für die Eltern eine Tragödie, und auch politisch wird der Tod nicht ohne Folgen bleiben: Das Verhältnis zwischen den USA und Nordkorea ist ohnehin angespannt, nun könnte auch China Sanktionen gegen das Regime in Pjöngjang verhängen.

Die Ereignisse im Überblick:

Ende Dezember 2015: Der 21 Jahre alte Student Warmbier fliegt mit dem chinesischen Reiseveranstalter Young Pioneer Tours nach Nordkorea, er will dort fünf Tage bleiben und dann nach Hongkong weiterreisen, um dort zu studieren. "Er war neugierig auf die Kultur und er wollte die Menschen in Nordkorea kennenlernen", sagt Fred Warmbier später der "Washington Post".

2. Januar 2016: Am letzten Tag der Reise nehmen Polizisten Otto Warmbier in Pjöngjang fest. "Zwei Guards kamen, tippten ihm auf die Schulter und führten ihn ab", erinnert sich Danny Grotton, der sich während der Reise ein Zimmer mit Warmbier teilte, später gegenüber der "Washington Post" an die Festnahme. Es sei nicht gesprochen worden. "Otto hat sich nicht gewehrt, er hat nicht verängstigt geguckt, er hat nur so halb gelächelt." Die anderen Mitglieder der Gruppe reisen aus.

22. Januar 2016: Nordkorea teilt mit, einen US-Studenten wegen "feindlicher Aktivitäten" gegen den Staat festgenommen zu haben. Er soll ein Propaganda-Plakat aus seinem Hotel gestohlen haben.

Medien spekulieren, Pjöngjang wolle durch die Festnahme des US-Amerikaners mit der Regierung in Washington ins Gespräch kommen.

1. März: Nordkorea veröffentlicht ein Video von Otto Warmbier. Darin "gesteht" der Student unter Tränen, eine Straftat begangen zu haben - und bittet die nordkoreanische Bevölkerung und Regierung um Vergebung. Er habe im Auftrag einer US-Kirche in einem Hotel ein Transparent gestohlen, dafür sei ihm Geld versprochen worden: 10.000 Dollar, wenn er das Plakat in die USA bringe, 200.000 Dollar für den Fall, dass er in Nordkorea erwischt werde. "Ich habe den schlimmsten Fehler meines Lebens gemacht", sagt Warmbier bei der inszenierten Pressekonferenz. Vermutlich wurde er dazu gezwungen, die Aussage zu machen. Aus Sicht von Nordkorea handelte der Student "unter der Anleitung der US-Regierung".

Otto Warmbier bei seinem angeblichen Geständnis
AFP

Otto Warmbier bei seinem angeblichen Geständnis

2. März 2016: Zum ersten und letzten Mal erhalten Otto Warmbiers Eltern ein direktes Lebenszeichen von ihrem Sohn: Schwedische Diplomaten, die die US-Interessen in Nordkorea vertreten, besuchen Warmbier und übermitteln ihnen danach einen Brief.

17. März 2016: In einem Schauprozess wird Warmbier zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt - auch für nordkoreanische Verhältnisse eine harte Strafe. Das Staatsfernsehen zeigt Bilder von Warmbier vor Gericht: Zwei Uniformierte führen den Studenten in den Saal, er trägt Handschellen und blickt auf den Boden. Das Weiße Haus kritisiert das Urteil und wirft Nordkorea vor, Warmbier als "Faustpfand für eine politische Agenda" zu benutzen.

Video: In Nordkorea inhaftierter US-Student Warmbier stirbt kurz nach Freilassung

12. Dezember 2016: Zu seinem 22. Geburtstag lässt die Familie in Cincinnati drei Laternen aufsteigen und singt "Happy Birthday".

Februar 2017: Kurz nach seiner Amtseinführung informiert US-Außenminister Rex Tillerson den neuen US-Präsidenten Donald Trump über das Schicksal der Amerikaner, die in Nordkorea inhaftiert sind - darunter Warmbier. Trump weist seinen Minister an, deren Freilassung zu erwirken.

10. April 2017: In einem Fernsehinterview wirft Fred Warmbier US-Diplomaten vor, seiner Familie bislang "überhaupt nicht" bei der Freilassung von Otto Warmbier geholfen zu haben. Sowohl die amtierende Regierung als auch die Vorgänger um Präsident Barack Obama hätten seiner Familie keine Hoffnungen gemacht, dass ihr Sohn freigelassen würde. Stattdessen seien sie - wie üblich in solchen Situationen - aufgefordert worden, sich nicht öffentlich zu äußern. Fred Warmbier appelliert an Präsident Trump: "Bitte, bringen Sie meinen Sohn nach Hause." Die nordkoreanischen Behörden verweigern den schwedischen Diplomaten weiterhin jede weitere Kontaktaufnahme mit Warmbier, auch Besuche werden abgelehnt.

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Nordkorea: Otto Warmbier - Tod mit 22 Jahren

29. April 2017: Fred und Cindy Warmbier geben mehreren US-Medien Interviews. "Die Zeit des strategischen Wartens ist vorbei", sagt Fred Warmbier. Sie hätten keine Ahnung, wo ihr Sohn sei oder wie es ihm gehe. "Wir wissen nicht, ob Otto noch existiert."

Juni 2017: Nordkoreanische Diplomaten in New York bitten um ein Gespräch mit der US-Regierung und berichten dem Nordkorea-Beauftragten des Außenministeriums über Ottos Warmbiers Gesundheitszustand. Familie Warmbier erfährt wenig später, dass ihr Sohn bereits seit März vergangenen Jahres im Koma liegt.

Otto Warmbier bei der Rückkehr in die USA
REUTERS

Otto Warmbier bei der Rückkehr in die USA

13.-14. Juni 2017: Otto Warmbier wird freigelassen und in einem US-Flugzeug mit einem medizinischen Team über Japan nach Hause geflogen. Nach seiner Ankunft in Cincinnati kommt er umgehend ins Krankenhaus. Er ist nicht bei Bewusstsein.

14. Juni 2017: Trump ruft Familie Warmbier an, erkundigt sich nach dem Gesundheitszustand ihres Sohnes. Nach Angaben von Fred Warmbier sagt Trump, sein Außenminister Tillerson und andere hätten sich für die Freilassung des 22-Jährigen eingesetzt.

Vater Fred Warmbier
AFP

Vater Fred Warmbier

15. Juni 2017: Nordkorea teilt mit, Otto Warmbier sei aus "humanitären Gründen" freigelassen worden. Das Regime behauptet, der junge Mann sei in Haft an Botulismus - also einer Fleisch- oder Wurstvergiftung - erkrankt und nach der Gabe einer Schlaftablette nicht wieder aufgewacht.

Fred Warmbier hingegen beschuldigt Nordkorea, seinen Sohn gefoltert zu haben. Der 22-Jährige habe schwere neurologische Schäden, sagt der Vater auf einer Pressekonferenz. Auch die behandelnden Ärzte äußern sich: Warmbier sei in einem "Zustand reaktionsloser Wachheit", große Bereiche seines Gehirns beschädigt, sagt Daniel Kanter, Direktor des neurologischen Zentrums an dem der Student medizinisch betreut wird.

Warmbier habe offenbar Atemprobleme gehabt, dadurch sei die Sauerstoffverbindung zum Gehirn unterbrochen worden. Nach Angaben des Arztes übergab Nordkorea auch zwei Aufnahmen von Warmbiers Gehirn, die im April und Juli vergangenen Jahres aufgenommen worden sein sollen. Darauf sei zu erkennen, wie sich der Zustand verschlechtert habe.

Hinweise auf Botulismus finden die Ärzte nicht. Allerdings wären solche Spuren nach mehr als einem Jahr auch unwahrscheinlich. Mit Blick auf eine mögliche Folter sagen die Ärzte: Warmbier habe keine gebrochenen Knochen, es gebe auch keine anderen Verletzungen an seinem Körper, die nicht von einer medizinischen Betreuung kämen.

Unterstützung für Familie Warmbier in ihrer Heimatstadt Wyoming
AFP

Unterstützung für Familie Warmbier in ihrer Heimatstadt Wyoming

19. Juni 2017: Otto Warmbier stirbt um 14.20 Uhr. In einem Statement geben die Eltern den Tod ihres Sohnes bekannt und machen Nordkorea dafür direkt verantwortlich. "Leider ließen die furchtbaren, qualvollen Misshandlungen unseres Sohnes durch die Nordkoreaner keinen anderen Ausgang zu als den traurigen, der sich heute ereignet hat", heißt es in der Stellungnahme. Auch Trump gibt Nordkorea die Schuld am Tod Warmbiers. "Die Vereinigten Staaten verurteilen aufs Neue die Brutalität des nordkoreanischen Regimes, während wir dessen jüngstes Opfer betrauern."

Woran genau Warmbier gestorben ist, ist unklar. Die Ärzte wollen sich nicht zur Todesursache äußern und auch sonst keine weiteren Details zum Gesundheitszustand bekannt geben.



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