Syrische Flüchtlinge im Libanon Nur jedes vierte Kind kann in die Schule

Die Situation für Syriens Flüchtlinge im Libanon wird immer verzweifelter. Es fehlt an Hilfe, die Familien leiden Not und müssen selbst sehen, wie sie über die Runden kommen. Die Folge laut einer aktuellen Studie: Nur ein Viertel der Kinder im Schulalter kann zum Unterricht.

Syrische Flüchtlinge im Libanon: Ihre Lage wird immer prekärer
AFP

Syrische Flüchtlinge im Libanon: Ihre Lage wird immer prekärer


Beirut - Inzwischen ist etwa jeder Dritte im Libanon Syrer. Kein Land hat so viele Flüchtlinge aufgenommen wie der kleine Nachbarstaat. Und stetig werden es mehr. Rund 800.000 Syrer haben sich inzwischen offiziell als Flüchtling registriert. Wie groß die Dunkelziffer derer ist, die sich nicht gemeldet haben, ist nicht bekannt. Nach Schätzungen des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind insgesamt mehr als zwei Millionen Syrer auf der Flucht.

Die libanesische Regierung möchte für die Syrer keine großen Flüchtlingslager einrichten. Sie müssen sich selbst darum kümmern, eine Unterkunft zu finden und Essen zu kaufen. Manche von ihnen haben sich mit ihrer Familie ein Zimmer gemietet, andere haben sich selbst ein Zelt gebaut und von einem libanesischen Bauern ein kleines Stück Acker gemietet.

Je mehr Flüchtlinge kommen, desto schwieriger wird für sie das Leben im Libanon: Die Mieten steigen, und die Löhne, die libanesische Arbeitgeber den Syrern anbieten, sinken. Es findet sich immer jemand, der noch verzweifelter ist - und billiger zu haben.

Studie im Auftrag von Oxfam

Wie verzweifelt die Situation der syrischen Flüchtlinge im Libanon inzwischen ist, hat die Hilfsorganisation Oxfam herauszufinden versucht. Drei Monate lang befragten Forscher des "Beirut Research and Innovation Center" verschiedene Flüchtlingsgruppen, insgesamt 1591 Menschen.

Die Ergebnisse, die Oxfam am Donnerstag veröffentlichte, sind erschreckend:

  • Verlorene Generation: Nur etwa 25 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder im Schulalter gehen im Libanon zum Unterricht. Die syrischen Flüchtlingsfamilien scheinen es sich nur leisten zu können, im Durschnitt ein Kind zur Schule zu schicken. Die anderen Kinder müssen mithelfen, dass die Familie über die Runden kommt.
  • Wachsende Prekarität: Im Durchschnitt muss jede Flüchtlingsfamilie im Libanon im Monat 275 Dollar für Essen und 225 Dollar für die Miete ausgeben. Das Land ist teuer, viel teurer als Syrien vor den Aufständen. Dort lag der Durchschnittslohn bei monatlich 200 Dollar. Das bedeutet für die Flüchtlinge monatliche Fixkosten von etwa 500 Dollar nur fürs Allernötigste. Vom Uno-Flüchtlingswerk erhalten sie monatlich durchschnittlich 90 Dollar, eine Lücke von im Schnitt 410 Dollar - und das jeden Monat.

Mit den verschiedensten Mitteln versuchen die Syrer im Libanon über die Runden zu kommen. Ein Drittel der Syrer im arbeitsfähigen Alter hat hin und wieder einen kleinen Job, die anderen sind auf Arbeitssuche. Manche versuchen von anderen Hilfsorganisationen Unterstützung oder Sachspenden zu bekommen.

Wer noch Ersparnisse hat, lebt davon. In der Regel reichen diese den syrischen Flüchtlingen gerade einmal für die ersten sechs Monate, heißt es in dem Oxfam-Bericht, dann versiegt auch diese Reserve.

Die Flüchtlinge träumen von einer Rückkehr nach Hause

Wer Verwandte oder Freunde hat, die aushelfen können, schlägt sich mithilfe ihrer Unterstützung durch oder nimmt einen Kredit auf. Wie Recherchen des SPIEGEL zeigen, sind nicht wenige Flüchtlinge so verzweifelt,

dass sie ihre Organe verkaufen, um an etwas Geld zu kommen.Manche der syrischen Flüchtlinge, vor allem die im Norden des Libanons, sind schon zu Beginn der Aufstände vor fast drei Jahren geflohen. Andere, vor allem die, die sich im Süden Libanons niedergelassen haben, weil überall sonst kaum noch Platz ist, sind erst im vergangenen halben Jahr eingetroffen.

Die Gewalt in Syrien verschont Zivilisten nicht. Den Flüchtlingen geht es darum, ihr Leben zu retten. Derzeit treffen im bereits überfüllten Nordlibanon neue syrischen Familien ein, die vor der Offensive des syrischen Militärs gegen die Kalamun-Region nördlich von Damaskus fliehen.

Sobald in ihrer Heimat wieder Frieden herrscht, wollen die syrischen Flüchtlinge zurückkehren, heißt es im Bericht von Oxfam. Ausgerechnet diejenigen, die als erste bereits vor fast drei Jahren fliehen mussten, sind am hoffnungsvollsten, dass es jeden Moment so weit sein könnte.

Ein Zehntel der Befragten geht allerdings davon aus, dass der Krieg in ihrer Heimat auch in fünf Jahren noch nicht vorbei sein wird.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
omarius gestern, 20:31 Uhr
1. das sollen sich bitte
die Saudis, die Türken, und Katar drum kümmern, die streben ja auch danach die Region neu zuordnen....
PeaceNow 21.11.2013
2. tja
nach jüngsten Schätzungen erhalten die Terroristen in Syrien von den USA, NATO, Türkei und vor allem Golfstaaten Waffen, Munition, Logistik und Sold in Höhe von rd. 200 Millionen USD, im MONAT! und sollen in den letzten 2 Jahren bereits für alles rd. 5 Milliarden USD! erhalten haben. Würde man ansattt Terroristen aufzurücsten diese Summen für dei Flüchtlinge ausgeben, wären diese damit mehrfach voll versorgt.
roedaelefanten 21.11.2013
3. Gestern im Libanon, heute, morgen und übermorgen in EUropa
"Je mehr Flüchtlinge kommen, desto schwieriger wird für sie das Leben im Libanon (?Deutschland/EU) : Die Mieten steigen, und die Löhne, die libanesische (?deutsche/EUropäische) Arbeitgeber den Syrern (?illegale Einwanderer) anbieten, sinken. Es findet sich immer jemand, der noch verzweifelter ist - und billiger zu haben."
ofelas 21.11.2013
4. Arroganz
Zitat von omariusdie Saudis, die Türken, und Katar drum kümmern, die streben ja auch danach die Region neu zuordnen....
da haben sie die Franzosen, Briten und USA vergessen die auch direkt beteiligt sind und in der Naehe (Libyen???) schon ihre regime-changes veranstaltet haben
sysiphus-neu 21.11.2013
5. Rückkehr
Ein wenig Geduld brauchen die Flüchtlinge noch. Wenn erst die Grenzgebiete zwischen Syrien und Libanon von den Terroristen gesäubert sind, kann eine organisierte Rückkehr in die von den Regierungstruppen gesicherten Gebiete anlaufen. Das wird aber noch etwas dauern, da die SAA und ihre Verbündeten vorsichtig und Ressourcen schonend vorgehen und gerade in den unwegsamen Qualamounbergen wohl den Winter die Hauptarbeit machen lassen - also abriegeln, vom Nachschub abschneiden und auf Schnee und Frost warten... Besonderes Pech haben die Flüchtlinge aus dem syrischen Norden und Osten. Dort wird es wohl am längsten dauern, bis die Regierungstruppen die islamistischen Emirate zerschlagen haben werden und dort wieder normale Menschen leben können.
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