Blutbad an Schule in Pakistan Angriff auf die Moral der Nation

Kleine Klassen, gute Pädagogen - Pakistans Mittelschicht reißt sich um die begehrten Plätze in den Armeeschulen. Mit dem Massaker in Peschawar treffen die Taliban nicht nur das Militär, sondern ein ganzes Land.

Pakistanischer Schüler: Taliban wählten Schule, die von Kindern von Soldaten besucht wird
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Pakistanischer Schüler: Taliban wählten Schule, die von Kindern von Soldaten besucht wird

Von , Neu-Delhi


Solide Schulbildung zu überschaubaren Kosten: Dank dieser attraktiven Formel erfreuen sich die 146 von der Armee betriebenen Army Public Schools bei pakistanischen Eltern großer Beliebtheit. Rund 155.000 Kinder und Jugendliche, Mädchen wie Jungen, besuchen die im ganzen Land verstreuten Bildungseinrichtungen.

An diesem Dienstag wurde eine solche Schule in der Metropole Peschawar Schauplatz eines grausamen Verbrechens. Nach bisherigem Stand kamen bei einem Angriff von Taliban-Terroristen mehr als 130 Kinder ums Leben.

Das Massaker trifft die Armee hart - doch nicht nur sie. Denn es sind zwar bestimmte Kontingente für die Söhne und Töchter von Pakistans Militärs vorgesehen, doch die frei zu vergebenen Plätze füllen sich schnell mit "Zivilisten". Wer einen ergattert hat, gibt ihn gemeinhin nicht wieder auf: Die meisten Schüler fangen im Kindergartenalter an und verlassen die Schulen erst mit dem Abschluss in der Tasche. Schulgebühren richten sich nach Rang und Einkommen der Eltern, liegen zwischen umgerechnet 8 bis 13 Euro pro Monat. Zivilisten zahlen etwas mehr, etwa 16 Euro im Monat.

In einem Land, in dem die Elite ihre Kinder grundsätzlich auf teure Privatschulen oder gleich auf Internate ins Ausland schickt, drängen sich die Armeeschulen der Mittelklasse als Alternative zum maroden staatlichen Schulsystem auf. Dabei hilft, dass das pädagogische Konzept weniger martialisch ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Zwar steht für ältere Jungen auch Paramilitärisches auf dem Stundenplan. Doch die online verfügbaren Jahrbücher der Schulen zeigen, dass jüngere Schüler viele Freiräume bekommen, sich auch friedlich zu entfalten: Es wird gebastelt, Theater gespielt, in Chören gesungen. Pädagogen kümmern sich um die Entfaltung der jungen Menschen. Luftbilder von der Schule an der Warzak Road in Peschawar zeigen einen großzügigen Campus. Die Schulgebäude liegen eingebettet in Gärten, das Gelände ist von Mauern umgeben.

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Pakistan: Taliban-Angriff auf Schule
Nur etwa 30 Schüler gehen in eine - für diese Weltregion damit sehr kleine - durchschnittliche Klasse an den Armeeschulen. Sie alle tragen, das ist das Erbe der britischen Kolonialzeit, Schuluniform. Tannengrüne Blazer werden im Winter mit passenden Pullundern kombiniert, dazu graue Hosen für die Jungs, weiße Baumwolltuniken und Pluderhosen für die Mädchen. Auf den Blazern prangt über dem Herzen das Wappen mit dem Schulmotto: "Ich werde mich erheben und glänzen."

Den Vorsitz des Armeeschul-Verbands hat übrigens mit Shama Saeed eine Frau inne - in den Augen der Taliban ein schwer hinnehmbares Symbol von Fortschritt, Emanzipation und der Freiheit von Männern wie Frauen.

Racheakt gegen die Armee

Man muss annehmen, dass Peschawar als Ziel des Angriffs ausgewählt wurde, um die Moral der an der Front stehenden Armeeangehörigen zu untergraben. Auf die Armeeschulen gehen vor allem Kindern von Soldaten mittlerer Offiziersränge - eben jene, die an der Front befehlen. Diese Leute, die den Kampf mit den Taliban direkt führen, sollten getroffen werden.

Die Lage in der Millionenstadt Peschawar ist in den vergangenen Jahren immer weiter eskaliert. Nahezu wöchentlich wird die Stadt von Terrorakten erschüttert. Doch der Anschlag vom Dienstag übertrifft die Attacken der Vergangenheit deutlich: Weil mehr Menschen gestorben sind - und weil sich die Taliban gezielt an Kindern vergriffen haben - an den schwächsten Mitgliedern der pakistanischen Gesellschaft. Ein feigerer Anschlag ist kaum vorstellbar.

Der politische Analyst Khudayar Mohla aus Islamabad tat sich schwer, die Dimension des Massakers in Worte zu fassen - der Angriff stelle alles infrage, wofür Pakistan stehe, sagte er SPIEGEL ONLINE am Telefon: "Dies war ein Angriff auf das gesamte Bildungssystem, auf unseren Staat, die pakistanische Kultur."

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

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insgesamt 46 Beiträge
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gerhard38 16.12.2014
1. Alarm zum Aufwachen
Vielleicht verursacht dieses scheussliche Verbrechen ein Aufwachen der Armee, des Sicherheitsdienstes und der Regierung und resultiert in gemeinsamen und durchgreifenden Aktionen dieses Taliban-Ungeziefer auszumerzen. Anders kann man diese "Steinzeit-Islamisten" wohl kaum charakterisieren.
rkinfo 16.12.2014
2. Taliban hassen Bildung
Die Extrem-Islamisten hassen Bildung und wollten auch der Jugend das Rückgrad 'brechen'. Zudem sollen die Eltern gebrochen werden. Es zeigt wie brutal die Islamisten der Ära 9/11 ff. sind. Wir haben erst vor Tagen die USA wg. Guantanamo verurteilt nur dort sitzen Leute vom Kaliber der heutigen Attentäter und ihrer Hintermänner ein. Eine große Aufgabe im 21. Jahrhundert wie mit gewaltbereiten Extrem-Muslimen umzugehen ist.
bundesheiner 16.12.2014
3. Es scheint alles Recht zu sein
was nützlich ist. Kein Halt vor der Tötung von Kinder und Frauen. Es macht zwischenzeitlich kein unterschied mehr, ob Taliban, IS oder andere Gruppierungen. Sie lernen schnell, und was wirksam ist wird umgesetzt. Koste es was es wolle. Politiker in Ost und West aggieren halbherzig. Entschlossene Härte sieht anders aus. Fast entsteht der Eindruck, dass es nicht gewollt ist, diese Gurppen still zu legen.
kraichgau12 16.12.2014
4. es gehört zu den traurigen wahrheiten, das der liberale westen den sinn der islamisten nicht erkennen KANN
denn es würde eine der Grundfesten Ihrer menschenfreundlichen Gesinnung zerstören nein,nicht alle Kulturen sind gleich bedeutsam! darum geht es im Grunde,darum wird relativiert und rumgedruckst,bis sich die balken biegen! wer nicht erkennt,das die taliban haargenau und kühl kalkulierend das gesamte konzept der schulausbildung jenseits des khoranunterrichtes mit dieser aktion ins ziel nahmen,versteht gar nichts von der gegenwaertigen massenbewegung,die einmal talib,einmal boko haram(lassen sie es sich übersetzen und staunen sie)IS oder eben die guten alten getreuen von Al Quaida genannt wird. FRAUEN sollen gefälligst gar ncihts lernen,sie sind der acker,auf dem der mann pflügt nach seinem gutdünken,am besten ab der ersten menstruation(das ist nun wirklich keine erfindung) jungs sollen am besten den khoran auswendig können,alles andere ist zweitrangig,wenn überhaupt ich kenne pakistan von innen,am verwunderlichsten für mich ist immer wieder,warum da von aufgeklärt/weltoffen vise visa talib geredet wird,wie in den meisten 3 weltländern gibt es eine verschwindend geringe klasse von menschen,die ein wenig beleckt vom ehemaligen kolonialsystem über den tellerrand schauen und eine riesige masse an leuten,die jederzeit total ausflippen können und extremsten sachen fähig sind,sobald ein Imam laut genug schreit all das darf im westen nicht artikuliert werden,denn die talibs sind ja nur fehlgeleitete schaefchen..nicht skönnte falscher sein pakistan ist von saudhi arabien über jahrzehnte umgemodelt worden von einer ex-kolonie hin zu einem wahabitischen traumland
reinerhohn 16.12.2014
5. sich an Kindern zu vergreifen..
..einfach nur erbaermlich! Nach einer solchen Tat sollten alle muslimischen Geistlichen die eine Fatwa ausstellen koennen dies tun. Bei anderen Gelegenheiten wurden Schriftsteller oder Journalisten in einer solchen Fatwa mit dem Tod bestraft. Ich denke dass alle Rädelsführer und Mitwisser dieser grauenhaften Tat den Tod verdient haetten. Vielleicht gaebs dann endlich irgendwann Ruhe.
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