Pakistan Bhutto ruft zum Kampf gegen Extremisten auf

Rund 140 Tote, mehr als 500 Verletzte, aber sie entkam dem Anschlag unverletzt: Pakistans frühere Ministerpräsidentin Benazir Bhutto ruft nach dem Attentat zum Kampf gegen Extremisten auf - und glaubt die Drahtzieher der Bluttat zu kennen.


Karatschi - Es war einer der schwersten Anschläge in der Geschichte Pakistans, er galt ihr, aber Benazir Bhutto gibt sich unerschütterlich: "Die Schlacht zur Rettung Pakistans wird heldenhafte Anstrengungen erfordern", sagte sie heute in Karatschi nur wenige Stunden nach dem Selbstmordanschlag, bei dem etwa 140 Menschen getötet und über 500 weitere verletzt wurden.

Benazir Bhutto bei einer Pressekonferenz in Karachi: "Schlacht zur Rettung Pakistans"
AFP

Benazir Bhutto bei einer Pressekonferenz in Karachi: "Schlacht zur Rettung Pakistans"

"Ich bitte alle Menschen in Pakistan, mich und die politischen Parteien zu unterstützen, um unser Land vor der Bedrohung durch Militante und vor einer Übernahme durch Militante zu retten." Der Anschlag habe nicht allein auf sie als Person gezielt, sagte die frühere Ministerpräsidentin, "der Anschlag galt dem, was ich repräsentiere: Es war ein Anschlag auf die Demokratie".

Sie sei vor ihrer Rückkehr nach Pakistan vor Anschlägen auf ihre Person gewarnt worden, sagte Bhutto. Sie habe diese Informationen an die Regierung weitergeleitet. Bhutto zufolge waren an dem Anschlag zwei Attentäter beteiligt. Neben den beiden Attentätern hätten ihre Leibwächter außerdem einen anderen Mann entdeckt, der mit einer Pistole bewaffnet gewesen sei, und einen weitern mit einer Sprengstoffweste. Bislang hatte die Polizei stets von einem Selbstmordattentäter gesprochen.

"Ich weiß genau, wer mich umbringen wollte"

Im Interview mit dem französischen Magazin "Paris Match" machte Bhutto Anhänger von Ex-Militärmachthaber Mohammed Zia ul-Haq für das Attentat verantwortlich. "Ich weiß genau, wer mich umbringen wollte", sagte die 54-Jährige. Die Anhänger Zias stünden noch heute hinter "Extremismus und Fanatismus", sagte Bhutto.

General Zia ul-Haq ließ 1979 den Vater Benazirs, Zulfikar Bhutto, im Militärgefängnis von Rawalpindi hinrichten und festigte so seine gerade zusammengeputschte Machtbasis. Bhutto erwies sich selbst am Galgen noch als Gentleman, denn er schenkte dem Henker seine wertvolle goldene Uhr.

Mit dem Tod des Sozialisten Zulfikar Bhutto hatte Zia ul-Haq keinen ernstzunehmenden Opponenten mehr. Der Militärdiktator begann eine bigotte Politik der Islamisierung Pakistans, um auf diese Weise die Herrschaft der Armee bei den Mullahs und anderen religiösen Würdenträgern populär zu machen. Zia, wegen seines Lächelns "Kobra" genannt, gestattete Offizieren, Bärte zu tragen, und er förderte den Ausbau der Madrassen, Pakistans Koranschulen. Mit dem Gründer der Roten Moschee in Islamabad war er befreundet, und mit freundlicher Unterstützung durch die CIA wurden die Koranschüler als Widerstandskämpfer rekrutiert, die im benachbarten Afghanistan gegen die sowjetische Armee kämpften. Zias Einfluss wirkt heute selbst noch im Kabinett von Pervez Musharraf nach: Sein Sohn Mohammed ul-Haq ist dort Religionsminister. Er weist die Vorwürfe Bhuttos aber zurück.

"Verschwörung gegen die Demokratie"

Nach Ansicht von Pakistans Regierung stecken muslimische Extremisten hinter den Anschlägen auf Bhutto. Die Tat trage die Handschrift von Militanten und Terroristen, sagte heute ein Sprecher des Innenministeriums. Noch sei allerdings zu früh zu sagen, welche Gruppe beteiligt gewesen sei. Nach Polizeiangaben zündeten die Attentäter gestern zunächst eine Granate, als der Konvoi der nach Jahren im Exil zurückgekehrten Oppositionspolitikerin umjubelt von Tausenden Anhängern durch Karatschi fuhr. Kurz darauf habe sich ein Selbstmordattentäter in der Menge die Luft gesprengt, sagte ein hochrangiger Polizeivertreter.

Präsident Musharraf sprach Bhutto telefonisch sein Beileid aus. Beide Politiker hätten ihre Absicht bekräftigt, Extremismus und Terrorismus zu bekämpfen, sagte ein Sprecher Musharrafs. In einer ersten Stellungnahme bezeichnete Musharraf den Anschlag als eine "Verschwörung gegen die Demokratie". Der pakistanische Innenminister Aftab Ahmed Khan Sherpao sagte, die Attentäter wollten Angst und Schrecken verbreiten.

Die Ermittler untersuchen nun, ob im Zusammenhang mit der Tat Spuren in die Stammesregionen an der Grenze zu Afghanistan führten. In den Gebieten finden die Extremistenorganisation Al-Kaida wie auch die radikal-islamischen Taliban viel Unterstützung. Der pakistanische Kommandeur der Taliban-Extremisten, Baitullah Mehsud, stritt gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters jedoch ab, hinter dem Attentat zu stecken.

Mit dem Anschlag bewahrheiteten sich die Befürchtungen vor der Heimkehr der pakistanischen Ex-Ministerpräsidentin nach acht Jahren Exil: Extremisten mit Verbindungen zur Terrororganisation al-Qaida hatten gedroht, die 54-jährige Politikerin nach ihrer Rückkehr zu ermorden, weil sie auf Seiten der USA in deren Kampf gegen den Terrorismus stehe. Bhutto will mit ihrer Volkspartei in den Wahlkampf ziehen und wieder Regierungschefin werden. Es wird damit gerechnet, dass es nach der Abstimmung im kommenden Jahr zu einer Vereinbarung über eine Machtteilung mit Präsident Musharraf kommt.

hen/dpa/AP/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.