Pakistan Castros Ärzte helfen im Erdbebengebiet

Kuba hat Hunderte Ärzte ins pakistanische Erdbebengebiet geschickt. Die humanitäre Hilfsaktion hat die beiden ungleichen Partner, Alt-Revolutionär Fidel Castro und Amerika-Freund Pervez Musharraf, einander näher gebracht.

Von Joachim Hoelzgen


Die Täler bei Battagram am Karakorum Highway sind tief eingeschnitten. Terrassenfelder schmiegen sich an Abhänge, doch von den Gebäuden der Dörfer ragen oft nur noch die Mauern auf. Sie sehen aus wie Ruinen, die im eigenen Schutt versinken.

Hilfe nach dem Erdbeben: Kubanische Ärzte in Pakistan
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Hilfe nach dem Erdbeben: Kubanische Ärzte in Pakistan

Durch diese zerstörten Lebensräume im Nordosten Pakistans wandern derzeit Mediziner aus Kuba, die Wollmützen gegen die Kälte und Grippemittel im Rucksack tragen. Die Ärzte von der fernen Tropeninsel erscheinen den Menschen hier mit ihrer Medizin wie Schutzengel.

Auch in einer Zeltstadt bei Balakot kümmern sich kubanische Ärztinnen um kleine Kinder: Sie drücken Mädchen die Zungen nach unten, um den Rachenraum zu inspizieren. Erkältungen drohen - und auch die Kubanerinnen schützen sich mit jenen schwarzen Wollmützen, an denen die "médicos" aus der Karibik zu erkennen sind.

Die Kubaner scheinen im Erdbebengebiet des pakistanischen Kaschmir und der Gebirge entlang des Karakorum Highway überall zu sein. Sie stellen das größte ausländische Kontingent an Medizinern und übertrafen Ende November mit 789 Ärzten sogar das Aufgebot der pakistanischen Kollegen, das sich aus 400 Doktoren und dazu 100 Armeeärzten zusammensetzte.

"Unser Präsident Fidel Castro hat uns hierher geschickt", sagt im Feldlazarett von Balakot der Chirurg José Nicolus. "In der Stunde der Not geht es darum, dem pakistanischen Volk die Hand zu reichen."

Das klingt einerseits politisch linientreu. Es entspricht aber auch dem massiven Angebot an Hilfe, das Castro nur einen Tag nach dem Erdbeben am 8. Oktober gemacht hat. In einem halbstündigen Telefongespräch versicherte er dem pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf die "Solidarität des kubanischen Volks" und entsandte Ärzte, Sanitäter und technisches Personal in das ferne Halbmond-Land.

Mit 85 Ärzten landete der erste Tross aus Kuba schon am 14. Oktober in Islamabad, wie die kommunistische Parteizeitung "Granma" in Havanna stolz berichtete.

Ärzteaufmarsch in Pakistan

Dann, am 20. Oktober, erschienen weitere Gruppen kubanischer Ärzte, denen im November auch noch Außenminister Félipe Perez Roque folgte - begleitet natürlich von noch mehr Ärzten. Perez Roque besuchte ein Feldhospital im schwer zerstörten Balakot und zog anschließend auf der großen internationalen Geberkonferenz in Islamabad Bilanz. Kuba habe schon 17 Lazarette im Erdbebengebiet aufgeschlagen, verkündete er. Und 13 weitere, durchweg mit Ultraschall-, Röntgen- und EKG-Geräten ausgestattet, kämen noch hinzu, so Perez Roque.

Der Einsatz und die Ausmaße der kubanischen Ärztebrigade sind in der Tat verblüffend - egal, ob in Abbottabad, Balakot oder in Battagram. Auch in Mansehra, wo sich das Epizentrum des Bebens befand, sind die Kubaner vertreten - und zwar am Distrikthospital, an dem der Chirurg Lester Montoro mit weiteren Chirurgen, Anästhesisten sowie Krankenschwestern tätig ist.

Montoro spricht Englisch, was die Arbeit mit den pakistanischen Kollegen erleichtert. Im Umgang mit den Patienten aber sind die Kubaner auf Dolmetscher angewiesen - zum Beispiel auf Naeem Khan, der in Kuba ein Agraringenieursstudium absolvierte und elf Jahre auf der Karibikinsel verbracht hat. Dank seiner Hilfe hat sich Montoro gut an die schroffe Welt um Mansehra gewöhnen können. "Wir haben keine Probleme und kommen gut voran", sagt er. Soweit es die ärztliche Kunst zulasse, versuche man bei Schwerverletzten, die Amputation von Gliedmaßen zu vermeiden, berichtet er über sein Tageswerk.

Die Arbeit der Weißkittel mit den Wollmützen wird von den Pakistanern bewundert. "Sie kennen unterentwickelte Länder wie Pakistan und beweisen immer wieder, wie man mit Engagement und sparsamen Mitteln Großes erreichen kann", lobt etwa Rahimullah Youssufzai, Büroleiter der Tageszeitung "The News" in Peschawar.

Die Ärzte verändern auch auf politischer Ebene die wenigen Berührungspunkte, die es bisher zwischen dem sozialistischen Kuba und der Islamischen Republik Pakistan gab. "Kubas internationalistische Hilfe" sei "rühmlich und ehrenwert", befindet die Denkfabrik Policy Research Institute in Islamabad schon ganz im Stil der Verlautbarungen aus Havanna. Sie sei "ein Beweis für die wachsenden pakistanisch-kubanischen Verbindungen"; denn schließlich müsse Pakistan "auch in Lateinamerika neue Freunde gewinnen", so der Politikwissenschaftler Maqsoul Nuri.

Tatsächlich scheint sich zwischen den ungleichen Partnern eine neue Ära anzubahnen - und das ausgerechnet zwischen dem Frontstaat und Verbündeten der USA im Kampf gegen den Terrorismus und jenem Kuba Fidel Castros, das Washington immer wieder ungnädig als "Außenposten der Tyrannei" anprangert.

Jedenfalls empfing Pervez Musharraf Außenminister Perez Roque auf protokollarisch höchster Ebene - im Aiwan-i-Sadr, dem pompösen Präsidentenpalast in Islamabad. Musharraf bedankte sich dabei "für die Solidarität und Unterstützung durch Präsident Castro und das kubanische Volk" - und Perez Roque kündigte an, dass Kuba bald schon eine Botschaft in Islamabad eröffnen werde. Bisher musste Kubas Botschafter in Peking gewissermaßen nebenberuflich nach Pakistan sehen.

Zwei Staatschefs in Militäruniform

Wegen seiner Telefonate mit Castro hat offenbar auch Musharraf Gefallen an dem Alt-Revolutionär gefunden. Parallelen zwischen den Beiden gibt es in Hülle und Fülle: Beide unterstreichen gern die Rolle als Oberbefehlshaber der Streitkräfte - Musharraf in Generalsuniform und "Comandante en Jefe" Castro mit seinem berühmten olivgrünen Truppen-Drillich. Beide entgingen mehrmals Mordanschlägen; beide sind Staatschefs ehemaliger Kolonien, und selbst Musharraf versteht sich seit einiger Zeit als Revolutionär. Er predigt dem rückständigen Pakistan das Prinzip einer "gemäßigten Aufklärung", um es zu modernisieren und endlich aus der Armut herauszuführen.

Und schließlich ging Musharraf wegen des Erdbebens indirekt sogar auf Distanz zu Washington, indem er den geplanten Kauf von 75 Jagdbombern des Typs F-16 auf Eis legte. Über seinen Botschafter am Potomac ließ er deutlich genug ausrichten: "Es ist unser Gefühl, dass wir das Geld dringend für die Opfer des Erdbebens benötigen."

Neu ist auch, dass Musharraf, ähnlich wie Castro, jetzt die Volksgesundheit zum Thema macht. Er appelliert an fachärztliche Berufsgruppen und hielt Anfang der Woche die Augenärzte an, die Vorbeugung voranzutreiben und das Schicksal von 2,5 Millionen blinden Pakistanern nicht zu vergessen.

Castro freilich ist da schon viel weiter. Sein jüngstes gesundheitliches Großprojekt heißt "Operation Wunder": In den nächsten zehn Jahren will Kuba sechs Millionen bedürftigen Lateinamerikanern die Operation des Grauen Stars ermöglichen.

Mit noch mehr Inbrunst kurbelt er auf seiner Insel die Ausbildung von Ärzten an. Inzwischen gibt es auf Kuba 21 sogenannte Medizinschulen, an denen jährlich 3000 Ärzte ihre Ausbildung beenden. Und erst 1999 richtete Castro höchstpersönlich eine weitere Ärzteschmiede ein: die Lateinamerikanische Hochschule für Medizin in Havanna, an der 10.000 angehende Ärzte aus 28 Ländern studieren.

Inzwischen gibt es auf Kuba 70.000 Ärzte und damit ein Überangebot. Castro entsendet deshalb einen Teil von ihnen ins Ausland - ob nach Guatemala, um den Opfern der dortigen Flut zu helfen, oder nach Simbabwe zum Kampf gegen Aids. Allein l7.000 kubanische Mediziner (und 3000 Sporttrainer) arbeiten in den Armenvierteln Venezuelas und ermöglichen damit ein bizarres Tauschgeschäft: Hugo Chavez, der linkspopulistische Staatschef Venezuelas, liefert dafür Erdöl billiger an Kuba.

Jene Ärzte, die jetzt in Pakistan dabei sind, sollten ursprünglich in die USA geschickt werden. Sie waren mit ihren Rucksäcken schon im Karl-Marx-Theater von Havanna aufmarschiert, um nach dem Hurrikan Katrina an die Golfküste des Erzfeinds im Norden zu reisen. Washington aber lehnte die Katastrophenpolitik von Fidel Castro ab. Stattdessen schickte dieser sein Ärzteheer nach Pakistan.



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