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Pakistan Der Foltertod des Terror-Reporters

Einen Tag lang hofften Familie und Freunde - vergeblich: Der entführte pakistanische Journalist Saleem Shahzad ist nahe der Hauptstadt tot aufgefunden worden. Er hatte zuvor einen Artikel veröffentlicht, demzufolge die pakistanische Marine von al-Qaida unterwandert sein soll.
Getöteter Journalist Shahzad: In den Bauch geschossen, Spuren von Folter

Getöteter Journalist Shahzad: In den Bauch geschossen, Spuren von Folter

Foto: AP/ Adnkronos/ Cristiano Camera

Er war am Sonntagabend gegen 18 Uhr von seinem Haus in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad losgefahren, er wollte zu einem Fernsehstudio. Doch Saleem Shahzad, 40, Korrespondent des in Hongkong ansässigen Nachrichtenportals "Asia Times Online" und der italienischen Nachrichtenagentur Aki, kam nie an. Er verschwand spurlos, ebenso sein Auto, ein schwarzer Toyota.

Gerüchte machten die Runde, der Geheimdienst ISI habe ihn entführt, um ihm "eine Lektion zu erteilen", wie ein Kollege Shahzads am Montag sagte. "Er hat Sachen berichtet, die vielen Leuten nicht gefallen dürften. Da muss man mit solchen Reaktionen rechnen."

Noch am Montag hofften die Angehörigen, Shahzad würde frei kommen. Seine Frau hatte einen anonymen Anruf erhalten, wonach der Mann "innerhalb von 24 Stunden zu Hause" sein solle.

Die Hoffnungen zerschlugen sich noch am selben Tag: Saleem Shahzad ist tot. Am späten Abend fand man zuerst sein Auto, etwa hundert Kilometer von Islamabad entfernt, später, einige Kilometer weiter in einem Kanal, seinen Leichnam. Man hatte ihm in den Bauch geschossen, sein Gesicht und der ganze Körper wiesen Spuren von Folter auf.

Mindestens 15 Wunden

Die Polizei teilte mit, dass Shahzad vermutlich an Leberversagen und an einem Riss der Lunge gestorben sei. "Bei der Autopsie wurden mindestens 15 Wunden entdeckt", teilte ein Sprecher mit. Auch seine Rippen seien gebrochen. "Es deutet alles auf Folter hin."

Der Organisation "Reporter ohne Grenzen" zufolge gilt Pakistan als das gefährlichste Land der Welt für Journalisten. Seit Anfang 2010 sind insgesamt 16 Reporter getötet worden - so viele wie nirgendwo sonst.

Shahzad war ein beliebter Gast in Talkshows, weil er als einer der wenigen Journalisten Zugang zu den Taliban und zum Terrornetzwerk al-Qaida hatte. Er interviewte Baitullah Mehsud, den Chef der pakistanischen Taliban, der 2009 von einer amerikanischen Drohne getötet wurde. Ihm gelang es, mit Ilyas Kashmiri zu sprechen, einem Dschihadisten mit Nähe zu al-Qaida, der in die Planung der Terrorangriffe auf die indische Metropole Mumbai im November 2008 verwickelt sein soll. Auch mit Sirajuddin Haqqani sprach er, Chef des berüchtigten Haqqani-Netzwerks, das Washington derzeit als größte Gefahr für die Sicherheit in der Region ansieht.

Zuletzt schrieb er einen Artikel über den Angriff von Terroristen auf die Marinekaserne im südpakistanischen Karatschi. Dort hatten vor einer Woche vermutlich sechs Männer einen Marinefliegerstützpunkt gestürmt, waren gezielt zu den Flugzeughangars gelaufen und hatten Aufklärungsmaschinen zerstört. Anschließend verschanzten sie sich im Inneren der Anlage. Rund 16 Stunden lang lieferten sie sich ein Gefecht mit den Sicherheitskräften. Selbst hochrangige Offiziere räumten ein, ein solcher Angriff sei ohne Insiderwissen kaum möglich.

Schwere Vorwürfe gegen den Geheimdienst

Shahzad schrieb von einer "beträchtlichen Unterwanderung" der pakistanischen Marine durch al-Qaida. Es sei klar, dass die Militanten von Marineoffizieren Informationen erhalten hätten. Der Angriff sei erfolgt, nachdem Gespräche zwischen der Marineführung und al-Qaida über die Freilassung von Offizieren gescheitert seien, denen Verbindungen zu dem Terrornetzwerk nachgesagt worden waren. Die Militanten befürchteten, dass durch die Befragung der Verhafteten weitere Qaida-treue Offiziere verhaftet werden könnten. Die Marine lehnte eine Freilassung ab.

Die pakistanischen Fernsehsender beschuldigen nun den ISI, Shazad entführt und getötet zu haben. Auch Ali Dayan Hasan, Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Pakistan, sagt, er habe "seine Fühler ausgestreckt" und "glaubwürdige Hinweise" erhalten, dass Shahzad in Gewahrsam des Geheimdienstes war. "Wir wissen nicht, ob der ISI ihn getötet hat. Aber Art und Weise, wie er getötet wurde, stimmen überein mit den Spuren bei anderen Morden, in die der Geheimdienst verwickelt war", erklärte Hasan.

Mehrere pakistanische Zeitungsreporter, die namentlich nicht genannt werden wollten, erklärten dagegen, alles deute vielmehr auf eine Tötung Shahzads durch Militante hin. "Der ISI entführt Journalisten, die zu kritisch sind und Dinge schreiben, die dem Geheimdienst nicht passen. Die Kollegen werden geprügelt, bekommen eine Warnung und kommen dann wieder frei", sagte einer. "Dass Shahzad zu Tode gefoltert wurde, deutet eher auf Extremisten hin." Führende Qaida-Mitglieder hätten sich über Shahzads Berichterstattung geärgert, vor allem darüber, dass er ihre Verbindung zu den pakistanischen Streitkräften publik gemacht hatte.

Die Tageszeitung "Daily Times" fasst es so zusammen: Journalisten in Pakistan "werden sowohl von Militanten als auch von unseren Geheimdiensten bedroht. Wenn Journalisten gegen Terroristen sprechen oder schreiben, werden sie bedroht. Wenn sie die Verbindungen des Militärs mit Terroristen aufdecken, werden sie drangsaliert". Die Ermordung Shahzads sei so oder so ein Signal an Journalisten in Pakistan, nämlich dass sie getötet werden können, wenn sie die Wahrheit berichten.

Hauptverdächtiger bleibt jedoch nach wie vor der ISI. Shahzad war bereits im Oktober 2010 in das Hauptquartier des ISI in Islamabad einbestellt worden. Einen Tag später schrieb er eine E-Mail an Human Rights Watch, in der er ein Treffen mit zwei hochrangigen Geheimdienstoffizieren beschrieb. Sie hätten von ihm eine Erklärung eines Artikels verlangt, in dem er über eine Freilassung von Mullah Abdul Ghani Baradar, einem hochrangigen afghanischen Taliban-Kommandeur, aus pakistanischer Haft schrieb. Baradar war im Februar 2010 in Karatschi verhaftet worden. Man habe ihm, Shahzad, freundlich nahegelegt, einen Widerruf des Artikels zu schreiben. Die Geschichte habe dem Land geschadet, Shahzad möge künftig "patriotischer" schreiben. Shahzad lehnte seinerzeit ab.

"Vielleicht ist sein Tod eine Botschaft an uns alle"

Nach Informationen des Magazins "Newsweek" soll einer der beiden Offiziere zum Abschied eine doppeldeutige Bemerkung gegenüber Shahzad gemacht haben: Man habe gerade einen Terroristen verhaftet, der eine Menge Material bei sich gehabt habe, einschließlich einer Todesliste. "Sollte ich Ihren Namen auf dieser Liste finden, werde ich Sie gewiss informieren", zitierte Shahzad den Offizier in seiner E-Mail an Human Rights Watch.

Shahzad hatte die E-Mail an die Menschenrechtsorganisation geschickt für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte. Ali Dayan Hasan sagt, Shahzad habe nach diesem Gespräch im ISI-Hauptquartier regelmäßig Drohanrufe bekommen und sei verfolgt worden. "Aber er hatte sich daran gewöhnt und sich nichts daraus gemacht."

Der ISI steht in Pakistan, aber auch international unter gehörigem Druck, seitdem am 2. Mai ein US-Kommando im nordpakistanischen Abbottabad Osama Bin Laden aufgespürt und getötet hat. Der Geheimdienst muss sich seither die Frage gefallen lassen, ob er von dem Versteck des Qaida-Chefs und meistgesuchten Terroristen der Welt mitten in der hoch gesicherten Garnisonsstadt gewusst hat - oder ob er so inkompetent ist, von seiner mehrjährigen Anwesenheit nichts mitbekommen zu haben.

"Vielleicht ist der Tod von Shahzad eine Botschaft an uns alle, nämlich dass wir aufhören sollen, kritische Dinge zu schreiben", mutmaßt ein Journalist. Ein anderer ergänzt: "Wenn irgendjemand glaubt, uns einschüchtern zu können, haben die sich gewaltig getäuscht."

Shahzads Leichnam war kurz nach dem Fund von der Polizei begraben, später aber zur Identifizierung exhumiert worden. Angehörige identifizierten den Mann anhand von Fotos.

Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani versprach eine rasche Aufklärung und ordnete eine Untersuchung an. Shahzads Witwe will davon nichts wissen. Sie sagte am Mittwoch, ginge es nach ihr, sollte der Fall mit ihrem Mann begraben werden. Sie habe in den vergangenen Jahren viel durchgemacht. Shahzad war vor fünf Jahren von Taliban entführt worden, kam jedoch unversehrt frei. Im August entkam er knapp einem Attentat in Islamabad. Jetzt hoffe sie, dass ihr Mann endlich den Frieden habe, den er verdiene.

Shahzad hinterlässt drei Kinder.