Pakistan Der geheime Ausbau der atomaren Schlagkraft

Weltweit herrscht große Besorgnis über den indisch-pakistanischen Kaschmir-Konflikt. Nicht ohne Grund: In den geheim gehaltenen Waffenfabriken im Norden Pakistans arbeiten Nuklear-Experten rund um die Uhr, um waffenfähiges Uran herzustellen.


Indische Soldaten sind im von Indien kontrollierten Teil von Kaschmir auf der Hut
AFP

Indische Soldaten sind im von Indien kontrollierten Teil von Kaschmir auf der Hut

Islamabad - Zia Mian, ein pakistanischer Physiker, der an der Princeton-Universität im US-Staat New Jersey arbeitet, kennt die pakistanischen Verhältnisse. Er sagt, sein Mutterland befinde sich in einem Wettlauf mit Indien. Beiden Seiten gehe es zur Zeit darum, ihre Waffenarsenale auszubauen - das beinhaltet die Atomwaffenarsenale. "Die pakistanischen Urananlagen arbeiten, so weit wir wissen, in drei Schichten rund um die Uhr", sagt Mian. Seiner Einschätzung nach könnte sich Pakistan zu einem Atomschlag entschließen, wenn es der übermächtigen indischen Armee gelingen würde, auf pakistanisches Gebiet vorzustoßen oder wenn Indien eine Seeblockade gegen Pakistan erreichen würde.

Experten-Schätzungen zu Folge hat Indien bisher rund 50 bis 100 Plutonium-Sprengköpfe hergestellt, Pakistan zwischen 30 und 50. Nach Angaben des US-Politologen David Albright hat jeder dieser Sprengköpfe etwa die Schlagkraft einer Hiroshima-Bombe, also von rund 15.000 Tonnen TNT.

Pakistan: "Ghauri"-Rakete vor dem Test
REUTERS

Pakistan: "Ghauri"-Rakete vor dem Test

Pakistan hat im Unterschied zu Indien keinen offiziellen Verzicht auf einen atomaren Erstschlag erklärt. "Das ist die Trumpfkarte Pakistans", sagt die Inderin Miriam Rajkumar von der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in Washington.

In den vergangenen Tagen hatte vor allem Indiens Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee die Spannungen um Kaschmir durch seine Äußerungen erhöht. Er sprach von Vorbereitungen seines Landes "für einen entscheidenden Sieg über den Feind". Pakistans Staatschef Pervez Musharraff konterte verbal, als er betonte, sein Land sei zu einem Krieg bereit. Vor islamischen Gelehrten bei einer Feier zum Jahrestag der Geburt des Propheten Mohammed sagte er: "Wir wollen keinen Krieg, aber wir haben auch keine Angst vor dem Krieg."

Musharraff lässt neue Raketen testen

Musharraff ließ prompt innerhalb von zwei Tagen zwei neue Raketentypen testen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Internationalen Appelle, unter anderem von Russland, den USA und China, ließen ihn offenbar kalt Bei dem Test am Sonntag wurde erstmals die neue Kurzstreckenrakete "Hataf-3" eingesetzt, die auch unter der Bezeichnung "Ghaznavi" geführt wird. Die Rakete hat eine Reichweite von 290 Kilometern und kann mit einem Atomsprengkopf bestückt werden.

Der Test sei das Ergebnis von jahrelanger Entwicklungsarbeit, hieß es in einer Erklärung der pakistanischen Streitkräfte. Am Samstag hatten die Streitkräfte eine Mittelstreckenrakete vom Typ "Ghauri" gezündet und erklärt, die bis Dienstag andauernde Testserie habe nichts mit den gegenwärtigen Spannungen im Verhältnis zu Indien zu tun. Musharraf hatte bekannt gegeben, dass die "Ghauri" 1500 Kilometer weit geflogen sei und ihr Ziel genau getroffen habe.

Pakistanische Soldaten laufen an der Grenze zu Indien Patrouille
AP

Pakistanische Soldaten laufen an der Grenze zu Indien Patrouille

Musharraf gratulierte auf der Veranstaltung ausdrücklich seinem Berater und ehemaligen Leiter der Atomenergie-Kommission, Ishfaq Ahmed Khan: "Das ist der Mann, der für diesen Erfolg verantwortlich ist", sagte er. Pakistan und Indien führten 1998 erfolgreich Atomwaffentests durch und gelten seitdem offiziell als Atommächte.

Putin will Musharraf und Vajpayee einladen

Der Raketentest stieß auf internationale Kritik. "Wir sind darüber enttäuscht", sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Außenminister Colin Powell erklärte, die Lage sei sehr gefährlich. Er hoffe, dass die Konfliktstaaten sich im Klaren seien, dass sie sich an einem kritischen Punkt befänden.

Um diesen kritischen Punkt zu entschärfen, will der russische Präsident Wladimir Putin die Führer Indiens und Pakistans zu einem Gipfeltreffen über den Kaschmir-Konflikt nach Russland einladen. "Ich hoffe, dass sie kommen, um mit uns gemeinsam zu beraten und eine Ausweitung des Konflikts zu verhindern", sagte Putin am Samstag in Gegenwart von US-Präsident George W. Bush in St. Petersburg.

Die Einladung an den indischen Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee und den pakistanischen Machthaber Pervez Musharraf solle in den ersten Junitagen ergehen. Auch Putin bedauerte den pakistanischen Raketentest.

Fischer besorgt über Gefahr eines Atomkriegs

Bundesaußenminister Joschka Fischer zeigte sich in einem Zeitungsinterview besorgt über eine "drohende Nuklearisierung des Konflikts". Wichtig sei, dass der "grenzüberschreitende Terrorismus in Kaschmir unterbunden wird, und das wird vor allen Dingen von der pakistanischen Seite zu leisten sein", sagte Fischer der "Welt am Sonntag".

Auch die Chinesen werden wegen des Kaschmir-Konflikts diplomatisch aktiv. Außenminister Tang Jiaxuan rief seinem indischen Kollegen Jaswant Singh an und forderte beide Atommächte auf, in ihrer Konfrontation wegen des Himalaja-Gebiets Kaschmir "höchste Zurückhaltung" zu üben.

Pakistan hatte sich in den vergangenen Tagen zunächst zu Gesprächen bereit erklärt. Vajpayee hatte dies jedoch abgelehnt, solange die Gewalt nicht eingedämmt sei.

Angeblich nur "Routinetests"

Präsident Musharraf: Säbelrasseln statt Schlichten
AP

Präsident Musharraf: Säbelrasseln statt Schlichten

Am Freitag hatte die pakistanische Regierung erklärt, dass es sich um Routinetests aus technischen Gründen handele. Man habe Indien wie auch die anderen Nachbarländer über die Tests informiert. "Wir haben Indien auch mitgeteilt, dass diese Tests nichts mit der derzeitigen Situation zu tun haben", erklärte Informationsminister Anwar Mahmood. Der Abschuss vom Samstag war der erste große pakistanische Raketentest seit 1999. Indien reagierte betont gelassen auf den Test: "Die indische Regierung ist nicht sonderlich von diesen Raketen-Possen beeindruckt", sagte Regierungssprecherin Nirupama Rao.

Indien und Pakistan stehen sich in Kaschmir, das in einen indischen und pakistanischen Teil geteilt ist, mit insgesamt einer Million Soldaten gegenüber. Seit einem Angriff auf ein indisches Militärlager in der vergangenen Woche, bei dem 34 Menschen - überwiegend Frauen von Soldaten und Kinder - getötet wurden, sind die Spannungen zwischen beiden Ländern auf dem Siedepunkt.

Indien machte von Pakistan aus operierende muslimische Extremisten für den Überfall verantwortlich. In Artillerieduellen wurden Dutzende von Menschen auf beiden Seiten der Grenze getötet. Der indische Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee bekräftigte am Samstag, er sei mit seiner Geduld fast am Ende, auf die Erfüllung pakistanischer Zusagen für ein Vorgehen gegen militante Muslime in Kaschmir zu warten.



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