Pakistan Der unheimliche Alliierte

Bei ihrem geplanten Feldzug gegen den Terrorismus sind die Generäle unter US-Präsident Bush auf massive Hilfe islamischer Geheimdienstler aus Pakistan angewiesen. Doch die Agenten haben jahrelang die Taliban unterstützt und sind tief in den blutigen Glaubenskrieg verstrickt.

Von Mathias Müller von Blumencron


Osama Bin Laden: Verbindungen nach Pakistan
EPA/DPA

Osama Bin Laden: Verbindungen nach Pakistan

Washington - Im Hauptquartier des amerikanischen Geheimdienstes CIA geht es in diesen Tagen äußerst hektisch zu. Schwarze Limousinen preschen immer wieder über die vierspurige Hauptstraße von Langley, einem Vorort der US-Hauptstadt Washington. Abgesandte der wichtigsten Aufklärungsdienste dieser Welt finden sich ein, sie sollen den Amerikanern bei der Fahndung nach den Hintermännern des schlimmsten Terroranschlages der Geschichte helfen.

Ende vergangener Woche trafen die Aufklärer einen ganz besonderen Gast. Mahmud Achmed, Chef des berüchtigten pakistanischen Geheimdienstes ISI, gab sich die Ehre, nachdem sein Präsident, General Pervez Musharraf, den Amerikanern seine Unterstützung versichert hatte. Gemeinsam sollten die Beteiligten herausfinden, wie man in den nächsten Wochen und Monaten besser zusammenarbeiten könne. Zudem hatte Präsident George W. Bush die Pakistaner aufgefordert, einen umfassenden Geheimdienstbericht über die Aktivitäten des mutmaßlichen Top-Terroristen Osama Bin Laden und dessen Kontakte mit pakistanischen Extremisten vorzulegen.

Taliban-Soldaten: Nachschub aus Karatschi
AP

Taliban-Soldaten: Nachschub aus Karatschi

Der Besuch des Pakistaners verdeutlicht, auf welch heikles Terrain sich die Amerikaner bei ihrer geplanten Vergeltungsaktion begeben müssen, welch zweifelhafte Alliierte sie suchen. Wollen die Militärs tatsächlich die Hintermänner der Anschläge in Afghanistan aufspüren, reichen weder die besten Satellitenbilder, noch super trainierte Navy-Seals. Auch amerikanischen Militärexperten ist längst klar: Ein Krieg gegen Terroristen wird nicht durch Waffenübermacht, sondern überlegene Aufklärung gewonnen. Ohne die Unterstützung von Geheimdienstlern vor Ort ist der Erfolg einer Mission gegen Bin Laden äußerst zweifelhaft.

Kein Geheimdienst kennt sich besser aus in der mörderischen Welt der Glaubenskrieger als der pakistanische Dienst Inter Services Intelligence (ISI), einer der mächtigsten und am besten ausgestatteten Geheimdienste der islamischen Welt. Doch der Dienst ist ausgerechnet mit den Gruppen aufs Engste verflochten, die der amerikanische Präsident als Hintermänner und Mitverantwortliche der brutalsten Terroristenattacke der Geschichte ausgemacht hat.

Pakistanische Agenten unterstützen das grausame Regime der Kabuler Taliban, obwohl sie es nie offiziell zugegeben haben. Sie fördern fanatische Islamisten-Gruppierungen, die der Welt den "Heiligen Krieg" erklärt haben. Nach Ansicht westlicher Aufklärer sind sie tief verstrickt in Schmuggel, Korruption und Waffenhandel. Für die Inder sind sie die Hintermänner von Flugzeugentführungen und Terrorattentaten im Kaschmir-Konflikt.

Ob die Geheimdienstler deshalb tatsächlich den Amerikanern beistehen werden oder womöglich eher den Gejagten, ist völlig unklar. Der Versuch, sie für amerikanische Interessen einzuspannen, scheint so verwegen wie einstmals eine Allianz mit Ostblock-Agenten. Selbst milliardenschwere Versprechen an das bankrotte pakistanische Regime würden die ISI-Geheimen nicht zu verlässlichen Kumpanen machen.

Der Agenten-Dienst ISI wurde 1948 als ein bescheidener Militär-Dienst konzipiert. Beheimatet am Shahrah-i-Suhrawardy Boulevard in der Hauptstadt Islamabad, gewann er besonders im Afghanistan-Konflikt politische Bedeutung und Macht. Schon damals gab es enge Verbindungen zum CIA. Mit amerikanischer Billigung kontrollierte der ISI jahrelang das schmutzige Waffengeschäft mit den Freiheitskämpfern im Kampf gegen die russischen Besatzer. Schon bald unterstützten seine Agenten, ihre Stärke wird auf weit über 10.000 Mann geschätzt, die fundamentalistischen Taliban, auch dies zu Beginn noch mit dem Einverständnis der Amerikaner.

Pakistan: Offene Grenzen
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Sie halfen bei der Besorgung von Waffen in Hongkong und der Golfregion. Sie sorgten dafür, dass Lkw die heiße Ware in versiegelten Containern von der pakistanischen Hafenstadt Karatschi in das unzugängliche Gebirgsland schaffen konnten, offiziell gedeckt von einem Transitabkommen zwischen den Regierungen in Islamabad und Kabul. Sie tolerierten den lukrativen Opiumschmuggel, mit denen sich die Clans finanzierten. Und sie unterhielten zuletzt sogar ein Telefonnetz für die Taliban-Kader.

Stets behielten die ISI-Männer ihre eigenen Interessen im Auge, waren verstrickt in Korruption und Unterschlagung. Als die US-Regierung während der achtziger Jahre Milliarden Dollar für Waffenkäufe der afghanischen Mudschahidin bereitstellte, zweigten die Geheimdienstler nach Angaben des Magazins "Jane's Defense Weekly" einen Großteil davon ab. Noch heute, so berichtet ein früherer ISI-Mann, habe der Dienst aus dieser Zeit drei Millionen AK-47 Gewehre in seiner Obhut, sauber verpackt und geölt.

Militärfachleute schätzen, dass es unter den gewöhnlichen pakistanischen Soldaten allenfalls fünf Prozent Fundamentalisten gebe, unter den ISI-Führungskadern dagegen um die 30 Prozent. Im Gegensatz zur Armee ist der Geheimdienst traditionell eher von Paschtunen beherrscht, der gleichen Volksgruppe, aus der auch die meisten Taliban-Kämpfer stammen. Zu den paschtunischen Clan-Chefs im "Gürtel der Anarchie", wie das wilde Grenzland zwischen Pakistan und Afghanistan genannt wird, unterhalten die ISI-Männer beste Beziehungen. Sie konnten sich stets auf unzählige Gewährsleute stützen, die in der Grauzone zwischen Schmuggel und offiziellem Handel operierten. So förderten sie nebenbei einen Morast, der noch heute das Gefüge der pakistanischen Gesellschaft gefährdet.

Kaschmir-Konflikt: Gesteuert vom Geheimdienst
Reuters

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Am gefährlichsten allerdings erscheinen westlichen Beobachtern die Verbindungen der ISI-Agenten zu radikalen Muslim-Organisationen, die sich im Krieg um das teilweise zu Indien gehörende Kaschmir engagieren. Nach ihren Angaben unterstützt der ISI die radikal-muslimischen Organisationen wie "Harkat ul-Mudschahidin" (HuM) und "Laschkar e-Taiba" (LeT), die um die Gebirgsregion einen "Heiligen Krieg" führen.

Dazu hatten sie im Februar 1998 eine Fatwa mitunterzeichnet, ein Rechtsgutachten, das den Kampf gegen Israelis und Amerikaner zur religiösen Pflicht erklärte. Die HuM wird von den Amerikanern offiziell als Terrororganisation geführt. Sie soll Verbindungen zu dem Terrorfürsten Bin Laden haben, hinter der Entführung einer indischen Verkehrsmaschine stecken, etliche Anschläge verübt und Hunderte ihrer Anhänger zur Verstärkung der Taliban in den afghanischen Bürgerkrieg geschickt haben. LeT soll 160 Schulen in Pakistan unterhalten und damit indirekt immer neue Glaubenskrieger hervorbringen.

Der frühere ISI-Chef Hamid Gul, einstmals ein Verbündeter des Westens, beschrieb kürzlich in einem Interview, was offenbar viele der ISI-Agenten denken. Der Westen habe Pakistan im Stich gelassen, besonders im Kampf gegen Indien, schimpft Gul: "Die Amerikaner haben alles falsch gemacht", sagt er. Zu den terroristischen Methoden befragt, mit welchen die Dschihadis kämpfen, antwortet er: "Welche terroristischen Methoden? Wo Dschihad ist, gibt es keinen Terrorismus."



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