Pakistan Fanatiker fordern Burkas für Schulmädchen

Die Rote Moschee ist gestürmt - doch die Islamisten in Pakistan eifern weiter. Radikale Mullahs terrorisieren das Tal von Swat, in dem 1,5 Millionen Menschen leben. Ins Visier der Prediger geraten vor allem Eltern, die ihre Töchter auf Mädchenschulen schicken.

Von Joachim Hoelzgen


Hamburg - Die zwölf Jahre alte Ghazala Shaheen ist müde und durstig. Sie trägt ein Kopftuch aus Baumwolle, das aber nur wenig Schutz vor der sengenden Sonne und dem Staub bietet, der in Peschawar allgegenwärtig ist. Ghazala Shaheen sucht eine Schule, und der Uno-Nachrichtendienst Irin hat die Suche vor kurzem beschrieben - eine schwierige, in diesem Teil Pakistans gefährliche Odyssee.

Ghazala Shaheen ist das Opfer eines Kulturkampfs, der in ihrer schönen Heimat ausgetragen wird - dem großen Tal des Swat-Flusses nordöstlich von Peschawar. Dort stehen der Sommerweizen jetzt am höchsten und die Hibiskussträucher in voller Blüte. Berge umrahmen das Tal, tosende Bäche und sattgrüne Weiden geben das Bild eines fotografischen Hochglanzidylls ab.

Für ein Mädchen wie Ghazala Shaheen aber gibt es im Distrikt Swat so gut wie keine Zukunft mehr. Radikale Mullahs terrorisieren das Tal, in dem 1,5 Millionen Menschen leben. Sie prangern "korrupte, unislamische Praktiken" an – bei Männern das Rasieren und das Tragen von Jeans durch junge Frauen. Selbst Klingelton-Musik von Mobiltelefonen ist den Mullahs verdächtig.

Propaganda über Ultrakurzwelle

Die Geistlichen sind dabei, das ganze Tal in eine Art Rote Moschee zu verwandeln. Sie haben hier und in der Malakand Agency 25 Radiostationen eingerichtet, über die sie Propaganda machen – und vor allem Mädchenschulen ins Visier nehmen.

Schulen insgesamt sind eine Konkurrenz für die Madrassen, die Koranschulen der Mullahs. Mädchen aber, die täglich unterrichtet werden, stehen dem mittelalterlichen Tun der Prediger erst recht entgegen. Sie sind keine Kandidatinnen für die Vorschriften der "Purdah", die ihnen im Erwachsenenalter ausschließlich eine Rolle hinter den Mauern ihres Hauses zuweist - und die Burka als Gewand, wenn sie es einmal verlassen, um etwa zum Markt zu gehen.

Der Vater von Ghazala Shaheen möchte nicht, dass sich das Leben seiner Tochter in der Zukunft so zusammenzieht. Jan Mohammed Khan hat mit Ghazala Shaheen an diesem Tag fünf Schulen in Peschawar besucht, der Hauptstadt der pakistanischen Nordwestprovinz. Sie sind bei Verwandten untergekommen, und Ghazala Shaheen greift in der brütenden Hitze immer wieder zum Wasserglas. "Im Tal von Swat gibt es so viele Drohungen gegen Lehrer und Schülerinnen, dass wir wahrscheinlich ganz nach Peschawar umziehen", zitiert Irin den besorgten Jan Mohammed Khan.

Der Uno-Nachrichtendienst berichtet von vier Mädchenschulen, die in den vergangenen zwölf Monaten von Fanatikern mit Bomben angegriffen wurden. In Mardan auf dem Weg nach Swat hatten sie zuvor anonyme Briefe an die Schulen geschickt und Lehrerinnen und die Kinder aufgefordert, sich zu verschleiern oder gleich die Burka anzulegen.

300 neue Mädchenschulen

Weil im Swat auch Barbiere bedroht werden, die Männer rasieren, hat sich Jan Mohammed Khan selbst einen Vollbart wachsen lassen. Doch vom Bildungsziel für seine Töchter lässt er allen Beklemmungen zum Trotz nicht ab. Die Schule könnte das Sprungbrett nach Islamabad oder Lahore bedeuten, und Bildung werde ihnen behilflich sein, einmal "die eigene Familie und die Kinder voranzubringen", ist Khan überzeugt. Dafür ist er auch bereit, die Schulgebühren in der Millionen-Metropole Peschawar zu zahlen - 2000 Rupien pro Jahr, das sind 33 Dollar.

Es ist nicht so, dass die Regierung in Islamabad die Einschulung von Mädchen in der Nordwestprovinz verschlafen oder gar hintertrieben hat. Die Anzahl der Frauen, die lesen und schreiben können, hat in den letzten Jahren zugenommen, und seit 2002 sind 300 Mädchenschulen in der Provinz neu eingerichtet worden. All das aber hat den Zorn der Mullahs offenbar nur noch gesteigert – vor allem den von Maulana Fazlullah, 33, des religiösen Chefeinpeitschers im Swat.

Fazlullah kommandiert die verbotene Organisation Tehreek-e-Nafaz-e-Shariat-e-Mohammadi (zu deutsch: Bewegung für die Durchsetzung des islamischen Rechts) und unterstützt in dieser Eigenschaft lautstark die Taliban.

Und natürlich betreibt Fazlullah eine Madrassa und einen der UKW-Sender. In ganz Pakistan wurde er bekannt und berüchtigt, weil er bei einer seiner Ansprachen verlangte, Kinder nicht mehr zur Polio-Schutzimpfung zu schicken. Die Impfung gegen Kinderlähmung sei "Teil einer amerikanisch-jüdischen Verschwörung", deren Ziel es sei, die Muslime zu sterilisieren, geiferte der Geistliche.

Für diese Äußerung hätte man Fazlullah sofort zum Arzt schicken sollen, doch die konservative Provinzregierung in Peschawar beließ es bei einer Einvernahme und dem Versprechen, nicht mehr gegen die Schutzimpfung zu hetzen.

Stattdessen ließ der Maulana - eine Art Mullah mit Promotion – Bewaffnete aufmarschieren, als in Islamabad die Kämpfe um die Rote Moschee begannen. Tausende seiner Krieger seien zum Heiligen Krieg bereit und würden die Opfer der Roten Moschee rächen, rief Fazlullah den Männern zu.

Ausritt auf Schimmel

Die Weltsicht des Eiferers, der wie früher Osama Bin Laden einen Schimmel reitet, vergiftet die Atmosphäre des Swat. Die Angestellten von Hilfswerken denunziert Fazlullah als "ausländische Agenten" und Frauen des Gesundheitsdiensts als "Sünderinnen". Ohne Folgen ist das nicht geblieben. Badar Zaman zum Beispiel, der im Swat ein Schulprogramm für Mädchen leitet, hat bisher zwölf Todesdrohungen erhalten. "Wir werden zu Fremden in der Heimat gemacht", sagt er. "Niemand wagt es, Fazlullah zu widersprechen."

Das aber könnte sich ändern, falls Präsident Pervez Musharraf den Mut hat, nach dem Fall der Roten Moschee die Hassprediger weiter zurückzudrängen. Fazlullah steht nach Aussagen hoher Regierungsbeamter auf der Liste ganz oben.

Bis dahin gilt, was die kleine Ghazala Shaheen sagt: "Ich mache mir Sorgen um die Mädchen, die aus der Schule vertrieben werden. Sie versuchen, daheim zu lernen, aber das ist hart."



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