Pakistan Internationale Ermittler sollen Bhutto-Mord aufklären - Neuwahlen um sechs Wochen verschoben

Neuer Termin: Die pakistanische Parlamentswahl wird erst am 18. Februar stattfinden. Wer hinter dem Mord an Benazir Bhutto steckt, ist ungeklärt - Präsident Musharraf will ausländische Ermittler verpflichten. Es kursieren Spekulationen über eine Verschwörung.


Islamabad - Die Wahlkommission erklärte in Islamabad, die Einhaltung des ursprünglich angesetzten Termins am 8. Januar sei unmöglich - nun wird die Parlamentswahl auf den 18. Februar verschoben. Zur Begründung verwies der Leiter der Wahlkommission, Qazi Mohammed Farooq, auf das Chaos nach der Ermordung von Oppositionsführerin Benazir Bhutto.

Bhutto-Anhänger in Islamabad: Wer steckt hinter dem Mord?
REUTERS

Bhutto-Anhänger in Islamabad: Wer steckt hinter dem Mord?

Deshalb sei die Verschiebung um sechs Wochen notwendig geworden. Die beiden großen Oppositionsparteien haben gefordert, dass die Wahl wie ursprünglich geplant stattfinden sollte. Sie werfen der Regierung vor, mit der Verschiebung eine sonst zu erwartende Niederlage abwenden zu wollen. Viele Beobachter rechnen damit, dass die Pakistanische Volkspartei (PPP) des Attentatsopfers Bhutto bei einer Wahl in der nächsten Woche von einem Sympathieschub profitieren könnte.

In Kürze will sich Pakistans Präsident Pervez Musharraf in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung wenden. Nach Angaben eines Beraters wird er dabei um internationale Hilfe zur Aufklärung des Mordes an der Oppositionsführerin bitten. Die Regierung fühle sich einer "gründlichen und transparenten Untersuchung" verpflichtet, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Sie sei deshalb "offen für Hilfe von außerhalb". Frankreich, die USA und Großbritannien boten ihre Unterstützung bei den Ermittlungen an.

Forderungen von Bhutto-Anhängern, die Vereinten Nationen sollten die Ermittlungen übernehmen, lehnte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, der sich derzeit zu einem zweitägigen Kondolenzbesuch in Islamabad aufhält ab. "Ich befürchte, es dürfte schwierig werden, die Uno einzuschalten", erklärte er. Bhutto-Witwer Asif Zardari hatte die Uno-Ermittlungen verlangt - "wie im Mordfall des libanesischen Politikers Hariri". Kouchner sagte, für ein Einschalten der Uno sei die Verwicklung eines weiteren Staates erforderlich, nur dann dürfe die Uno der Uno-Charta zufolge "vermitteln und ermitteln". Im Fall Hariri war das Syrien. Es sei beim Mord an Bhutto aber "sehr unwahrscheinlich", so Kouchner, dass ein dritter Staat darin verwickelt sei.

In seiner Rede will Musharraf außerdem zur Einheit des Landes aufrufen: "Der Präsident wird die Notwendigkeit der Einheit der Nation betonen", sagte ein Regierungsvertreter in Islamabad. Nach dem Attentat auf Bhutto am vergangenen Donnerstag starben in Pakistan bei Ausschreitungen fast 60 Menschen.

Musharraf gerät nach Vorwürfen einer Geheimdienstverschwörung immer mehr unter Druck: Gestern hatte die "Times" berichtet, dass Bhutto kurz vor ihrem Tod Beweise veröffentlichen wollte, die ein Komplott des Geheimdienstes und der Wahlkommission belegten. Der tödliche Anschlag am Donnerstagabend in Rawalpindi habe diese Enthüllungen verhindert, sagte Senator Latif Khosa von Bhuttos pakistanischer Volkspartei PPP. Bhutto habe die Beweise in Form eines 160-Seiten-Dokuments auch zwei US-Parlamentariern überreichen wollen, die sich in der vergangenen Woche in Pakistan aufhielten.

"Im Falle dessen, dass während der Wahl ein Oppositionskandidat zu viele Stimmen bekommt, wollten die Unterstützer von Präsident Musharraf Krawalle in den Wahllokalen organisieren und wenn nötig, auch Menschen töten", heißt es in Auszügen aus dem Report, den die Online-Ausgabe von CNN veröffentlichte. Damit sollte die Wahl den Angaben zufolge um mindestens drei bis vier Stunden künstlich verschoben werden.

Die Regierung plante dem Report zufolge außerdem, Wahllisten und Stimmzettel zu fälschen und "Oppositionskandidaten einzuschüchtern". Von den USA geliefertes technisches Equipment sollte dafür missbraucht werden, Telefongespräche zwischen Kandidaten der Gegenseite abzuhören und die Wahlcomputer zu manipulieren. "90 Prozent der technischen Ausrüstung, mit der die USA die pakistanische Regierung im Kampf gegen den Terrorismus ausgestattet hat, wird benutzt, um politische Gegner auszuspionieren", heißt es laut CNN in dem Dossier.

Die pakistanische Regierung wies die Verdächtigungen zurück. Der Sprecher von Präsident Musharraf, Rashid Qureshi, nannte die Vorwürfe "lächerlich" und betonte, die Wahl werde "frei, fair und transparent" ablaufen.

164.000 Dollar für Identifizierung der Attentäter

Die Todesumstände der Oppositionsführerin bleiben eine Woche nach dem Anschlag ein Rätsel: Viele Pakistaner vermuten alte Feinde Bhuttos hinter der Tat - möglicherweise aus dem Umfeld der mächtigen Sicherheitsdienste des Landes. Die Regierung erklärte, Bhutto habe sich während des Anschlags einen Schädelbruch zugezogen. Die Anhänger der Politikerin sagen dagegen, sie sei erschossen worden. Die pakistanische Regierung macht al-Qaida für die Tat verantwortlich. Die Terror-Organisation weist eine Beteiligung jedoch zurück.

Nach der Ermordung Bhuttos schrieben die pakistanischen Behörden eine Belohnung für Hinweise auf die mutmaßlichen Täter aus. Sie veröffentlichten in einer Zeitung das Foto von zwei Männern, die kurz vor dem Mordanschlag in einer Menschenmenge auf einen Wahlkampfauftritt der Ex-Regierungschefin warteten.

Das Foto der beiden Männer war bereits von einem Fernsehsender veröffentlicht worden. Nach Berichten des Senders soll einer der Männer der Selbstmordattentäter sein, der die Bombe zündete. Weitere Fotos und Filmaufnahmen zeigen zudem, wie der andere Mann auf Bhutto schießt.

Auf einer weiteren Aufnahme war der abgetrennte Kopf des mutmaßlichen Selbstmordattentäters zu sehen. Für Hinweise, die zur Bestimmung der Täter führen, sollten 164.000 Dollar gezahlt werden, teilte das Innenministerium der Provinz Punjab mit. In Punjab liegt der Ort Rawalpindi, wo Bhutto am vergangenen Donnerstag bei dem Anschlag starb.

flo/amz/AFP/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.