Pakistan-Krise Bushs Alptraum

Der US-Präsident hat in Pakistan alles auf eine Karte gesetzt - und droht alles zu verlieren. Sein Freund Pervez Musharraf zeigt sich als machtversessener Diktator. Die USA halten weiter an ihm fest - notgedrungen. Ihre Demokratisierungsagenda erweist sich als Popanz.

Von , Washington


Washington - Die demokratischen Präsidentschaftskandidaten debattierten in Philadelphia, der Schlagabtausch wurde immer heftiger. Hillary Clinton, John Edwards und Barack Obama rangen am vorigen Dienstag um die richtige Strategie zum Umgang mit Iran und seinem Nuklearprogramm. Bis Joseph Biden, ein weiterer Kandidat und Vorsitzender des mächtigen Außenpolitikausschusses im US-Senat, der Kragen platzte. Warum hier eigentlich nur immer von Iran die Rede sei. "Gut, die Iraner haben 2,6 Kilogramm angereichertes Uran", sagte Biden. "Aber die Pakistaner haben Hunderte, Tausende Kilo. Man muss sich mal fragen, was die größte Gefahr für die USA ist: 2,6 Kilogramm angereichertes Uran - oder ein Pakistan, das außer Kontrolle gerät?"

Bush (l.) und Musharraf: Als "Verteidiger der Freiheit" gefeiert
AP

Bush (l.) und Musharraf: Als "Verteidiger der Freiheit" gefeiert

Eine Woche später klingen Bidens Worte fast prophetisch. Die Gefahr, dass sich Pakistan - mit seinem explosiven Mix aus islamischen Extremisten, Nuklearwaffen und unberechenbaren Militärs von Terrorismusexperten oft als "gefährlichstes Land der Welt" tituliert - vom engen US-Verbündeten zum amerikanischen Alptraum wandelt, scheint realer denn je. "Musharrafs Verhängung des Ausnahmezustands in Pakistan ist eine schlimme Nachricht für das Weiße Haus", sagt Hassan Abbas, ehemals hochrangiger pakistanischer Regierungsbeamter und nun Forscher in Harvard, zu SPIEGEL ONLINE. "Das ist eine ganz knifflige Situation."

Denn Musharrafs Einschüchterungsstrategie stellt eine offene Provokation der amerikanischen Regierung dar. In zahlreichen Gesprächen hatte sich US-Außenministerin Condoleezza Rice bis zuletzt bemüht, den pakistanischen Präsidenten zu zügeln. Die Verhängung des Ausnahmezustandes ist auch eine persönliche Blamage für Präsident Bush, der noch im vorigen Herbst Musharraf bei einem Staatsbesuch in Washington als "Verteidiger der Freiheit" gefeiert hatte. Nun verhöhnte der gar die Amerikaner, in dem er seine Maßnahmen ausgerechnet mit einem Verweis auf Abraham Lincoln und dessen Einschränkungen von Bürgerrechten im US-Bürgerkrieg begründete.

Freilich hätte die Bush-Administration diese Entwicklung durchaus voraussehen können. In Washington wurde seit Jahren erfolgreich verdrängt, dass Musharraf - der durch einen Militärputsch an die Macht kam - sich nie als lupenreiner Demokrat verstand. "Er zeigt nun endgültig, was er wirklich ist: Ein Militärdiktator, dem es vor allem um den Machterhalt geht", sagt Abbas. Durch die Forderungen der Amerikaner nach freien Wahlen im Januar sah er den in Gefahr - und stürzt damit auch die offensiv verkündete Demokratisierungsstrategie der Amerikaner für den Nahen Osten und Mittleren Osten in eine weitere Glaubwürdigkeitskrise. Die krankte von Anfang an daran, dass die wichtigsten US-Verbündeten in der Region - Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan - alle gewaltige demokratische Defizite aufwiesen.

Das hat sich wenig geändert. Berüchtigte Autokraten wie Ägyptens Präsident Husni Mubarak haben nach kurzzeitigen Zugeständnissen wieder zum erbarmungslosen Ersticken jeder Form von Opposition zurückgefunden - ohne mit lauter Kritik aus Washington rechnen zu müssen. Nun führen die Bilder aus Pakistan die Doppelbödigkeit dieser Politik erbarmungslos aller Welt vor Augen.

Die USA haben alles auf eine Karte gesetzt

Dennoch: Ändern wird sich Washingtons Pakistan-Politik wohl kaum. Denn die Amerikaner ähneln im Umgang mit Islamabad einem Pokerspieler, der alles auf ein Blatt gesetzt hat - und jetzt nicht mehr aussteigen kann. Genauer: Sie haben alles auf die Musharraf-Karte gesetzt. Immer nach der Gleichung: Ein vielleicht nicht perfekter General an der Spitze Pakistans ist besser als ein islamischer Hitzkopf. Sie scheinen nur ihm zuzutrauen, die Extremisten im Land im Zaum zu halten und al-Qaida an der Grenze zu Afghanistan zu bekämpfen. Das verleiht Musharraf so viel Gewicht in Washington - das in den vorigen Jahren rund 11 Milliarden Dollar in das zweitgrößte muslimische Land der Welt pumpte. Nur rund 10 Prozent davon flossen in die Entwicklungshilfe, der große Teil ging direkt an das von Musharraf dominierte Militär.



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