Taliban-Terror Pakistans Winter der Gewalt

Mehr als 130 Kinder sind tot, hingerichtet von den Taliban - doch kaum jemand in Pakistan ist überrascht. Zu lange hat die Politik die Terroristen gewähren lassen, bekämpfte sie viel zu halbherzig. Das rächt sich nun.

Von , Istanbul


Es ist ein blutiger Winter in Pakistan. Die Taliban schlagen immer brutaler zu, sie wählen weiche Ziele, wo sie möglichst viele Menschen treffen. Im November sprengte sich ein Selbstmordattentäter während der Grenzschließungszeremonie an der Grenze zu Indien in die Luft und tötete mehr als 60 Menschen. Und nun, am Dienstag, das Massaker von Peschawar, bei dem mehr als 130 Kinder starben. (Einen Überblick der Ereignisse rund um den Schulanschlag finden Sie hier)

Überrascht hat das Massaker, trotz seiner Brutalität, nur wenige: "Wir haben damit gerechnet", sagt Babar Sattar. "Die Armee führt seit diesem Sommer eine Bodenoffensive gegen die Taliban in Nordwaziristan. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Taliban rühren", so der Anwalt und Kolumnist der Zeitung "Dawn". Es sei "erstaunlich, dass sie nicht schon viel früher zugeschlagen haben".

Pakistan erzittert unter einem asymmetrischen Konflikt: Das starke pakistanische Militär führt Krieg gegen die schlecht ausgerüsteten, aber sehr mobilen Extremisten in Stammesgebieten im Westen von Pakistan, entlang der Grenze zu Afghanistan. Der Gegner verübt Anschläge im ganzen Land - dagegen kann sich der Staat kaum wehren.

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Pakistan: "Teufel töten unsere kleinen Engel"
Die Schuld der Politik

Schuld an der wachsenden Macht der Militanten sieht Sattar in der zögerlichen Haltung der Politik, gegen sie vorzugehen. Tatsächlich hatte sich die Regierung in Islamabad lange gesträubt, einem Krieg in Nordwaziristan zuzustimmen. Die Generäle setzten sich nur deshalb durch, weil die Taliban trotz laufender Friedensgespräche immer wieder Anschläge verübten. Das machte es der Regierung unmöglich, weiter auf Verhandlungen zu drängen.

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Pakistan: Taliban-Angriff auf Schule
Die Politikerin Bushra Gohar, Vize-Chefin der ANP, einer säkularen paschtunischen Partei, macht vor allem Imran Khan für das Erstarken der Taliban verantwortlich. Khan, einst Kapitän der Cricket-Nationalmannschaft und jetzt Politiker, umwarb die Extremisten, nannte sie "Brüder" und protestierte gegen die US-Drohnenangriffe und das pakistanische Militär. Im Gegenzug empfahlen die Extremisten die Wahl von Khans Partei Pakistan Tehrik-e-Insaf (PTI), der "Bewegung für Gerechtigkeit".

Im vergangenen Jahr errang sie 30 Mandate im nationalen Parlament - weniger als von Khan erhofft, aber dennoch ein Achtungserfolg. Außerdem übernahm sie die Regierung der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, deren Hauptstadt Peschawar ist.

"Dieser Angriff spricht für den jämmerlichen Zustand der Taliban"

"Seit Imran Khans Partei die Macht in Peschawar hat, sind die Taliban auf dem Vormarsch", sagt Gohar. "Sie können sich überall frei bewegen, bestimmen die Politik mit und können sich in Ruhe neu organisieren." In den vergangenen Monaten habe es gezielte Anschläge gegen Menschen gegeben, die die Taliban als Gegner ausgemacht hätten: "Imran Khan und die PTI haben die Taliban gestärkt." Und die pakistanische Regierung? "Premierminister Nawaz Sharif ist sicherlich kein Gegner der Taliban. Seine Muslimliga hat Gespräche mit den Taliban befürwortet." Die Politik müsse sich insgesamt ändern und jegliches Entgegenkommen gegenüber den Extremisten unterlassen.

Doch das dürfte schwierig werden, denn in Teilen der Bevölkerung haben die Taliban Rückhalt. "Letztlich sehen viele in ihnen in erster Linie Glaubensbrüder, gegen die sie nicht kämpfen wollen", sagt Kolumnist Sattar. "Manche, vor allem die Bevölkerung in den Stammesgebieten, haben einfach nur Angst und sich deshalb mit ihnen arrangiert. Andere glauben der Propaganda der Extremisten, wonach hinter den Anschlägen wahlweise die USA, Indien oder Israel stünden."

Doch es gibt auch gegenläufige Einschätzungen. Talat Masood, ehemaliger General der pakistanischen Armee und Analyst für Sicherheitsfragen, sieht die Taliban geschwächt. "Solche Anschläge wie jetzt in Peschawar sind nichts anderes als ein Akt der Verzweiflung", sagt er. "Sie haben keine Kraft mehr, gegen die Armee zu bestehen. Deshalb suchen sie sich weiche Ziele." In der Vergangenheit hätten Taliban Militärkonvois, Politiker, auch unliebsame Geistliche getötet. "Dieser Angriff spricht für ihren jämmerlichen Zustand."

Tatsächlich sind die pakistanischen Taliban zerstritten. Es geht um den zukünftigen Kurs - und erstarkende Konkurrenz. Viele Kommandeure und Gefolgsleute haben ihnen in den vergangenen Wochen den Rücken gekehrt und sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" angeschlossen.

Für ein tiefgreifendes Zerwürfnis unter den Islamisten spricht auch die Kritik der afghanischen Taliban an dem Schulanschlag vom Dienstag. Die absichtliche Tötung von Kindern und Frauen verurteilte ein Sprecher am Mittwoch als "unislamisch".

Im Video: Friedensnobelpreisträgerin Malala zur Taliban-Attacke

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
tinosaurus 17.12.2014
1. Das ist die Antwort
auf den Kuschelkurs der Regierung, die den Taliban freie Hand ließ, anstatt sie rigoros zu bekämpfen. Viele Menschen in Pakistan sind ungebildet und arm. Ein idealer Nährboden für Extremisten. Und wenn man schon zu Lebzeiten keine Perspektive hat, dann kann es einem im Jenseits nur besser gehen mit 72 Jungfrauen.Im 21. Jahrhundert gibt es viele Menschen, die um einige hundert oder tausend Jahre zurück geblieben sind, auch wenn sie ein Handy bedienen können.
fatherted98 17.12.2014
2. Pakistan...
...hat sich seit Jahren vom Westen und der USA entfernt...wollte einen eigenen Kurs fahren und fällt damit jetzt ganz böse auf den Allerwertesten. Atombomben entwickeln um den Nachbarn Indien auf Distanz zu halten und dabei die eigene Bevölkerung vergessen, rächte sich jetzt. Die Grenzregion zu Afghanistan wird von Pakistan höchstens sporadisch kontrolliert. Die ganzen Stämme die dort leben, kochen ihr eigenes Süppchen, das sich nun in dieser Eskalation entlädt. Hier hilft nur hartes Durchgreifen und ein säkularer Kurs...weg von Islamisierung und von radikalen Schwärmern. Wenn nun auch noch die IS aus dem Süden das Land bedroht...dann gute Nacht.
sysop 17.12.2014
3. xxxx
xxxx
archivdoktor 17.12.2014
4. Bildung und nochmals Bildung!
Man sollte bedenken, dass Pakistan trotz Atombombe ein rückständiges Land ist mit rd. 185 Millionen Einwohner von denen rd. 80 Millionen Analphabeten sind. Wahrscheinlich wiegt für viele dieser Leute das Verbrennen eines Korans schlimmer als die Erstürmung einer Schule. So traurig es auch ist, da hilft nur Bildung und nochmalls Bildung - auch wenn es noch ein Jahrhundert dauert wird, bis Pakistan aus dem Schlamassel rauskommt.
gandhiforever 17.12.2014
5. Zu lange
Zu lange hat die Regierung nicht viel getan, und zwar in jeder Hinsicht. Die Taliban scheinen ja nicht ohne einen gewissen Rueckhalt zu agieren. Warum wohl? Wenn eine korrupte Regierung die naechste abloest (natuerlich offiziell eine Demokratie), am Volk vorbei regiert, dann verliert sie mehr als Respekt. Und wenn diesen Regierungen in den ruf geraten, auslaendischen Interessen en Vorrang vor denen der eigenen zu geben, dann ist das der Naehrboden, den Extremisten, in diesen Fall die Taliban, brauchen. Und da die Armme das Symbol der staatlichen Repression ist, ist sie der Feind. Wer seine kinder in vom Militaer organisierte Schulen schickt, wird auch zum Feind. An den Schulen wird der zukuenftige Feind ausgebildet. Das Abschlachten von Kindern sollte daher nicht ueberraschen. Die Taliban schlaegt eben dort zu, wo sie Schwaechen ausmacht. Solange die pakistaniasche Elite am Volk vorbei regiert, wird sich nicht viel aendern, auch wenn abundzu einige Taliban in Gefechten sterben oder durch US-Drohnen ihr Leben verlieren. Doch da bei diesen Einsaetzen eben auch Frauen und kinder ums Leben kommen, hat die Taliban keine Nachwuchsprobleme.
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