Blasphemievorwürfe in Pakistan Überall Gotteslästerer

Beim Treffen von Premier Sharif mit Kanzlerin Merkel dürfte das Thema Blasphemie ein Tabu sein. Sollte es aber nicht. Denn Gotteslästerung gilt in Pakistan als großes Verbrechen. Schon der Vorwurf dient als Vorwand für gnadenlose Lynchjustiz.

AFP

Von , Istanbul


Wenn Pakistans Premierminister Nawaz Sharif an diesem Dienstag in Berlin mit Kanzlerin Angela Merkel zusammentrifft, wird es um wirtschaftliche Beziehungen gehen, wahrscheinlich auch um Terror und Taliban - für den Regierungschef eher unangenehme Themen. Was das Land aber am meisten erschüttert, wird seit Jahren lieber verschwiegen. Es dürfte auch nun eher nicht zur Sprache kommen: Fälle von angeblicher Blasphemie.

Denn der Vorwurf, Gott, den Propheten Mohammed oder den Koran beleidigt zu haben, endet in Pakistan oft tödlich. Er trifft Muslime wie Minderheiten, aber in den seltensten Fällen stimmen die Behauptungen. Meistens dient der Vorwurf dazu, Streitigkeiten zu rächen oder einen Mob dazu zu animieren, einen persönlichen Feind zu erledigen. Manchmal ist die Verleumdung auch ein politisches Mittel, um den Gegner zu diskreditieren.

In den vergangenen Tagen gab es einige extreme Fälle, mehrere Menschen kamen wegen Blasphemievorwürfen ums Leben. Andere müssen mit der allgegenwärtigen Furcht leben, von einer wütenden Menschenmenge oder einem einzelnen Extremisten getötet zu werden.

  • In dem Ort Kot Radha Kishan, am Stadtrand der Millionenmetropole Lahore, töteten mehrere Menschen ein Paar, das angeblich den Koran geschändet haben soll. Ein Geistlicher hatte dieses Gerücht verbreitet, daraufhin drangen Dutzende Menschen in die Unterkunft der beiden und schlugen mit Stöcken auf sie ein. Die Christen Shama und Shahzad Masih lebten mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihrer vierjährigen Tochter in einer winzigen Hütte. Sie waren Arbeiter in einer Ziegelbrennerei. Die wütenden Nachbarn banden die Verletzten anschließend an einen Traktor und schleiften sie durch den Ort. Dann fuhren sie zu der Ziegelfabrik und warfen die leblosen Körper in den Brennofen. Angehörige der Ermordeten berichten, die Frau sei schwanger gewesen.
  • In der ostpakistanischen Stadt Gujrat wurde nur einen Tag später ein Mann festgenommen, der angeblich abfällige Bemerkungen über den Propheten Mohammed gemacht hatte. In Polizeigewahrsam setzte der 50-jährige Tufail Haider seine Flüche und Beschimpfungen fort. Er galt als psychisch krank, dennoch ließ sich ein Polizist provozieren. Er griff zu einer Axt und köpfte den Mann.
  • Der pakistanische Oppositionsführer Khurshid Shah erklärte vor Journalisten, man solle endlich aufhören, abfällig von "Mohajirs", "Flüchtlingen", zu sprechen, wenn es um jene Menschen gehe, die 1947, nach der Teilung des Subkontinents, von Indien in den neugegründeten Staat Pakistan gekommen seien. Das seien Pakistaner wie alle anderen, sie und ihre Nachfahren hätten das Land mitaufgebaut. Daraufhin fühlten sich mehrere politische Gegner beleidigt: Der Begriff "Mohajir" tauche mehrfach im Koran auf, und der Prophet Mohammed sei selbst ein "Mohajir" gewesen, als er von Mekka nach Medina habe flüchten müssen. Sie warfen Shah Blasphemie vor und zeigten ihn an. Jetzt ist nicht nur ein Gerichtsprozess gegen ihn anhängig. Er muss auch damit rechnen, Opfer von Selbstjustiz zu werden.
  • Die im November 2009 wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi hat kürzlich in einer höheren Instanz verloren. Das Todesurteil wurde im Oktober bestätigt, während mehrere konservative Geistliche im Gerichtssaal saßen und jubelten, darunter auch der Dorf-Imam, der einst auf ihre Verurteilung gedrängt und sie zur Polizei gebracht hatte. Zwei Politiker, die sich für Asia Bibi eingesetzt hatten, kamen ums Leben: Im Januar 2011 wurde Salman Taseer, Gouverneur der Provinz Punjab, von seinem eigenen Leibwächter in der Hauptstadt Islamabad erschossen; zwei Monate später töteten bislang flüchtige Täter den Minderheitenminister Shahbaz Bhatti.
  • Im September wurde der Religionsgelehrte Muhammad Shakil Auj in der Hafenmetropole Karatschi erschossen. Er galt als liberaler Muslim und leitete an der Universität von Karatschi den Fachbereich Islamische Studien. Auj hatte kurz vor seiner Ermordung Anzeige gegen vier Kollegen erstattet, weil er von ihnen Drohungen wegen einer angeblich blasphemischen Rede erhielt, die er 2012 in den USA gehalten hatte. Eine Woche vor der Tat war ein anderer Dozent aus demselben Fachbereich erschossen worden.

Zwei Paragrafen im pakistanischen Strafgesetzbuch befassen sich mit dem Thema Blasphemie. Dafür wird lebenslange Haft verhängt, bei einer Beleidigung des Propheten ist sogar die Todesstrafe vorgesehen. Auch wenn der Staat bislang auf Grundlage dieser Gesetze noch kein Todesurteil vollzogen hat, sind mittlerweile rund tausend Pakistaner auf dieser rechtlichen Grundlage angeklagt und Hunderte von Menschen infolge von Selbstjustiz getötet worden.

Pakistan hat das Blasphemiegesetz von Britisch-Indien übernommen. Die Kolonialherren hatten es 1860 formuliert, um Streitereien zwischen Hindus und Muslimen zu unterbinden. So wurden die Schändung heiliger Stätten, die Störung religiöser Versammlungen, die Entweihung von Friedhöfen und die absichtliche Verletzung religiöser Empfindungen unter Strafe gestellt.

In den Achtzigerjahren verschärfte der islamistische Militärdiktator Zia ul-Haq diese Paragrafen. Er stellte die Missachtung des Korans und jede Beleidigung des Propheten unter Strafe. Seither wird dieses Recht bei Streitigkeiten jeglicher Art missbraucht. Seit der Ermordung der Politiker Taseer und Bhatti im Frühjahr 2011 traut sich kein Politiker mehr, eine Änderung oder gar Abschaffung des Blasphemiegesetzes zu fordern.

Premierminister Sharif antwortete auf die Frage der "Welt", ob es nicht endlich an der Zeit sei, dieses Gesetz zu ändern: "Wir glauben, dass es keinen Anlass zur Sorge gibt, wenn das Gesetz nicht missbraucht wird."

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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