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Chaudhry Aslam: Ende eines Extremistenjägers

Foto: AKHTAR SOOMRO/ REUTERS

Polizeichef in Karatschi Taliban töten Pakistans Anti-Terror-Krieger

Er konnte brutal und kaltblütig sein - der Polizist Chaudhry Aslam war einer der bekanntesten Männer Pakistans. Mindestens neun Anschläge überlebte der Anti-Terror-Chef der Millionenmetropole Karatschi. Jetzt töteten die Taliban ihn mit einer Autobombe.

Istanbul/Karatschi - Es gibt Fernsehbilder, die Chaudhry Aslam vor seinem Haus in Karatschi zeigen. Um ihn herum Trümmer und Staub, ein drei Meter tiefer Krater ist zu sehen. Ein Selbstmordattentäter ist mit einem Auto voller Sprengstoff in das Gebäude gerast. Er wollte Aslam treffen, den Chef der Anti-Terror-Einheit in der südpakistanischen Hafenmetropole.

"Ich werde die Angreifer genau hier beerdigen", sagt Aslam in die Kameras und zeigt dabei auf den Krater. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Terroristen solche Feiglinge sind!" Dann macht er kehrt und hilft dabei, Verletzte wegzutragen und Leichenteile einzusammeln. Acht Menschen sind ums Leben gekommen, Wachleute und Passanten, aber wie durch ein Wunder niemand aus Aslams Familie.

Chaudhry Aslam hat mehrere Wunder erlebt, mindestens neun Terroranschläge überlebte er, zuletzt den Angriff auf sein Haus im September 2011. Am Donnerstagnachmittag hatte er kein Glück mehr: Eine ferngezündete Straßenbombe mit bis zu 200 Kilogramm Sprengstoff zerfetzte sein Auto. Aslam war sofort tot, mit ihm starben sein Fahrer und ein Leibwächter. 14 weitere Begleiter aus seinem Konvoi wurden verletzt.

Mohammed Aslam Khan, wie er richtig hieß, hatte sich zum Ziel gesetzt, die Übeltäter in der von Terrorismus und Bandenkriegen geschundenen Stadt Karatschi zur Strecke zu bringen. "Ich sitze nicht nur am Schreibtisch, ich gehe selbst los", beschrieb er vor zwei Jahren SPIEGEL ONLINE seine Arbeit. Dann zog er mit seinen Jungs wie ein Straßenkrieger davon - meistens nachts, "weil da die Verbrecher aktiv sind". Die Uniform ließ er zu Hause, damit er nicht als Polizist auffiel in den Stadtteilen, in denen er sie alle vermutete: Dschihadisten und bewaffnete Mitglieder von rivalisierenden Parteien, Auftragskiller und Mafiabosse.

Hochrangige Taliban gingen Aslam ins Netz

Bei der Polizei von Karatschi redeten sie mit einer seltsamen Mischung von Bewunderung und Verachtung über ihn. Oft ging es darum, wie viele Leute er, der ranghohe Polizeioffizier, wohl schon erschossen habe. Aslam pflegte sein Bild von einem, der nicht zimperlich ist im Umgang mit Leuten, die das Gesetz nicht achten. Seine Pistole, Marke Glock, hatte er immer dabei, ebenso eine Packung Zigaretten. Er unterhielt ein Netzwerk von Informanten, die ihn wissen ließen, wann wer wo auftaucht und was geplant ist. Wie groß der Kreis war und wer alles zu seinen Freunden zählte, auch darüber redete man viel.

Aslam, der seine Karriere 1984 als einfacher Polizist in Karatschi begann, fasste viele Schwerverbrecher. Mehrere hochrangige Taliban-Kommandeure gingen ihm ins Netz, aber auch Kriminelle wie der berühmte Belutschen-Gangster Rehman Dakait, der mehrmals aus Polizeigewahrsam entkam und schließlich erschossen wurde. Aslam sagt, es habe einen Schusswechsel gegeben, und die Polizisten hätten sich verteidigt. Es gibt aber auch Behauptungen, wonach Dakait verhaftet, gefoltert und schließlich getötet wurde.

Aslam traute man diese Brutalität und Kaltblütigkeit zu. Einmal, 2006, musste er für eineinhalb Jahre ins Gefängnis, weil er angeblich einen unschuldigen Mann getötet hatte. Aslam ging juristisch gegen diesen Vorwurf vor, ein Gericht sprach ihn schließlich frei. Für andere Festnahmen und Tötungen wurde er geehrt. "Ich habe fast fünfzig Millionen Rupien Kopfgeld von der Regierung bekommen", sagte er. Nach heutigem Kurs sind das knapp 350.000 Euro.

"Ich fürchte nichts und niemanden"

Entsprechend verhasst war er in der Unterwelt und bei den Militanten. Die Taliban veröffentlichten vor drei Jahren eine Todesliste mit Namen von Polizisten. Chaudhry Aslam stand auch darauf. Er war einer der am stärksten gefährdeten Polizisten des Landes. "Ich fürchte nichts und niemanden", sagte Aslam regelmäßig. "Ich habe so viel Schreckliches gesehen, mich kann nichts mehr erschrecken. Und vor dem Tod habe ich keine Angst. Wir müssen alle irgendwann einmal gehen. Wann, das bestimmt Gott."

Die Taliban veröffentlichten noch am Donnerstagabend eine Nachricht, in der sie sich zu dem Anschlag auf Aslam bekannten und seinen Tod feierten. Man habe ihn umgebracht, "weil er mehrere unserer Mitglieder auf dem Gewissen hat". Ein Taliban-Sprecher sagte: "Dieser Mann hat uns schwere Verluste zugefügt. Er hat mehrere unserer Leute in Karatschi gefoltert und getötet. Sein Tod ist ein großer Erfolg für unsere Kämpfer im ganzen Land." Den Anschlag habe man daher "seit Monaten sehr sorgfältig" vorbereitet.

Der pakistanische Senat verabschiedete eine Resolution, mit der er Aslam für seine Verdienste in der Terrorbekämpfung ehrte. Ebenso geehrt wurde der erst 15-jährige Aitizaz Hasan, der sich am Montag vor seiner Schule auf einen Selbstmordattentäter geworfen und damit einen schlimmeren Anschlag verhindert hatte. Der Junge sowie der Attentäter starben bei dem Vorfall.

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