Pakistan Taliban wählen Radio-Mullah zum neuen Chef

Die pakistanischen Taliban haben einen neuen Chef. Der Hardliner Mullah Fazlullah übernimmt die Führung der Radikalen, sein Vorgänger starb vorige Woche bei einem Drohnenangriff. Fazlullah gilt als Planer des Angriffs auf das Mädchen Malala und hielt Hetzreden im Radio.

Mullah Fazlullah (Aufnahme von 2009): Der neue Chef der Taliban
AFP

Mullah Fazlullah (Aufnahme von 2009): Der neue Chef der Taliban

Von


Für Pakistan und die Region ist es eine Richtungsentscheidung: Mullah Fazlullah, ein Hardliner unter den Taliban-Kommandeuren, wird neuer Anführer der pakistanischen Taliban. Das bestätigte ein Sprecher des Bündnisses mit dem Namen Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), zu dem sich etwa 30 extremistische Gruppen zusammengeschlossen haben. Fazlullah wird damit Nachfolger von Hakimullah Mehsud, der am Abend des 1. November in der Region Nord-Waziristan durch eine US-Drohne getötet wurde.

Fazlullah, dessen Alter mit 37 angegeben wird, stammt aus dem nordpakistanischen Swat-Tal, einem Obstanbaugebiet in den Bergen, das einst ein beliebtes Reiseziel war. Unter seiner Führung eroberten die Taliban 2008 nach und nach das gesamte Tal und handelten mit der Regierung in der Hauptstadt Islamabad aus, dass sie dort nach ihren radikalislamischen Vorstellungen herrschen dürften. Erst als deutlich wurde, dass die Extremisten immer neue Forderungen stellten, griff die Armee ein. In einer dreimonatigen Offensive schlug sie die Taliban in die Flucht. Fazlullah entkam nach Afghanistan. Pakistan setzte auf ihn ein Kopfgeld von umgerechnet 500.000 Euro aus. Meldungen, er sei im Frühjahr 2010 von der afghanischen Grenzpolizei getötet worden, erwiesen sich aber als falsch.

Taliban-Anhänger schossen vor Freude in die Luft

Der Taliban-Sprecher erklärte, eine Versammlung hochrangiger Taliban-Kommandeure habe sich an diesen Donnerstag für Fazlullah als neuen Chef ausgesprochen. Damit widersprach er Meldungen, der frühere Taliban-Chef der Region Süd-Waziristan, Khan Said Sajna, sei der neue Chef. "Es gibt Uneinigkeit über unseren künftigen Kurs", sagte ein Kommandeur SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Wenn Mullah Fazlullah sich wirklich durchsetzt und den Rückhalt der Anhänger bekommt, setzt sich der Flügel durch, der Friedensgespräche mit der pakistanischen Regierung ablehnt." Schon im Vorfeld galt Fazlullah als Favorit. Aus Miran Shah in Nord-Waziristan berichteten Bewohner, viele Taliban-Anhänger würden vor Freude über die Entscheidung Schüsse in die Luft feuern.

Pakistan hatte sich in den vergangenen Monaten von Verhandlungen mit der TTP erhofft, dass die Anschläge im eigenen Land aufhören und die Taliban sich mit einer Herrschaft in einigen, wenigen Regionen begnügen. Am vergangenen Samstag sollten entsprechende Gespräche beginnen. Doch wegen des US-Drohnenangriffs auf Mehsud, der signalisiert hatte, sich mit der Regierung zu einigen, sagten die Taliban das Treffen ab. Mehrere pakistanische Politiker hatten daraufhin die USA wegen des Zeitpunkts des Drohneneinsatzes kritisiert. "Das ist nicht nur der Tod der Person Hakimullah Mehsud, das ist der Tod aller Friedensbemühungen!", schimpfte Innenminister Chaudhry Nisar Ali Khan.

Gespräche mit den Taliban unter Fazlullah dürfte es nicht geben. "Er hat sich bereits deutlich dagegen ausgesprochen", erklärte der Taliban-Sprecher. "Und wir halten uns daran, was er sagt." Die pakistanische Regierung sei "ein Partner Amerikas, mit ihr werden wir nie reden!"

Ausgerechnet Fazlullah also wird das Bündnis der Extremisten anführen. In den vergangenen Monaten war er in die Schlagzeilen geraten, weil es Männer unter seinem Kommando waren, die im Oktober 2012 Schüsse auf die damals 15-jährige Malala Yousafzai abgaben, jenes Mädchen, das sich für das Recht auf Bildung eingesetzt hatte, schwerverletzt überlebte und in diesem Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert war.

In Pakistan war Fazlullah bekannt geworden als "Radio-Mullah", weil er einen Radiosender im Swat-Tal betrieb, bekannt als FM 91. Dort wurde gegen die Regierung, gegen alles "Unislamische" und gegen den Westen gehetzt. Er versprach den von der korrupten Regierung enttäuschten Bürgern Gerechtigkeit und machte aus dem Sender eine Art Parallelregierung.

Oft wurde der Koran rezitiert, und wenn Musik gespielt wurde, dann nur Religiöses. Die Moderatoren verlasen auch die Namen all jener, die zu Verhandlungen vor dem Scharia-Gericht der Taliban zu erscheinen hatten. Die Menschen hörten voller Angst zu, denn oft fand man die Leichen der Unglücklichen am nächsten Tag auf dem Marktplatz von Mingora, der größten Stadt im Swat-Tal, jeden Tag vier oder fünf: an den Füßen aufgehängt, der Kopf oft abgetrennt und mehrere Meter daneben. Pappschilder kündeten davon, dass diese Menschen gegen Regeln des Islam verstoßen hätten und dass allen anderen, die das ebenfalls täten, die gleiche Strafe drohe.

Ungewiss ist, ob Fazlullah wirklich die Mehrheit der Taliban hinter sich scharen kann. Er stammt nicht aus dem mächtigen Mehsud-Clan, der die meisten Aufständischen hinter sich vereint. Sollten die Mehsuds unzufrieden sein mit ihm, wäre das sein Aus. Bis dahin aber darf er wieder Angst verbreiten.

Hasnain Kazim auf Facebook



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Aschmersal 07.11.2013
1. Optional
Zitat von sysopAFPDie pakistanischen Taliban haben einen neuen Chef. Der Hardliner Mullah Fazlullah übernimmt die Führung der Radikalen, sein Vorgänger starb vorige Woche bei einem Drohnenangriff. Fazlullah gilt als Planer des Angriffs auf das Mädchen Malala und hielt Hetzreden im Radio. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-taliban-waehlen-radio-mullah-zum-neuen-chef-a-932431.html
Wer dort lebt sollte sich besser nicht in seiner unmittelbaren Nähe aufhalten. Insbesondere wenn kleinere Flugobjekte am Himmel auftauchen. Ich denke, wir werden spätestens nächstes Jahr seinen Nachfolger kennenlernen...
schwebefliege 07.11.2013
2. Gratulation !
Zitat von sysopAFPDie pakistanischen Taliban haben einen neuen Chef. Der Hardliner Mullah Fazlullah übernimmt die Führung der Radikalen, sein Vorgänger starb vorige Woche bei einem Drohnenangriff. Fazlullah gilt als Planer des Angriffs auf das Mädchen Malala und hielt Hetzreden im Radio. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-taliban-waehlen-radio-mullah-zum-neuen-chef-a-932431.html
Endlich ein neuer, glorreicher Gotteskrieger der auch keine Angst davor hat, kleine Mädchen zu ermorden. Gute Wahl.
jupiter999 07.11.2013
3. Gute Neuigkeiten
Das sind gute Neuigkeiten denn somit rückt endlich einer der verabscheuungswürdigsten Verbrecher in den Reihen der Taliban auf die Prioritätsliste für ein vorzeitiges Ableben. Die Taliban brüsten sich mit ihrer angeblichen Kaltschnäuzigkeit was das fast regelmäßige Sterben ihrer Führungspersonen angeht , aber in wirklichkeit leben gerade diese am Fließband nachgeschobenen Führer mittlerweile in konstanter Angst vor dem unsichtbaren Tod der ohne Vorwarnung zu jeder Zeit zuschlagen kann. Das muss eine wahre Hölle sein denn diese "Beförderung" ist quasi ein Todesurteil auf Raten.
mattijoon 07.11.2013
4. Für den getöteten Spitzen-Taliban
gibt es schnell Ersatz. Die Tötung hat den Taliban wahrscheinlich auch gleich 10 neue Terroristen in die Hände getrieben, bessere Propaganda-Vorlagen kann die USA nicht liefern. Will man wirklich immer mehr Taliban?
wolke4 07.11.2013
5. Gotteswahn-Krieger
was glaubt den die pakistanische Regierung zu erreichen, wenn sie mit diesen religiösen Extremisten verhandelt? Dieser Schlag von Leuten will nicht ein paar Bergdörfer selbstverwalten sondern möglichst die ganze Welt in einen "Gottesstaat" verwandeln. Das ist deren irrationaler Logik letzter Schluss. Die gehen soweit wie man sie gehen lässt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.