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31. August 2015, 06:10 Uhr

Buchauszug aus "Plötzlich Pakistan"

Tee mit einem Todesengel

Amjad ist etwa 15 Jahre alt, ein hübscher Junge - schon bald will er sich als Attentäter in die Luft sprengen. Was treibt den jungen Pakistaner? Hasnain Kazim hat ihn getroffen und nach Antworten gesucht.

Vier Jahre lang hat Hasnain Kazim für SPIEGEL ONLINE und den SPIEGEL als Korrespondent aus Pakistan berichtet. Er erlebte ein atemberaubendes Land voller Widersprüche, zuletzt immer mehr geprägt von einem konservativen Islam. Seine Erfahrungen hat er in "Plötzlich Pakistan - Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt" niedergeschrieben. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem neuen Buch.



Der Junge kaute an seinen Fingernägeln und rutschte unruhig auf dem schmutzigen Plastikstuhl hin und her.

"Asalam aleikum", sagte ich.

Er schwieg.

Wir trafen uns an einem kühlen Märzmorgen 2012 in einer Teestube, einer schäbigen Blechhütte an einer viel befahrenen, staubigen Straße in Rawalpindi, wo Lastwagenfahrer ihr Frühstück - Kichererbsencurry und öliges Fladenbrot - einnahmen.

Monate vorher hatte ich meinem Kontaktmann bei den pakistanischen Taliban gesagt, ich würde gerne einmal mit einem jungen Mann sprechen, der sich dem Dschihad verschrieben hat und sich als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen will. Ich wollte erfahren, was diese jungen Männer dazu treibt, so radikal zu glauben und gleichzeitig so sehr zu hassen, dass sie sich und oft vielen anderen das Leben nehmen.

"Ich schaue, was sich machen lässt", hatte der Taliban-Kommandeur am Telefon geantwortet.

Lange Zeit hörte ich nichts von ihm und dachte, es würde sowieso nicht klappen. Aber eines Tages meldete er sich und sagte: "Ich habe da jemanden. Einen ganz jungen Kerl." Er nannte mir die Adresse und eine Uhrzeit, und entgegen den Gepflogenheiten der Taliban, Journalisten per Mobiltelefon von Treffpunkt zu Treffpunkt zu dirigieren und während dieser Schnitzeljagd von Spitzeln beobachten zu lassen, um sicherzustellen, dass der Reporter nicht von Geheimdienstmitarbeitern begleitet oder verfolgt wird, sollte das Treffen tatsächlich am genannten Ort stattfinden.

Den Gedanken "Hoffentlich will er sich nicht mit mir in die Luft jagen" verdrängte ich. Wie immer bei solchen Terminen schrieb ich Ort, Zeit und Anlass auf einen Zettel und ließ ihn in der obersten Schreibtischschublade liegen. Sollte mir etwas zustoßen, würde meine Frau die Nachricht finden. Wir hatten vereinbart, dass ich sie über riskante Treffen und Vorhaben nicht vorher informiere.

Er nannte sich Amjad, war etwa fünfzehn Jahre alt und trug einen weißen Shalwar Kameez. Glücklicherweise keine Weste, dachte ich. Unter diesem Gewand konnte er jedenfalls keinen Sprengstoff versteckt haben. Ein schöner Junge, große, braune Augen, volles, schwarzes Haar, das rötlich leuchtete, wenn ein Sonnenstrahl darauf fiel, feine Gesichtszüge, glatte, sommersprossige Haut. Sah so ein islamischer Extremist aus?

Amjad, hatte mir der Taliban-Kommandeur erzählt, habe schon einmal versucht, sich in Peschawar an einem Kontrollposten in die Luft zu sprengen. Aber irgendetwas hatte nicht funktioniert, vermutlich der Zünder, und als die Polizisten auf den Jungen aufmerksam wurden, war es ihm gelungen zu entwischen. Jetzt, sagte mir der Mann am Telefon, werde Amjad auf seinen nächsten Einsatz vorbereitet. "Auf seinen Weg ins Paradies", sagte der Talib. Er lachte dabei, und es war mir nicht klar, ob er aus Freude lachte oder ob er ihn insgeheim verhöhnte, weil er dumm genug war, sich zu opfern.

Amjad begann zu erzählen. Er war in einem Dorf in der Region Nord-Waziristan aufgewachsen, sein Vater handelte mit Altmetall, das er mit seiner Fahrradrikscha einsammelte. "Das Geld reichte nicht, um uns alle satt zu bekommen", erzählte Amjad. Er und seine vier Geschwister seien oft hungrig ins Bett gegangen. "Eines Tages kam ein Gelehrter von einer weit entfernten Koranschule und sagte, er würde mich gerne mitnehmen. Meine Eltern waren glücklich, denn die Madrassa verlangte kein Geld für die Ausbildung." Amjad war damals acht Jahre alt und half mal seinem Vater, mal einem Onkel bei der Arbeit. Zur Schule ging er nicht, weil seine Eltern die Gebühren nicht aufbringen konnten.

Die Eltern dachten, den Mann von der Koranschule schickte der Himmel. Ihr Sohn würde lesen und schreiben lernen und dazu noch eine regelmäßige Verpflegung bekommen, ohne dass sie dafür mit Geld bezahlen mussten. Sie mussten dafür mit etwas anderem bezahlen: mit dem Leben ihres Sohnes. Das sagte ihnen der Mann von der Madrassa aber nicht.

"Wie hast du erfahren, dass du als Selbstmordattentäter eingesetzt werden sollst?"

Amjads Augen verengten sich zu Schlitzen. "Ich lese viel im Koran. Jeden Tag mehrere Stunden. Dort steht, dass die Ungläubigen, die gegen den Islam sind, sterben müssen." In Deutschland würde so ein Junge von einem Rennrad träumen, sich einen schnelleren Computer wünschen oder für ein Mädchen schwärmen. Amjad träumte vom Islam und davon, im Kampf gegen Ungläubige zu sterben. Die jahrelange Gehirnwäsche hatte funktioniert.

Eines Tages sagte man ihm, er müsse eine Weste tragen, sich den Ungläubigen nähern und sich in die Luft sprengen, wenn er nah genug bei ihnen war. "Ich komme dann direkt ins Paradies", sagte Amjad. Das hatte man ihm also erzählt.

"Und was sagen deine Eltern dazu?"

Amjad überlegte. Dann zuckte er mit den Schultern. "Keine Ahnung. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Aber mein Lehrer hat mir gesagt, dass für sie ihr Leben lang gesorgt wird und dass sie viel Geld bekommen, weil ihr Sohn ein Märtyrer ist, auf den sie stolz sein können."

"Hast du Angst?"

Er schüttelte den Kopf. "Es tut nicht weh. Man merkt nichts, und dann ist man plötzlich im Paradies."

Ich betrachtete ihn. Dieses Kind, das so wenig wusste von der Welt. Draußen donnerten bunt bemalte Lastwagen vorbei und wirbelten Staub auf, der in die Hütte drang. Ein Kellner brachte süßen Milchtee und Kekse. Aus dem Fenster sah ich einen Mann mit langem schwarzem Bart, er trug ein schwarzes Gewand. Darunter zeichnete sich eine Pistole ab. Er lehnte sich gegen sein Motorrad.

"Kennst du den?"

Amjad nickte. "Der hat mich hergebracht."

"Dein Lehrer?"

"Nein, das ist nur ein Helfer."

Amjad tunkte einen Keks in den Tee. Als er ihn aufgegessen hatte, kippte er sich den heißen Tee in die Untertasse, hob sie an den Mund und schlürfte ihn laut. Er trank wie ein Greis.

Wir schwiegen.

Mir gingen die verschiedensten Gedanken durch den Kopf: ein junger Mensch, ein Terrorist, ein armer Kerl, ein Opfer, ein Täter, ein angehender Mörder, ein Selbstmörder, warum tut er das, was kann ich tun, wie stoppe ich ihn, warum treffe ich mich mit ihm? Und weshalb war es jetzt so heiß in der Hütte? Eine Fliege setzte sich auf seine Stirn. Er machte keine Anstalten, sie zu verscheuchen. Bemerkte er sie nicht?

"Menschen zu töten, dich selbst zu töten, ist falsch." Es klang hohl, aber mir kam nichts anderes in den Sinn. Irgendetwas musste ich sagen.

"Genug!", sagte Amjad. Plötzlich stand sein Helfer und Fahrer in der Tür und funkelte mich an.

Vielleicht, dachte ich, war es ein Fehler, ihn zu treffen. Natürlich, man muss immer alle Seiten hören, sich ein so umfassendes Bild wie möglich machen. Aber was fängt man an mit dem Wissen, den Informationen? Und mit der Gewissheit, nichts tun, nichts aufhalten, nichts ändern zu können?

Amjad stand auf, sein Fahrer fasste ihn an der Schulter und schob ihn raus. Sie stiegen auf das Motorrad und brausten davon.


Lust auf mehr "Plötzlich Pakistan"? Hier geht es zu einem weiteren Kapitel: "Der alte Mann und die Jahrhundertflut"

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