Serie von Taliban-Anschlägen "Respektiert den Islam, sonst töten wir euch"

Die Taliban verstärken ihre Angriffe, in Afghanistan und Pakistan vergeht kaum ein Tag ohne Anschlag. Ein Sprecher der Extremisten spricht von einem "Krieg der Ideologien". Die Regierung in Islambad setzt dennoch auf Friedensgespräche.

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Istanbul/Islamabad - Montagmorgen, 7.45 Uhr in Rawalpindi, Pakistan: Auf den Straßen sind Berufspendler und Schulkinder unterwegs, Menschen in Bussen und Motorrikschas, als sich ein Mann vor einem Kontrollposten in die Luft sprengt. Mindestens 14 Menschen reißt er mit in den Tod, darunter sechs Soldaten, die auf dem Weg zum Armeehauptquartier sind, das nur etwa 50 Meter vom Tatort entfernt liegt. Die Tat ereignet sich also in einer der am stärksten gesicherten Regionen des Landes, im Herzen der militärischen Macht.

Angeblich gelang es einem weiteren Attentäter, so weit vorzudringen. Die Polizei teilte später mit, sie habe nach der Explosion in der Nähe des Tatorts einen Mann verhaftet, angeblich einen Afghanen, bei dem Sprengsätze gefunden wurden. Demnach handelte es sich um einen zweiten Terroristen, der sich ebenfalls in die Luft sprengen wollte.

Die pakistanischen Taliban, die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), bekannten sich noch am Montag zu der Tat. "Wir übernehmen die Verantwortung mit Stolz", erklärte TTP-Sprecher Shahidullah Shahid. Es handele sich um eine Vergeltung für den Angriff des Militärs auf die Rote Moschee im Sommer 2007. Die Taliban würden ihren "Kampf gegen das säkulare System" auch in Zukunft fortsetzen.

Kaum ein Tag vergeht in Pakistan, an dem die Taliban nicht mit einem Anschlag für Aufsehen sorgen. Am Sonntag explodierte vor einer Kaserne in Bannu in der nordwestpakistanischen Provinz Khyber-Pakhtunkhwa ein Sprengsatz und tötete 22 Soldaten. Mehrere Anschläge, mal mit einem, mal mit drei oder vier Toten, erschütterten in den vergangenen Tagen das Land.

Anfang Januar töteten die Taliban den Chef der Anti-Terror-Polizei in der Hafenmetropole Karatschi. Ein Selbstmordattentäter wurde von einem Jungen daran gehindert, in eine Schule einzudringen. Zusammen mit dem Terroristen verlor der Schüler sein Leben. Studien zufolge hat die Zahl der Selbstmordanschläge in Pakistan im Jahr 2013 um 20 Prozent zugenommen.

Ein Dialog ist "immer noch denkbar"

Auch im Nachbarland Afghanistan erreicht die Gewalt einen neuen Höhepunkt. Weltweit Schlagzeilen machte der Angriff auf das Restaurant Taverna du Liban in Kabul, einem der wenigen Treffpunkte für Ausländer. 22 Menschen kamen dabei vergangene Woche ums Leben, darunter Mitarbeiter der Vereinten Nationen und des Internationalen Währungsfonds, aber auch der Besitzer des Restaurants.

Die Nato will aus Afghanistan abziehen, die gesamte Region steht vor einem Wandel - nur in welche Richtung ist noch unklar. Sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan gab es immer wieder Signale, man wolle mit den Taliban verhandeln, sie in künftige Machtstrukturen einbinden. Schließlich könne man nicht alle Menschen mit extremistischen Ansichten töten.

Die Diskussion, ob man mit den Taliban verhandeln kann oder nicht, dürfte mit der Reihe von schweren Anschlägen neu geführt werden. Die Regierung von Premierminister Nawaz Sharif scheint aber an einem Dialog mit den Taliban festhalten zu wollen. "Man kann die schwersten Konflikte durch Gespräche lösen, und wir haben uns entschieden, dies auch in diesem Fall zu tun", sagte ein Regierungssprecher. Auch Oppositionspolitiker sagten, ein Dialog sei "immer noch denkbar".

In einer zynischen Geste erklärte Taliban-Sprecher Shahid, man sei "bereit für einen sinnvollen Dialog". Jedoch müsse die Regierung beweisen, dass sie es ernst meine, und auf Forderungen der Taliban eingehen.

Drei pakistanische Journalisten ermordet

Das allerdings dürfte schwierig werden, da die Militanten kaum bereit sind, von ihren extremistischen Positionen abzuweichen. Sie fordern ein Staatssystem mit der Scharia als einzig gültigem Rechtssystem, eine Gesellschaft, in der Frauen sich komplett verhüllen müssen, Mädchen keine Bildung erhalten, wo untreue Ehefrauen gesteinigt und vom Glauben abgefallene Muslime geköpft werden.

In einem Schreiben an Journalisten beharrte Shahid, den die Taliban gerne "Professor" nennen, auf islamistische Haltungen. "Dies ist ein Krieg der Ideologien. Wer auch immer gegen uns ist, nimmt die Rolle des Feindes ein. Wir werden ihn bekämpfen", schrieb er. "Wir kämpfen für die Schaffung eines islamischen Systems, für ein wahrhaftig islamisches Land. Es geht uns nicht darum, Menschen zu töten, sondern darum, dieses Ziel zu erreichen. Wir führen gegen niemanden persönlich eine Fehde." Die Taliban kämpften vielmehr "gegen die Verbreitung von Obszönitäten und Nacktheit und all jene, die das wahre Gesicht des Islam zerstören".

Dann richtete er eine Warnung an Journalisten. "Mitarbeiter von Medien verbreiten Propaganda gegen uns. Ich sage euch in aller Deutlichkeit: Unterlasst das! Berichtet sachlich, respektiert den Islam! Ansonsten werden wir auch euch töten."

Zuletzt traf es drei pakistanische Mitarbeiter des Fernsehsenders Express News. Sie wurden vergangene Woche in Karatschi ermordet. Die Taliban begründeten, der Sender und die im selben Haus erscheinende englischsprachige Tageszeitung "Express Tribune" behandele die Taliban zu kritisch.

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Seite 1
KnoKo 21.01.2014
1. ...
---Zitat--- Dann richtete er eine Warnung an Journalisten. "Mitarbeiter von Medien verbreiten Propaganda gegen uns. Ich sage euch in aller Deutlichkeit: Unterlasst das! Berichtet sachlich, respektiert den Islam! Ansonsten werden wir auch euch töten." ---Zitatende--- Wie soll man Leute respektieren, die damit drohen, alle zu töten, welche ihrem Wahnsinn nicht bedingungslos folgen?
spon-facebook-10000336382 21.01.2014
2. Vormittelalter
Es ist unglaublich, daß es heute noch möglich ist, hinter dem Deckmantel des Glaubens diktatorische Ziele zu verstecken. Das was der Islam wirklich aussagt und das was diese Terroristen durchdrücken wollen ist etwas völlig Gegensätzliches. Aber man hat das Gefühl bei Fragen um Glauben und Emotion schaltet weitgehend das Gehirn aus.
hubertrudnick1 21.01.2014
3. Fanatismus
Zitat von sysopAPDie Taliban verstärken ihre Angriffe, in Afghanistan und Pakistan vergeht kaum ein Tag ohne Anschlag. Ein Sprecher der Extremisten spricht von einem "Krieg der Ideologien". Die Regierung in Islambad setzt dennoch auf Friedensgespräche. Pakistan und Afghanistan: Taliban erklären "Krieg der Ideologien" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-und-afghanistan-taliban-erklaeren-krieg-der-ideologien-a-944481.html)
Diese Aussagen sind erschreckend und menschenfeindlich, die haben mit einer Religion dem Islam nichts gemeinsames. Man muss aber feststellen, dass sich solche Meinung immer weiter verbreitet und das in vielen Ländern, der religiöse Fanatismus hat in der gesamten Welt zugenommen, auch unter den Christen hat sich so einiges schon verändert, nur dass sie noch friedlich sind, aber die Tonart wird härter und nicht mehr so menschenliebend und verständnisvoll wie noch vor Jahren. Der große Streit das zwanzigsten Jahrhundert, wo sich der Kapitalismus im Gegensatz zum Kommunismus stand ist aufgrund des Untergang des Kommunismus vorüber, aber nun hat sich mit dem Ende des Jahrtausend ein neuer und noch brutaler Zwist zwischen den Menschen entwickelt. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder auflösen kann, es wird sich wie ein Funke über viele Länder hinwegfegen und mehr Schaden als damals die Hexenjad im Mittelalter bringen.
M. Thomas 21.01.2014
4. Schon seit dreizehn Jahren (!)
sage ich: "Krieg gegen Terror ist, als schösse man in einem Glashaus mit Granatenwerfern auf Fliegen." - und so ist es. Heute liegt alles in der betroffenen Region in Trümmern, und die natürlich noch immer lebendigen Fliegen nähren sich von den Leichen und vermehren sich prächtig. Warum eigentlich geht niemand, wirklich niemand hin und spricht die längst notwendige Formel: "Okay, wir haben es jetzt begriffen. Krieg gegen Terror ist Schwachsinn und wir hören jetzt auf, in Form von 'Kollateralschäden' ganze Bevölkerungsteile in fremden Ländern auszulöschen." Nochmal: jede westliche Kugel ERZEUGT Terror - ob sie nun trifft oder nicht. Das heißt, dass die Gefahr immer größer wird, je mehr "Einsätze" es gibt. Jedoch halte ich es für maximal wahrscheinlich, dass genau das der Sinn all dieser Einsätze ist. Niedergeworfene Länder sind in Not, sie kaufen alles und zu jedem (politischen) Preis. Am liebsten Waffen, aber Deutschland ist ja auch nicht umsonst der dritte Weltmeister im Rüstungsexport. Da klingt das: "Wir müssen Freunde ertüchtigen!" ziemlich unangenehm, wenn Merkel diese Exporte in Krisenregionen verteidigt. Wen bezeichnet sie eigentlich als "Freunde"? Ich denke, sie meint die Taliban, die schätzen deutsche Waffen sehr, wie ich höre!
warumeigentlich 21.01.2014
5.
wurde von einem freundlichen Herren von der Taliban für sich beansprucht. Es ist schon schwer für mich als Europäer den Islam zu unterscheiden von "Islam ist Frieden" bis zu der Tötung von Menschen und Mord aufrufen irgendeinen angeblichen Gelehrten. Was mir leider auffällt ist, dass sich deutlich mehr Muslime mit ihrer Religion brüsten, sie vor sich her tragen. Ein bisschen aus trotz vielleicht auch aus stolz. Frauen tragen vermehrt Kopftücher und Männer Bärte, zumindest in den Großstädten. Dabei frage ich mich ernsthaft, wie man sich mit Religion brüsten kann insbesondere mit einer derart rückständigen und intoleranten. Wenn es ein paar Fanatiker gibt und diese ein Fleckchen Land brauchen um ihre Religion zu leben, dann geben wir es ihnen doch. Die, die dort leben wollen können gerne den Westen und andere Länder verlassen und in dieses lustige neue Land einziehen. Das wäre ein spannendes Experiment. Ob es lohnenswert ist mit diesem Land diplomatische Beziehungen zu pflegen würde sich zeigen. Ich glaube, dass solange das Land nicht über Erdöl verfügen würde, wäre es bitter Arm und auf internationale Hilfe angewiesen.
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