Pakistan Viele Tote bei Terrorüberfall auf Moscheen in Lahore

Bewaffnete Extremisten haben in der pakistanischen Stadt Lahore zwei Moscheen überfallen und um sich geschossen. Mehr als 70 Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. Die Polizei stürmte die Gotteshäuser.

AFP

Lahore - Die Angreifer schossen mit Handfeuerwaffen und warfen Granaten: Extremisten griffen am Freitag in der ostpakistanischen Stadt Lahore zwei Moscheen an. Bewaffnete Überfallkommandos drangen während des Freitagsgebets in die Gotteshäuser der religiösen Minderheit der Ahmadi ein.

Nach Angaben der Behörden kamen mindestens 70 Menschen ums Leben. Zwischenzeitlich schien es so als sei der Überfall beendet. Doch am Nachmittag flammten die Schüsse wieder auf. Verletzte seien in Krankenhäuser gebracht worden, sagte ein Sprecher der Rettungskräfte - unter den Verwundeten seien auch Polizisten.

Da beide Angriffe auf die mehrere Kilometer voneinander entfernten Moscheen zeitgleich stattfanden, geht die Polizei von einer konzertierten Aktion aus. An beiden Moscheen bildeten die Menschen Menschenketten, noch während die Polizei sich mit den in den Gotteshäusern verschanzten Terroristen Gefechte lieferte. In einem der beiden Gebäude entschärften Sicherheitskräfte eine Bombe, die an einer Weste befestigt war. Offensichtlich wollte sich einer der Attentäter damit in die Luft sprengen. Zu dem Anschlag bekannten sich pakistanische Taliban-Milizen.

Pakistan wird seit Jahren regelmäßig von Anschlägen erschüttert. In den vergangenen drei Jahren ereigneten sich etwa 400 Anschläge, mehr als 3300 Menschen starben dabei. Für die meisten Attentate werden islamistische Taliban oder Kämpfer des Terrornetzwerkes al-Qaida verantwortlich gemacht.

In Lahore hatten Extremisten in den vergangenen Monaten mehrfach Anschläge verübt, jedoch nicht auf die Ahmadi-Minderheit. Die Ahmadi-Gemeinde in Pakistan wurde Mitte der siebziger Jahre auf Druck der sunnitischen Mehrheit im Land von der Regierung unter Zulfikar Ali Bhutto zu Nicht-Muslimen erklärt. Seither werden sie diskriminiert, Tausende von ihnen flüchteten in der Folge ins Ausland.

Die Ahmadis werden in der gesamten islamischen Welt verfolgt. Der Grund dafür liegt mehr als ein Jahrhundert zurück: 1891 verkündete der gläubige Muslim Hazrat Mirza Ghulam Ahmad aus dem nordwestindischen Dorf Qadian, zwei Jahre zuvor Offenbarungen von Gott erhalten zu haben. Er sei der vom Propheten Mohammed verheißene Messias und zudem Reinkarnation von Jesus, Buddha und Krishna zugleich. "Ich bin von Gott als eine Manifestation Seiner Macht erschienen, und ich bin eine Verkörperung Seiner Macht", schrieb er auf.

Mit diesen Worten begründete Ahmad die Ahmadiyya-Bewegung, zur deren erstem Kalifen er sich ernannte - und prompt die Wut vieler Muslime auf sich zog. Ungläubig sei er, ein Häretiker, heißt doch das islamische Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet." Wie, fragen sich empörte Muslime, könne sich da jemand anmaßen zu behaupten, ein neuer Prophet zu sein?

Ganz einig sind sich die Ahmadis selbst nicht, ob ihr Begründer nun tatsächlich ein Prophet ist oder nicht. Nach seinem Tod 1914 zerstritten sich seine Anhänger: Die einen sagten, Hazrat Mirza Ghulam Ahmad sei nur ein Erneuerer des Islams, die anderen, er sei sein Prophet. Es kam, wie in so vielen Religionen, zur Spaltung, die bis heute nicht überwunden ist. Die deutsche Ahmadiyya Muslim Jamaat gehört zu der großen Mehrheit der weltweit rund 200 Millionen Ahmadis, die den Gründer als Propheten verehren. Religionswissenschaftler gehen allerdings von weit weniger Anhänger dieser Glaubensströmung aus.

ffr/kaz/kgp/AFP/dpa/apn/AP/Reuters



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