Wahlsieger Nawaz Sharif Pakistan wählt einen alten Bekannten

Er ist wieder da: Nawaz Sharif, bereits zweimal Premier von Pakistan, wird wohl wieder Regierungschef. Seine konservative Muslimliga geht als Sieger aus den Wahlen hervor, dürfte aber auf Partner angewiesen sein. Es ist ein erstaunliches Comeback, nachdem ihm jahrelang Ablehnung entgegenschlug.

Von , Islamabad


Pakistan hat gewählt. Mehr als 60 Prozent der Wähler haben ihre Stimmen abgegeben, so viele wie noch nie zuvor. Die Menschen haben sich nicht von den Terrordrohungen der Taliban abschrecken lassen. Die Extremisten hatten die Wahlen als "unislamisch" bezeichnet, und die Pakistaner haben ihnen mit der hohen Wahlbeteiligung geantwortet. Das ist die gute Nachricht.

Aber warum haben sie einen Mann zum Sieger gemacht, der in den neunziger Jahren bereits zweimal die Chance hatte, sich als Regierungschef zu beweisen? Und der, so die Einschätzung der Menschen damals, gezeigt hat, dass er es nicht kann?

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Parlamentswahl in Pakistan: Comeback des Ungeliebten
Nawaz Sharif wird aller Voraussicht nach trotzdem zum dritten Mal Premierminister von Pakistan, jener Mann, den die Welt in Erinnerung behalten hat für die ersten pakistanischen Atomtests im Frühjahr 1998. In der Nacht auf Sonntag erklärte er sich und seine Partei, die konservative Muslimliga PML-N, zum Wahlsieger. "Gott hat uns mit diesem Sieg gesegnet", erklärte er. Noch liegt das amtliche Ergebnis nicht vor, womöglich wird er auf Koalitionspartner angewiesen sein. Gewiss ist aber: Sharif ist wieder der starke Mann Pakistans.

Westliche Diplomaten sehen den Wahlsieg mit Sorge. Denn Sharif hat angedeutet, dass er Gespräche mit den Taliban aufnehmen werde, um den Terror im Land zu beenden. US-Vertreter in Islamabad befürchten, dass Sharif die anti-amerikanischen Gefühle der Bevölkerung bedienen wolle. Pakistan könnte damit ein unzuverlässigerer Partner des Westens werden.

Spross einer Industriellenfamilie

Sharif, Spross einer Industriellenfamilie, strebte zunächst eine Karriere in der Wirtschaft an. Er wurde 1949 in Lahore geboren, wuchs in der Provinz Punjab auf und erarbeitete sich den Ruf eines erfolgreichen Managers. Doch in Pakistan sind Politik und Wirtschaft eng miteinander verflochten, und so begann Sharif, sich politisch zu engagieren.

Sharif gilt als Mann mit unbedingtem Willen zur Macht, ebenso gewitzt wie gerissen, als einer, der schlecht zuhören kann, der selten einer Diskussion aufmerksam folgt, sondern eher seinen eigenen Gedanken nachhängt, um plötzlich mit eigenen, gelegentlich originellen Ideen zu punkten. Er ist ein Mann, der sich dann aber kaum von seinen Vorstellungen abbringen lässt. Sharif liebt den theatralischen Auftritt, die große Geste, vor allem die Ankündigung von Großprojekten wie den Bau von Autobahnen. Politische Freunde beschreiben ihn als jemanden, der sich vom Schicksal für Höheres bestimmt sieht.

Das hat ihn in der Vergangenheit zu Höchstleistungen angetrieben, ihm aber auch geschadet. Kaum politisch aktiv wurde er mit Hilfe des Einflusses seiner Familie Regierungschef seiner Heimatprovinz Punjab. Das war 1985, mitten in der dunklen Diktatur des islamistischen Generals Zia ul-Haq, der Sharif förderte. Als der Militärherrscher 1988 bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben kam, sah Sharif seine Chance, nach ganz oben zu kommen. Doch er scheiterte an der charismatischen Benazir Bhutto von der Pakistanischen Volkspartei PPP. Bis zu ihrer Ermordung im Dezember 2007 sollte sie seine Gegnerin bleiben.

Als Bhutto 1990 wegen Korruptionsvorwürfen abgesetzt wurde, erfüllte sich Sharifs Lebenstraum: Mit gerade mal 40 Jahren wurde er Premierminister. Doch seine Verbissenheit ließ ihn mit dem damaligen Staatspräsidenten Ghulam Ishaq Khan aneinander geraten. Der sah sich als erfahrenen Staatsmann und erwartete von Sharif, dass er zu ihm aufschauen möge. "Der führt sich auf wie ein alter Schuldirektor und behandelt mich wie seinen dummen Schüler", sagte Sharif einmal im Kreise seiner Freunde.

Launenhaftigkeit, gepaart mit paranoiden Zügen

Sharif, der Stahlbaron, trieb Industrialisierung und Privatisierung voran, setzte sich dabei oft über Gesetze und Regeln hinweg - und sorgte dafür, dass seine Familie und seine Freunde gut wegkamen. Präsident Khan setzte ihn schließlich 1993 wegen Korruption ab. Zu Sharifs Schmach gewann bei den vorzeitigen Wahlen ausgerechnet seine Kontrahentin Bhutto.

Doch deren Korruption überbot selbst die von Sharif, und so musste auch Bhutto vorzeitig gehen. Bei den Wahlen 1997 erzielte Sharif daraufhin einen überwältigenden Wahlsieg. Mit seiner Zweidrittelmehrheit war er nun der unangefochtene Herrscher. Sharif entwickelte sich zum demokratisch gewählten Despoten. Per Verfassungszusatz schränkte er die Macht des Präsidenten ein, sorgte dafür, dass fortan er selbst die Macht zur Auflösung des Parlaments hatte und die Militärführung ernennen konnte. Ein Jahr später ließ er sich von Politikern aus aller Welt nicht davon abbringen, auf indische Nukleartests zu reagieren und ebenfalls Atombomben zu zünden.

Vor allem seine Launenhaftigkeit, gepaart mit paranoiden Zügen - ständig und überall witterte er eine Verschwörung gegen sich -, und sein ruppiger Umgang mit Mitarbeitern, die er in hohe Ämter beförderte, nur um sie kurze Zeit später zu feuern, ließen seine Beliebtheit rasch sinken. Und wieder war Korruption ein Problem.

Als er seinen Armeechef General Pervez Musharraf entlassen wollte, weil der nach Sharifs Darstellung eigenmächtig ein Gefecht gegen Indien in der Region Kargil begonnen hatte, stürzte Musharraf ihn. In der Bevölkerung stieß dieser unblutige Putsch, der nur wenige Stunden dauerte, größtenteils auf Zustimmung - die Menschen hatten ihren Premierminister satt.

Viele Jahre in Saudi-Arabien im Exil

Sharif musste ins Gefängnis und ging anschließend ins Exil nach Saudi-Arabien, wo er bis 2007 blieb. Als er dann nach Pakistan zurückkehrte, glaubte niemand, dass er je wieder an die Regierungsspitze kommen würde.

Jetzt ist die PML-N, inzwischen so etwas wie ein Familienbetrieb der Sharifs, wieder an der Macht. Unerwartet deutlich hat Nawaz Sharif seinen größten Herausforderer, den ehemaligen Cricketstar Imran Khan, geschlagen, der als relativer politischer Neuling ein "neues Pakistan" versprochen hatte. Weil Sharif aber eben alles andere als neu ist, steht Khan als Koalitionspartner nicht zur Verfügung. Seine Partei wurde zweitstärkste Kraft. Und die PPP, ewiger Gegner von Nawaz Sharif, landete abgeschlagen auf dem dritten Platz. Vielleicht wird Sharif sich diesmal mit ihr verbünden müssen, um eine regierungsfähige Mehrheit zu bekommen.

Das dürfte sein Ego diesmal etwas zügeln.

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Seite 1
marthaimschnee 12.05.2013
1.
Eigentlich ein schönes Beispiel dafür, daß die geheiligten Konzepte des Westens, Konkurrenzkampf und Demokratie, eben nicht grundsätzlich von sich aus das Beste hervor bringen. Da schaukelt sich Korruption auf und am Ende, nachdem die Nachfolger sich als noch schlimmer erwiesen haben, kommen die Vorgänger als Nachfolger und machen es noch schlimmer. Ist ja in Europa und den USA auch so, die Konserativen fahren die Karre in den Dreck und nachdem die darauf folgende Opposition sie nicht mit einem Fingerschnippen dort wieder rausbekommen, dürfen die Täten weiter wüten. Wobei man in Deutschland leider zugeben muß, daß die Sozialdemokraten die aktuelle Karre in den Dreck gefahren hat und die Konservativen sich freuen, daß ihnen diese verachtenswerte Aufgabe tatsächlich jemand abgenommen hat, der offensichtlich blöd genug dazu war .
monolithos 12.05.2013
2. Der Wahlausgang erinnert mich ...
... irgendwie an Berlusconi. Eine Wirtschaftsgröße wird wiederholt Regierungschef, obwohl man ihn zwischendurch satt hatte. Nur Bunga-Bunga fehlt noch ...
Maya2003 12.05.2013
3.
Zitat von marthaimschneeEigentlich ein schönes Beispiel dafür, daß die geheiligten Konzepte des Westens, Konkurrenzkampf und Demokratie, eben nicht grundsätzlich von sich aus das Beste hervor bringen. Da schaukelt sich Korruption auf und am Ende, nachdem die Nachfolger sich als noch schlimmer erwiesen haben, kommen die Vorgänger als Nachfolger und machen es noch schlimmer. Ist ja in Europa und den USA auch so, die Konserativen fahren die Karre in den Dreck und nachdem die darauf folgende Opposition sie nicht mit einem Fingerschnippen dort wieder rausbekommen, dürfen die Täten weiter wüten. Wobei man in Deutschland leider zugeben muß, daß die Sozialdemokraten die aktuelle Karre in den Dreck gefahren hat und die Konservativen sich freuen, daß ihnen diese verachtenswerte Aufgabe tatsächlich jemand abgenommen hat, der offensichtlich blöd genug dazu war .
Und die Führungsspitze der SPD (und der Grünen) hat sich nebenbei finanziell saniert - was den Verrat der Schröderianer nur noch schlimmer macht. Da ist mir Pakistan doch lieber, wenigstens versuchen dort die herrschenden Clans erst gar nicht den Schein von Ehrlichkeit und Seriosität zu erwecken, die sind OFFEN korrupt und der Vetternwirtschaft verpflichtet. Bei uns wird das alles hinter schönen Sprüchen und hohen moralischen Ansprüchen versteckt. Lumpen sind und bleiben sie trotzdem.
ratte321 12.05.2013
4.
Gebt den Muslimischen Nationen gemäßigte Muslimische Regierungen, kontrollierter Anti Amerikanismus, aber nur ein bisschen, die USA zieht sich auch zurück und alles wird gut. Keine Nation versteht es besser die Welt zu lenken wie die USA.
FlyingBottle 12.05.2013
5. Wo sollen das denn die Sozialdemokraten gewesen sein?
Zitat von marthaimschneeEigentlich ein schönes Beispiel dafür, daß die geheiligten Konzepte des Westens, Konkurrenzkampf und Demokratie, eben nicht grundsätzlich von sich aus das Beste hervor bringen. Da schaukelt sich Korruption auf und am Ende, nachdem die Nachfolger sich als noch schlimmer erwiesen haben, kommen die Vorgänger als Nachfolger und machen es noch schlimmer. Ist ja in Europa und den USA auch so, die Konserativen fahren die Karre in den Dreck und nachdem die darauf folgende Opposition sie nicht mit einem Fingerschnippen dort wieder rausbekommen, dürfen die Täten weiter wüten. Wobei man in Deutschland leider zugeben muß, daß die Sozialdemokraten die aktuelle Karre in den Dreck gefahren hat und die Konservativen sich freuen, daß ihnen diese verachtenswerte Aufgabe tatsächlich jemand abgenommen hat, der offensichtlich blöd genug dazu war .
Ich möchte hinzufügen, dass es 2005 eine sozialdemokratische Regierung war, die mit der Agenda 2010 Deutschland "aus dem Dreck zog". Es wurde die steigende Arbeitslosigkeit sowie Sozialbetrug bekämpft, jedoch werden sie mir zustimmen müssen, dass der Erfolg von Reformen im Allgemeinen eher nicht von heute auf morgen sichtbar wird, weswegen unsere derzeitige Regierung sich den Erfolg unverdient auf die Fahnen schreibt und sogar soweit geht sich selbst als "die erfolgreichste Regierung seit der Gründung der BRD" zu bezeichnen. Das eigentlich Schlimme ist jedoch, dass die Bürger dem auch noch glauben.
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